Wissenschaft und Wirtschaft, das verdient eine Chance

Kommentar der anderen26. Dezember 2013, 18:01
85 Postings

Mit der Eingliederung des Wissenschaftsministeriums in das Wirtschaftsressort wird politisch eine Entwicklung nachvollzogen, die in der Forschung längst Realität ist. Die Erfahrung lehrt: Geben wir dieser Entwicklung eine Chance

Dass schwarze Fahnen an den Universitäten auf Halbmast hängen, erbost mich als Universitätschirurg und angewandter Wissenschafter. Fahnen auf Halbmast sehe ich an Universitäten für gewöhnlich nur, wenn wirkmächtige Universitätslehrer zu Grabe getragen werden. Dass gegenwärtig die Wissenschaft zu Grabe getragen wird, glaube ich nicht. Fakt ist vielmehr, dass die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der Universitäten vom Bundesministerium schon Realität ist.

Ebenso verhält es sich mit der Ökonomisierung der Wissenschaft. Ich nehme an meiner beruflichen Heimat, der Medizinischen Universität Wien, wahr, dass alle wissenschaftlichen und klinischen Prozesse ökonomisiert werden. Überall werden Kennzahlen etabliert und kontrolliert, Leistungsnachweise müssen erbracht werden. Patientenwohlergehen, Fehlerkultur und wissenschaftliche Leistung werden ebenfalls durch Rankings gemanagt. Von den jeweiligen Rektoren werden "Leistungsvereinbarungen" mit dem Ministerium akkordiert.

In den 1990er-Jahren habe ich die Universitäten noch als "selbstreferenzielle Eliteschmieden" erlebt, wo Familienzugehörigkeit und persönliche Bekanntschaften Aufstiegschancen determinierten. Die Chefaussage "Wo ist die Wissenschaft?" bedeutete: "Wer von meinen Freunden gibt dir eine Chance, wissenschaftlich zu arbeiten, damit du bei einer Stellenbewerbung wissenschaftliche Publikationen nachweisen kannst?"

Um das Jahr 2000 sind dann die "ökonomischen" Zeiten angebrochen: Heute rekrutieren medizinische Universitäten mithilfe von Eingangsprüfungen die besten Studenten, veranstalten Mentoring-Programme und bilden die nächste Generation von "Wissensträgern" optimal aus. Im Bereich der Medizin wird zum Teil bereits am Arbeitsmarkt vorbeiproduziert, weil gerade durch die geforderte wissenschaftliche Prägung die Arbeit als praktischer Arzt manchen Studierenden möglicherweise als uninteressant erscheint.

Freilich muss man auch zugeben, dass die Ansprüche an die neue Generation nur noch mit einem selbstverachtenden Arbeitseinsatz zu erfüllen sind. Ein "kalter Wind" weht in allen Arbeitsbereichen - in der Wissenschaft, in der Lehre und auch "draußen" in der Wirtschaft.

Das rasant voranschreitende Präkariat, die immer geringer werdende Zahl an vollwertigen Arbeitsplätzen, ist Realität. Wie viele Menschen kenne ich, die trotz perfekter Qualifikation in ihrem Beruf in den Betrieben keine Chance bekommen, sei es an Hochschulen, im Rundfunk, in Zeitungen oder Softwarefirmen? Überall wird gespart, und junge Menschen werden mit Versprechen einer potenziellen Anstellung zu Höchstleistungen animiert.

Ein semantisches Problem?

Wir alle arbeiten immer härter und finden keinen Ausweg aus dem Rat Race. Aber was stört eigentlich an dieser Ressortzusammenlegung? Geht es um Semantik - dass ein gewichtiges Wort wie "Wissenschaft" ein eigenes Ministerium behält? Oder wehrt man sich dagegen, dass institutionell etwas nachvollzogen wird, was in unserer Gesellschaft ohnedies bereits spürbare Realität ist? Die Zusammenlegung des Wirtschafts- und Wissenschaftsressorts entspricht dem Zeitgeist, der "Elfenbeinturm" ist nicht mehr zu halten. Wissenschaft kann und darf sich fragen, ob die geleistete Arbeit auch eine Relevanz für die Gesellschaft hat.

Warum meine Wortspende? Ich verdanke meine wissenschaftliche Karriere an der Universität dem Wirtschaftsministerium und privaten "Angelinvestoren". Im Jahr 2009 wurde mir ein Christian-Doppler-Labor zugesprochen, um eine Therapie für Herzinfarkt, Schlaganfall und Rückenmarkverletzungen zu entwickeln. Ich war gezwungen, das Interesse vonseiten "der Wirtschaft" an meinen Forschungen zu suchen, weil bekannte Förderinstrumente öffentlicher Forschungsförderung, wie FWF, Wiener Bürgermeisterfonds u. a., mehrere Förderanträge negativ beurteilt hatten.

Fruchtbares Miteinander

Zurzeit ist die Christian-Doppler-Forschungsgesellschaft das beste Förderangebot der österreichischen Gesellschaft an ihre Wissenschafter. Sieben Jahre Forschung werden mit bis zu maximal 700.000 Euro pro Jahr gefördert. Mit diesen Mitteln kann an Universitäten sinnvoll Personal ausgebildet, Wissen für die Gesellschaft generiert und die österreichische Wirtschaft gefördert werden - und das bei maximaler Freiheit der wissenschaftlichen Fragestellungen. Dieses Beispiel zeigt, dass Wissenschaft massiv vom Wirtschaftsministerium profitieren kann. Ich bin der festen Überzeugung, dass durch die Verschränkung von Wirtschaftsförderung und Forschungsförderung sehr viel in diesem Lande zum Besseren verändert werden kann. In weiterer Folge sollte ein gesellschaftlicher Konsens in einem noch zu definierenden "Forschungsförderungsgesetz" hergestellt werden. Warum kann sich z. B. eine Gesellschaft nicht darauf einigen, die steuerliche Abschreibbarkeit von "privater" Forschungsförderung an Universitäten und privaten Forschungsunternehmen zu ermöglichen?

Wissenschaft und Wirtschaft sind ein konstantes "In-Alternativen-Denken" . Die Sichtweise, dass Wirtschaft und Wissenschaft einander befruchten, ist für mich gelebte Realität. Versachlichen wir die Diskussion und geben wir dieser Entwicklung eine Chance. (Hendrik Ankersmit, DER STANDARD, 27.12.2013)

Assoc. Prof. Univ.-Doz. Dr. HENDRIK JAN ANKERSMIT, MBA, Oberarzt an der Abteilung für Thoraxchirurgie, MUW Wien, Leiter des Christian-Doppler-Labors für Diagnose und Regeneration von Herz- und Thoraxerkrankungen.

Share if you care.