Sabine Haag: "Museen sollen nicht nur Bestände verwalten"

Interview28. Dezember 2013, 09:00
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Der mit Jahresende abgelaufende Fünfjahresvertrag von Sabine Haag als Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums wurde um weitere fünf Jahre verlängert. Im Interview spricht sie über vergangene Erfolge und zukünftige Pläne

STANDARD: Ihr mit Jahresende auslaufender Vertrag wurde wegen großen Erfolgs bereits verlängert. Überrascht oder von Anfang an erwartet und erhofft?

Haag: Erwartet habe ich mir nichts. Aber natürlich habe ich mir gewünscht und gehofft, dass ich einen zweiten Vertrag bekomme, weil manche der Visionen und Pläne nicht innerhalb von fünf Jahren erledigt werden können. Ich war mir auch sicher, dass ich gute Arbeit leiste, dass sich das Haus gut entwickelt, wir interessante Aktivitäten, eine gute Strategie entwickeln.

STANDARD: Konnten Sie alles umsetzen, was Sie sich vor fünf Jahren vorgenommen haben?

Haag: Das Megaprojekt, die Eröffnung der Kunstkammer, ist mir gelungen – sogar vor der Zeit. Natürlich habe ich andere größere, kleinere Projekte gehabt. Aber rückblickend gesehen bin ich eigentlich erstaunt, wie viel sich an unserem Haus, genauer gesagt, in den Häusern, getan hat. Wir sind ja ein Museumsverbund von drei Museen. Wieviel wir in den vergangenen fünf Jahren bewältigt haben: da könnte es einem fast ein bisschen schwindlig werden.

STANDARD: Vor zwei Jahren hieß es noch, das KHM sei fast pleite, Sie müssten 8,4 Millionen Euro sparen. In der Zwischenzeit ist die Kunstkammer nach Jahrzehnten wieder eröffnet und Sie sprechen von Ihrem erfolgreichsten Jahr.

Haag: Ja, wir schaffen eine schwarze Null, ein anderes Ergebnis würden uns auch weder Kuratoroium noch das Ministerium genehmigen. Es war tatsächlich ein sehr gutes Jahr mit mehreren Höhepunkten, die die Bandbreite unseres Hauses aufzeigen: Die Wiedereröffnung der Kunstkammer war ein international wahrgenommenes Großereignis mit großem Zuspruch des österreichischen, aber auch des internationalen Publikums. Und das zweite Halbjahr war geprägt durch die große Lucian Freud-Ausstellung, die sich  sofort zu einem unglaublich großen Publikumserfolg entwickelt hat. Aus diesen beiden Großereignissen heraus hat sich auch die Besucherzahl sehr erfreulich entwickelt und damit natürlich auch unsere Erlös-Situation, sodass wir sagen können: Es ist für uns ein Best-Case-Scenario ausgegangen.

STANDARD: Trotz höherer Kosten?

Haag: Ja, trotz erhöhter Kosten. Wir bespielen ja mit der Kunstkammer um 2.700 Quadratmeter mehr Fläche, haben aber für die Betriebskosten keine Erhöhung der Leistungsabgeltung bekommen. Also alles, was dafür notwendig war, mussten wir aus unserem operativen Budget heraus bestreiten. Das war nur möglich, weil wir sehr gut gewirtschaftet und tatsächlich die Besuchererfolge haben, die wir erhofften.

STANDARD: In der Besucheranzahl hat allerdings das Belvedere das KHM überflügelt. Ärgert Sie das?

Haag: Man kann die Zahlen von Belvedere und KHM am Maria Theresienplatz nicht vergleichen. Man muss immer die gesamte Instituion sehen, und da sehen die Zahlen wieder anders aus. Aber darum geht es mir nicht. Ich freue mich über jeden Besucher, der in irgendein Museum kommt. Denn die Besucherzahlen sind auch eine Benchmark, ob das Angebot, das die Museen legen, für ein Publikum relevant ist oder nicht. So gesehen kann man natürlich auch nicht sagen, dass Besucherzahlen uninterssant sind. Sie sind aber nur ein Teil dessen, wie man den Erfolg eines Museums messen kann. Das Belvedere hat ein anderes Profil als das KHM.

STANDARD: Apropos Profil: Sie wollen das KHM offenbar auch im begehrten Segment zeitgenössischer Kunst positionieren.

