Frankreich als erstaunlich erfolgreiche Zeitbombe

26. Dezember 2013, 18:59
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Frankreich sei eine Zeitbombe, behaupten liberale Ökonomen. Doch das französische Modell erweist sich in vielen Bereichen als erstaunlich resistent

Liberale Wirtschaftstheoretiker verzweifeln gleich doppelt an Frankreich. Zum einen an seinen Kennzahlen: Arbeitslosigkeit von elf Prozent, Staatsschuld von 92 Prozent und Staatsausgaben von 56 Prozent des Bruttoinlandproduktes; dazu eine Steuer- und Abgabequote von 46 Prozent, Rentenalter 62, Wochenarbeitszeit von 35 Stunden. Eigentlich müsste der Patient Frankreich - der Economist nennt ihn gar eine "Zeitbombe" - längst in der Intensivstation liegen.

Tut er aber nicht. Die Zinsen für zehnjährige Anleihen, ein wichtiges Barometer für den Gesamtzustand eines Landes, liegen in Frankreich nicht viel höher als in Deutschland. Marktökonomen klagen, die Lohnstückkosten hätten in Frankreich seit der Einführung des Euro stark zugenommen. In den Exportbranchen - etwa der Autoindustrie - liegen sie aber nicht höher als in Deutschland. Die gesetzliche Wochenarbeitszeit von 35 Stunden habe katastrophale Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit, wird zudem moniert. Allein, die Franzosen machen dies durch eine - gegenüber Deutschland um fünf Prozent - höhere Produktivität wett.

Permanenter Widerspruch

Vielleicht ist das so, weil man im Land des Savoir-vivre das lästige Arbeiten möglichst schnell hinter sich bringt. Zu allem Elend müssen die globalisierten Franzosen heute auch noch Englisch sprechen. Kein Wunder, heißt ein Buch von Industrieminister Arnaud Montebourg: Votieren Sie für die Ent-Globalisierung! Ein Minister, der den Unternehmen die Weltwirtschaft näherbringen sollte, aber eine Brandrede gegen den Freihandel hält: Das ist wohl nur im Land des permanenten Widerspruchs möglich.

Es zeigt, wo Frankreich der Schuh wirklich drückt. Sein gemischtwirtschaftliches System ist nicht für die Globalisierung gemacht. Frankreich ist eine alte, katholische Agrarnation, die Großtaten wie den TGV und das Überschallflugzeug Concorde vollbracht hat. Die Franzosen sind Bauern, Autobauer, Ingenieure wie Gustave Eiffel, aber keine Kaufleute wie die Briten, keine Exporteure wie die Deutschen. Und sie produzieren nach ihrem Rhythmus: Ein Bordeaux-Wein braucht schließlich Jahre bis zu seiner Entfaltung.

Mehr Vollzeitjobs

Für sich allein genommen klappt das französische System ganz gut. Die Franzosen schimpfen wohl gerne über die hohe Steuerlast, aber sie wissen auch, dass sie dafür etwas erhalten. Straßen und Schulen, Spitäler und das Sozialwesen funktionieren zwar bürokratisch, aber sie funktionieren; und dank der großzügigen Familienpolitik kann die Französin ihre durchschnittlich zwei Kinder (Rekord in Kontinentaleuropa) gut mit ihrem Job vereinen.

Mit ihrem Vollzeitjob, wohlgemerkt. In Frankreich arbeiten 81 Prozent der Erwerbstätigen ganztags, bedeutend mehr als in Deutschland (73 Prozent). In Frankreich arbeiten also weniger Frauen Teilzeit. Das treibt die Arbeitslosenstatistik hoch. Die Zahl von elf Prozent Arbeitslosen ist deshalb nur halbwegs schlüssig. Die aktuelle Debatte um die "Entsenderichtlinie" der EU belegt, dass Frankreichs Problem teilweise außerhalb seiner Grenzen liegt. Weil die Unternehmensabgaben in Frankreich hoch sind, arbeiten zahllose "entsandte" Osteuropäer auf französischen Baustellen und Weinbergen.

Industrie-Jobs fallen weg

Überdies verlagern Unternehmen weiterhin ihre Arbeitsplätze ins Ausland. Seit der Jahrtausendwende sind in Frankreich 800.000 Industriestellen weggefallen, seit Jahresbeginn 100.000. Die Linksregierung in Paris erweist sie sich als machtlos gegen diesen Trend. Dringend nötig wäre, darüber herrscht in Paris von links bis rechts Einigkeit, die Förderung mittelgroßer Unternehmen. "Dieses fehlende Glied in der Kette verunmöglicht die Existenz einer funktionierenden Exportwirtschaft wie in Deutschland", schätzt der Pariser Finanzberater Alain Fabre. "Das kostet uns etwa drei Millionen Jobs."

Das sind genau so viele Jobs, wie Frankreich Arbeitslose zählt. Die Sozialpartner verlangen seit langem ein skandinavisch angehauchtes System der "Flexisecurity" mit einem flüssigeren Kündigungsrecht und zugleich besserem Sozialschutz; fast noch häufiger stellen sie heute auf das "österreichische Modell" ab. Doch Präsident François Hollande und Premier Jean-Marc Ayrault haben bisher nur eine verwässerte Arbeitsmarktreform produziert, die diesen Namen nicht verdient. Zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit offerieren sie den Firmen 20 Milliarden Euro an Steuergutschriften, doch nur wenige der Nutznießer beanspruchen die komplizierte und bisher wirkungslose Maßnahme.

Streitpunkt Arbeitszeit

Wie die Arbeitslosigkeit sonst zu bekämpfen wäre, ist in Paris höchst umstritten. Liberale Theoretiker fordern eine Verlängerung der Wochen- und Lebensarbeitszeit. Doch der Ökonom Pierre Larrouturou, der eine ökologisch markierte Partei namens "Nouvelle Donne" (etwa: New Deal) aus der Taufe gehoben hat, will die weitherum kritisierte 35-Stundenwoche sogar durch eine 32-Stundenwoche ersetzen. Diese solle bei Entlassungen und Betriebsschließungen von Gesetzes wegen eingeführt werden, fordert der Weggefährte von Ex-Premierminister Michel Rocard als Übergangsmaßnahme. Larrouturou will so 500.000 Stellen schaffen.

Mit Verweis auf den deutschen Sozialdemokraten Gerhard Schröder verlangen viele französischen Politiker drastische Senkung der Lohnkosten. Die Gewerkschaft CGT entgegnet, zuerst gehörten die Kapitalkosten gesenkt. "Nicht die Abgaben und Steuern behindern die Unternehmen, sondern fehlende Investitionen und Forschungsbudgets - und die schrumpfen wegen hoher Dividenden und Aktionärsgewinne", meint CGT-Vorsteher Thierry Lepaon. Er stützt sich auf eine Studie des Wirtschaftsbüros Clersé aus Lille, dem zufolge die französische Wirtschaft 93 Milliarden Euros an Aktionäre von Firmen abführt, die nicht rentabel sind. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 27.12.2013)

  • Frankreichs Präsident Hollande hat bisher wenig erreicht, um das Land aus seinem Trott zu bringen. Doch trotz kritischer Berichte hält sich die Grande Nation in mancher Hinsicht ganz gut.
    foto: reuters/wojazer

    Frankreichs Präsident Hollande hat bisher wenig erreicht, um das Land aus seinem Trott zu bringen. Doch trotz kritischer Berichte hält sich die Grande Nation in mancher Hinsicht ganz gut.

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