Der Ausverkauf der Kirchen in den Niederlanden

26. Dezember 2013, 18:31
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In den Niederlanden schwinden die gläubigen Christen. Die Folge ist, dass zahlreiche Kirchenrelikte ins Ausland verkauft werden müssen

Nur widerwillig gibt die schwere alte Holztür nach. Harry Lammers lässt den großen Schlüsselbund wieder in seiner Jackentasche verschwinden. "Vorsicht – Stufe!" warnt er beim Betreten der Sint Annakerk in Amstelveen bei Amsterdam. Das Kirchenschiff ist so gut wie leer, an den Wänden haben Bilderrahmen Ränder hinterlassen.

"Dort  hingen bis vor kurzem die 14 Kreuzwegstationen", seufzt Lammers. Ein Glück, dass eine andere Kirche sie gebrauchen konnte. Das große Kreuz über dem Altar allerdings hängt immer noch. Es kommt aus Oberammergau. "Das wollte bisher keiner haben, das ist zu groß", erklärt der 73-jährige Niederländer.  Auch das Tabernakel auf dem Altar hat trotz seiner prächtig verzierten Jugendstiltüren noch keinen Abnehmer gefunden: "Wenn ich nur wüsste, was wir damit machen sollen!"  

Lammers ist stellvertretender Kirchenratvorsitzender - und seine Sint Annakerk eine von hundert  niederländischen Kirchen, die jedes Jahr schließen müssen: Die Kirchenbänke blieben sonntags zu Dreivierteln unbesetzt. Die Zahl der Christen in Europa schrumpft – auch in den Niederlanden. Dort verlieren die vereinten protestantischen Kirchen und die römisch-katholische Kirche zusammen jedes Jahr 170.000 Mitglieder.

Kirchen als Moscheen genutzt

"Wenn es in diesem Tempo weitergeht, gibt es 2050 keine Protestanten mehr und 25 Jahre später auch keine Katholiken", weiß Lammers’ Begleiter Marc de Beyer. Der 41-jährige Museumskonservator hilft den Bistümern beim Ausräumen ihrer Gotteshäuser: Er hat ein Handbuch herausgebracht mit Richtlinien für das Schließen von Kirchen und das Veräußern von Kircheninventar.

"Jede Woche müssen bei uns zwei Kirchen geschlossen werden", rechnet de Beyer vor. Noch schneller sterben die Klöster in den Niederlanden: 160 gibt es derzeit noch, 1500 mussten in den letzten 15 Jahren schließen. Lediglich zehn werden überleben, schätzt de Beyer. Er spricht vom dritten Bildersturm: "Der erste war im 16. Jahrhundert, der zweite kam in den 1960er Jahren mit dem 2. Vatikanischen Konzil." Damals wurde beschlossen, auch katholische Kirchen schlichter einzurichten, worauf der Beichtstuhl etwa verschwand. "Und nun erleben wir den dritten Bildersturm."

Dutzende leer stehende Sakralbauten bekamen in den Niederlanden in den letzten Jahren eine neue Funktion. Einige dienen immer noch als Gotteshaus, sind jetzt aber Moscheen, andere wurden in Wohnungen, Restaurants und Hotels umgewandelt, in Läden, Kindergärten und sogar Supermärkte.

Niederländische Kirchenbänke in der Ukraine

Bei der Auflösung des Kircheninventars wird als erstes versucht, Gegenstände in den Kirchen benachbarter Pfarrbezirke unterzubringen. Nächster Abnehmer sind Kirchen im Ausland. Vor allem in den einstigen Ostblock-Ländern ist die Nachfrage groß: Dort standen viele Kirchen lange leer, seit dem Zusammenbruch des Kommunismus werden sie wieder bezogen und auch viele neue Kirchen gebaut. In der Ukraine etwa konnten bereits mehrere Gotteshäuser mit Kirchenbänken, Kreuzwegstationen und Kerzenständern aus geschlossenen niederländischen Kirchen neu eingerichtet werden.

Auch in der Dominikanischen Republik wurde gerade eine Kirche mit Mobiliar ausgestattet, das aus Kirchen und Klöstern in Den Haag und Nimwegen stammt. Denn auch wenn die Zahl der Christen in Westeuropa dramatisch sinkt: "Weltweit wächst das Christentum stärker als der Islam!"weiß Kirchenratvizevorsitzender Lammers.   

Er holt seinen großen Schlüsselbund wieder aus der Jackentasche und bewegt sich Richtung Sakristei. Hier stehen noch ein paar Heiligenbilder und gut ein Dutzend größere und kleinere Kerzenständer, die bislang keinen Abnehmer fanden. Lammers macht ein paar Schubladen mit lithurgischen Gewändern auf: "Die sind auch übrig geblieben."

Sie werden wohl im Depot landen oder - im äußersten Falle – vernichtet werden. Das ist die letzte Richtlinie im Handbuch von de Beyer. Er kam nicht darum herum, sie aufzunehmen. Das liegt vor allem daran, dass die katholische Kirche im Gegensatz zur protestantischen die profane Nutzung geweihter Gegenstände verbietet. Von der allerletzten Möglichkeit, Privatpersonen als Abnehmer zu gewinnen, kann die katholische Kirche dadurch nur in beschränktem Maße Gebrauch machen.

Außerdem, so betont de Beyer ganz nüchtern: "Wir können nicht alles aufbewahren, immerhin geht es um schätzungsweise 150.000 Objekte, die bis 2018 überflüssig werden!" (Kerstin Schweighöfer aus Den Haag, DER STANDARD, 27.12.2013)

  • Egal ob Modeschauen, Kindergärten oder Restaurants - viele Kirchen in den Niederlanden werden zweckentfremdet.
    foto: epa/freek van asperen

    Egal ob Modeschauen, Kindergärten oder Restaurants - viele Kirchen in den Niederlanden werden zweckentfremdet.

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