Haag: Wir sind das Museum alter Meister. Wir sammeln auch keine zeitgenössische oder modere Kunst. Aber das heißt nicht, dass wir uns nicht mit Fragen der zeitgenössischen Kunst auseinandersetzen dürfen. Denn das hieße doch, dass alte Kunst in einer Schublade steckt, auf der "Vergangenheit" obensteht und man sagt, sie habe mit der Gegenwart nichts zu tun. Das wäre eine falsche Einschätzung, eine Verkennung dessen, was Kunstgeschichte bedeutet. Es ist wichtig, dass sich die Ausstellungen, Präsentationen, die wir mit der alten, aber eben auch mit der zeitgenössischen Kunst machen, spezifisch mit den Sammlungen unseres Hauses beschäftigen. Sie sind nicht Selbstzweck nach dem Motto: Jetzt wollen wir auch am Erfolgskuchen mitnaschen, den zeitgenössische Kunst offenbar darstellt. Sondern für uns ist das Spannungsverhältnis interessant, das uns dazu motiviert, uns mit zeitgenössischem Schaffen auseinanderzusetzen. Ich sehe uns also nicht in direkter Konkurrenz zu anderen Museen, die sich mit diesem Segment der Kunst beschäftigen. Im Gegenteil! Wir haben, weil wir mit unseren Beständen rund 5000 Jahre Kunstgeschichte abdecken, weitreichendere Möglichkeiten, die wir klug und reflektiert einsetzen müssen.

STANDARD: Mit anderen Worten: Ihre Kernkompetenz – alte Meister – ist zu verstaubt?

Haag: Nein. Ich glaube sehr wohl, dass die alten Meister ein unglaubliches Potenzial, eine ganz komplexe Aussagekraft haben. Aber ich denke, es ist auch unsere Verpflichtung und Verantwortung, genau diese Kunst mit den Augen der Gegenwart zu betrachten. Es ist unglaublich spannend, wenn ein zeitgenössischer Künstler mit uns gemeinsam unsere Bestände besichtigt und seine Fragen stellt, die wir dann wieder durch und mit Kunst unserer Sammlung beantworten sollen.

STANDARD: Alle Museen zeigen alles: Widerspricht das nicht den Wünschen von Ex-Kulturministerin Claudia Schmied nach klarer Profilierung und Aufgabenteilung?

Haag: Ja, vielleicht wünscht man sich, dass es klare Regeln gibt, klare Aufgabengebiete und Handlungsanweisungen. Damit verliert man aber ein Stück an komplexem, an vernetztem Denken, am Spiel mit den Möglichkeiten, die man tatsächlich hat, wenn man sich reflektiert mit den eigenen Beständen auseinandersetzt. Es geht nicht so sehr darum, was man darf und was nicht. Sondern, ob ein Mehrwert für das Haus, für das Publikum herauskommt.

STANDARD: Die von Schmied initiierte Museumsneuordnung ist sanft entschlafen?

Haag: Ja. Aber wichtig ist, dass in den einzelnen Museen wieder ein Bewusstsein entstanden ist, dass man kreativer sein muss im Ausdenken von Attraktionen – im besten, nicht im Jahrmarkt-Sinn. Wir Museen sollen und wollen ja für ein Publikum da sein und nicht nur brav unsere Bestände verwalten.

STANDARD: Bewahren und Präsentieren, Forschen und Sammeln sind die vier Säulen der Museumsarbeit. Wie sieht es beim Sammeln aus?

Haag: Das Sammeln ist die einzige Säule in unserer Museumsarbeit, die wir nicht in dem Maß ausfüllen können, wie wir das sollten und auch wie wir das wollten. Das liegt nicht daran, dass gute Kunst nicht verfügbar wäre, sondern an eingeschränkten bis gar nicht vorhandenen finanziellen Möglichkeiten. Es gibt ja kein Ankaufsbudget, sondern wir müssen das – wie auch die anderen Museen – aus dem operativen Budget herausschälen. Hier sehe ich die  Möglichkeiten für das KHM doch sehr eingeschränkt. Manche Sammlungen sind zwar abgeschlossen; aber es gibt welche, wo ab und zu ein Objekt angeboten wird, das wir gern kaufen oder zurückkaufen würden. Vor allem wenn es schnell gehen soll, müssen wir traurig ablehnen, weil das Ankaufsbudget nicht aufstellbar ist. Mit einem Wort: Das Sammeln können wir bei weitem nicht so erfüllen, wie wir es gern würden. Aber das trifft andere Museen auch, vielleicht sogar stärker und schmerzhafter. Man darf uns nicht als Bittsteller sehen, sondern als Teil der nationalen Identität, der Geschichte. Bundesmuseen stellen einen Teil des Vermögens der Republik dar, da muss der Eigentümer – die Republik Österreich – einmal sagen, wieviel ihm das wert ist. Seit vielen Jahren steht der Wunsch der Museen nach einem nationalen Ankaufsbudget im Raum.

