Europa, Vienna oder: Weihnachten auf Lampedusa

Blog25. Dezember 2013, 11:26
9 Postings

Der Heilige Abend ohne Konsumtempel und irgendwo zwischen Afrika und Europa

780 Nautische Meilen oder fast 1450 Kilometer sind wir von zu Hause entfernt. Wir sind auf einem kleinen Felsen irgendwo zwischen Lybien, Tunesien und Italien - zwischen Afrika und Europa. Umgeben von freundlichen Leuten fällt uns auf, dass wir in einer ständigen Interaktion, in ständiger direkter Kommunikation mit den Menschen stehen: Ein Lächeln da, eine Auskunft dort, Blickkontakt, der gesucht und nicht gemieden wird.

Auch wenn wir schon einigen begegnet sind, die - nennen wir das Kind beim Namen - von Europa ziemlich angepisst sind, beschließen wir die Fahnen aller 28 EU-Mitgliedsstaaten zu setzen. Am Heck unseres Schiffes steht dessen Name: "Europa" - Heimathafen: "Vienna". Europa besteht eben nicht nur aus Brüssel, Berlin, Wien oder Rom. Es besteht auch nicht nur aus Frontex oder Eurosur. Vieles sieht umgeben vom Duft der Vanillekipferln und des Weihrauchs ganz anders aus. Mittags kommt die Sonne heraus und der Wind, der nun langsam auf West dreht, macht für ein paar Stunden Pause, wohlige Wärme, zusammengekniffene Augen. Weihnachten?

Weihnachten auf Lampedusa

Lampedusa hat keine Konsumtempel. Vielleicht liegt es daran, dass Weihnachten hier so beiläufig stattfindet. "Inseln sind begrenzte Territorien", sagt Antonino, der beim Radio arbeitet: "Unsere Ressourcen sind begrenzt". Dann stellt er fest: "Ohne seine Bewohner wäre Lampedusa nichts als ein bedeutungsloser Steinhaufen. Mit Europa ist es nicht anders, oder?"

Ein morgendlicher Espresso im Cafe Porto, eine Runde durch die Stadt. Schnee und Tannenbäume sieht man hier nur als Plastikattrappen. Dann herrscht plötzlich hektische Betriebsamkeit: Militärfahrzeuge fahren durch den Ort, gefolgt von einem PKW. Das interessiert uns. Vor dem Bootsfriedhof, wo normalerweise gar nichts ist, steht tatsächlich eine Militärpatrouille, mediengerecht. Aus dem Konvoi steigt ein offenbar ranghoher Offizier, wartet bis die Journalisten in Position sind und die Kameras laufen, um dann der "Truppe" einen Weihnachtsbesuch abzustatten. Das Bild, das vermittelt wird, habe nichts mit Lampedusa zu tun, hat Alessia gestern gesagt. Wie könnte ich ihr nicht glauben?

Apropos Alessia: Als wir gestern mit ihr am alten Hafen gedreht haben, wurden wir unserseits von einem Soldaten in Gefechtshaltung gefilmt. Zufällig, betonte er auf Nachfrage, er wollte nur die Palmen filmen. Aber da wir schon am Hafen sind, bleiben wir auf einen Teller Pasta bei unseren Freunden vom L'Aragosta. Kann ja nicht schaden. Ein Kriegsschiff kreuzt vor der Hafeneinfahrt.

Das Grab eines unbekannten Migranten

300 "Migranti" wurden in den frühen Morgenstunden des 24. Dezember ausgeflogen, heißt es im Radio: Palermo, Mailand, Rom. Angeblich würden nur achtzehn der Schmugglerei Beschuldigte über die Feiertage auf der Insel bleiben, sie müssten noch verhört werden. Wenn ich daran denke, was am Festland auf die Einwanderer wartet, bin ich mir nicht sicher, wer es besser erwischt hat.

In der Nähe des Flughafens entdecken wir den Friedhof. Die Gräber sind auffallend unterschiedlich, Fotografien der Verstorbenen, die meisten schwarz-weiß, wenige in Farbe, vermitteln ein Gesicht der Insel. Seltsam, wie nahe man dem Leben an diesem Ort kommt. Und dann mittendrin, nicht als geschmücktes Denkmal, sondern vollends in der Gemeinschaft aufgenommen, das Grab eines unbekannten Migranten. Vielleicht findet dieses Bild ja seinen Weg unter den ein oder anderen Christbaum, zwischen die Hochglanzpakete, denke ich mir, und Antonino sagt: "Für die Menschen, die hier leben, einfache Fischer, gilt das Gesetz der See: Wer in Not ist bekommt Hilfe. Basta."

Einwanderer nicht "Flüchtling"

Und dann fällt die Sonne blutrot ins Meer am "Heiligen Abend". So, als wollte sie daran erinnern, dass der große Friedhof nicht auf der Insel ist, sondern davor.
Ich glaube ich habe begriffen, warum die Lampedusaner nicht das Wort "Flüchtling" verwenden, sondern "Einwanderer" und beschliesse es ihnen fortan gleich zu tun.

Wie groß muss die Not sein, damit Menschen sich diese Reise antun? Wie groß ist unsere Angst - und: wovor? -, dass wir sie wegdrängen, ausgrenzen und wenn es gar nicht mehr anders geht in Lager und Ghettos sperren, möglichst weit weg von unseren Häusern und Städten?

Schöne Weihnachten. (Fabian Eder, derStandard.at, 25.12.2013)

  • Unser Boot hat die Fahnen aller 28 EU-Mitgliedsstaaten gehisst.
    foto: fabian eder

    Unser Boot hat die Fahnen aller 28 EU-Mitgliedsstaaten gehisst.

  • Lampedusa hat keinen Konsumtempel.
    foto: fabian eder

    Lampedusa hat keinen Konsumtempel.

  • Die Gräber auf Lampedusas Friedhoof sind auffallend unterschiedlich.
    foto: fabian eder

    Die Gräber auf Lampedusas Friedhoof sind auffallend unterschiedlich.

Share if you care.