STANDARD: In Spar- und Krisenzeiten sind Subventionserhöhungen nicht sehr wahrscheinlich.

Haag: Hier geht es nicht um Subventionen. Im Koalitionspapier der Deutschen heißt es ganz am Anfang: Jede Investition in die Kultur ist keine Subvention, sondern eine Investition in die Zukunft. Genau das sollte ohne Punkt und Beistrich auch für Österreich gelten. Wenn wir diese Grundsatzerklärung in den Köpfen und Aktivitäten der handelnden Personen verankern könnten, haben wir viel gewonnen.

STANDARD: Mittlerweile sind Ihnen zwei handelnde Personen, die für Sie zuständigen Minister für Kultur bzw. für Wissenschaft und Forschung abhanden gekommen. Wünsche an die Nachfolger?

Haag: Ein besseres Ankaufsbudget steht ganz oben auf der Wunschliste. Und wir wünschen uns auf jeden Fall für uns zuständige Verantwortungsträger, die ein Herz und Verständnis für Kultur mitbringen.

STANDARD: Ist ein eigenes Ministerium wichtig? Die Zusammenlegung des Wissenschafts- mit dem Wirtschaftsressort hat ja für großen Unmut gesorgt.

Haag: Die Frage ist, ob es nur um Begrifflichkeiten geht. Es muss auf jeden Fall klargestellt sein, dass es auch eine Manövriermasse, dass es budgetäre Möglichkeiten gibt.

STANDARD: Sammeln, haben Sie früher gesagt, ist eine schwache Säule geworden. Wie sieht es mit der Forschung aus?

Haag: Das ist natürlich eine der ganz wesentlichen Säulen unseres Hauses. Aber wir sind eine sehr große außeruniversitäre Forschungsanstalt. Vielen ist nicht bewusst, was an unserem Haus an Forschung passiert, die sich nicht immer sofort in Ausstellungen oder Publikationen niederschlägt. Wir sehen natürlich auch, dass es unsere Verantwortung ist, unsere Forschung auch außerhalb der unmittelbaren Wissenschaftscommunity sichtbar zu machen. Deshalb haben wir im Dezember die erste öffentliche Forschungskonferenz veranstaltet. Das ist eine Bringschuld, die ich für unser Haus sehe. Nur so kann klarer werden, wofür es die vielen Wissenschafter am Haus braucht, von denen ich natürlich weiß, dass sie von bösen Zungen immer wieder in Frage gestellt werden.

STANDARD: Bleibt noch Bewahren: Sie konnten ja Ihre Depotsituation durch ein neues Zentrallager drastisch verbessern.

Haag: Bewahren zeigt sich in mehreren Aspekten: Wir müssen in der Gegenwart, aber für die Zukunft bewahren. Dazu gehört die möglichst optimale Form des Bewahrens in den ständigen Schausammlungen. Mustergültig dafür ist die neue Kunstkammer, die nicht nur eine ästhetisch schöne State-of-the-Art-Präsentation der Kunstwerke sein soll und auch ist, sondern auch eine State-of-the-Art-Bewahrung der Objekte. Ja, und ein ganz wesentliches Projekt der vergangenen Jahre war die Errichtung eines neuen Zentraldepots an der Stadtgrenze von Wien, wegzugehen von einem sehr langlebigen Provisorium in der Stadt. In beachtlich kurzer Zeit und unter Einhaltung des Budgets haben wir ein Vorzeigedepot geschaffen, das ausausreichend Platz und entsprechende Möglichkeiten, vor Ort zu arbeiten, bietet. Wir haben Werkstätten eingerichtet, es gibt Fotografiermöglichkeiten, eine Begasungseinrichtung und vieles andere mehr. Es hat ein richtiger Besichtigungstourismus von befreundeten Institutionen eingesetzt, weil wir wirklich ein richtungsweisendes Depot hingestellt haben.

STANDARD: In fünf Jahren haben Sie beachtliche Großprojekte realisiert. Nun planen Sie das Völkerkundemuseum als Weltmuseum wiederzueröffnen.

Haag: Und zwar 2016, Anfang 2017. Wir haben ambitioniert geplant, aber unsere bisherige Projektgeschichte zeigt, dass wir eines wirklich gut können: Innerhalb der Zeit mit den vorgegebenen Budgets zu arbeiten. 27 Millionen Euro ist unterm Strich natürlich viel Geld. Aber es handelt sich um eines der größten völkerkundlichen Museen weltwelt mit bedeutenden historischen Gegenständen. Das Weltmuseum Wien hat ja ein ähnliches Schicksal wie die Kunstkammer: Das Verschlossensein über einen längeren Zeitraum tut einem Museum niemals gut. Daher ist unser absolutes Bestreben, die Timeline zu erreichen.

STANDARD: Welche Pläne wollen Sie in den nächsten fünf Jahren noch realisieren?

Haag: Im KHM selber arbeiten wir an einem Step-by-Step-Refurbish der Gemäldegalerie, mit Ende nächsten Jahres sollten wir damit fertig sein. Es geht darum, das, was wir in der Kunstkammer vorgelegt haben, auch in den anderen Sammlungen zu etablieren, sie publikumsfreundlicher zu präsentieren. Ein Projekt, das ich auch gern umsetzen möchte, ist eine Neuaufstellung der Schatzkammer in der Hofburg. Die letzte war 1986, vor 27 Jahren – das wäre der Turnus, den man für Neuaufstellungen einrechnen muss. Die Schatzkammer ist die weltweit bedeutendste, mit den Insignien des Heiligen Römischen Reiches, mit dem Goldenen Vlies. Da geht es um die Geschichte Europas, die Geschichte des Abendlandes. Das muss man, das sollte man auch aktueller, zeitgemäßer inszenieren können. Gerade im Bereich der Museumspräsentation hat sich ja in den letzten dreißig Jahren viel getan. Und dann gibt es das Desideratum, die Infrastruktur des Hauses signifikant so zu verbessern, dass wir fest im 21. Jahrhundert verankert sind.

STANDARD: Heißt konkret?

Haag: Den Eingangsbereich besser zu gestalten, Vortragssäle, Gastronomie-Einrichtungen, die ursprünglich nicht eingeplant waren, aber uns unglaublich fehlen. Das heißt, wir müssen an eine räumliche Ausweitung des Hauses denken, sei es über der Erde, wie es in anderen Museen weltweit ganz selbstverständlich möglich ist. Nur wir in Österreich tun uns da sehr schwer. Ein Anbau, ein Wing über der Erde hat als sichtbare Landmark natürlich ganz andere Möglichkeiten, als wir mit einer Erweiterung unter der Erde – Stichwort Unterkellerung Maria Theresienplatz – erreichen könnten. Mir ist klar, dass wir dafür Partner brauchen, wir führen auch intensive Gespräche, haben Projekte aufgesetzt mit dem Naturhistorischen Museum, das Museumsquartier würde auch mitspielen. Es gäbe viele Möglichkeiten. Dass etwas passieren muss, ist klar. Ich hoffe, dass es nicht eines der Vorhaben ist, die erst viele Generationen später verwirklicht werden. (Andrea Schurian, DER STANDARD, Langfassung, 28.12.2013)

Sabine Haag (51) Die in Bregenz geborene Kunsthistorikerin arbeitet seit 1990 im Kunsthistorischen Museum, zunächst als Kuratorin der Kunstkammer, ab 2007 als deren Direktorin sowie als Direktorin der Weltlichen und Alten Geistlichen Schatzkammer. Seit 2009 ist sie Generaldirektorin des KHM. Ihr Vertrag wurde bis 2018 verlängert.

  • KHM-Generaldirektorin Sabine Haag will das Haus über- oder unterirdisch vergrößern.
    foto: khm

    KHM-Generaldirektorin Sabine Haag will das Haus über- oder unterirdisch vergrößern.

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