Lampedusa: Der südlichste Punkt unserer Reise

Blog24. Dezember 2013, 10:30
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Nach einer ruhigen Überfahrt in einer Vollmondnacht erreichen wir Lampedusa am frühen Morgen. Schwere Wolken zeichnen wilde Muster in den Himmel, Fischerboote tummeln sich nahe der Küste. Scherenschnittartig hebt sich die "Porta d’Europa" ab, als wir einlaufen.

Lampedusa im Dezember hat fast nichts von einer Urlaubsinsel, und das wenige wischt der Dezemberregen achtlos weg. Der Hafen ist voll. Jede Menge Fischerboote - hier ist die Fischerei Lebensunterhalt. Wir finden Platz an einem kleinen Schwimmsteg und haben Glück: Das Boot, das normalerweise hier liegt, steht zur Reparatur an Land.

Unprätentiöse italienische Kleinstadt

Das Ortsbild ist unscheinbar und hat mit dem Italien unserer mitteleuropäischen Wintersehnsüchte auf den ersten Blick nichts zu tun. Eine unprätentiöse italienische Kleinstadt. Die Via Roma ist Fußgängerzone, die meisten Lokale sind geschlossen. Die notwendigen Geschäfte finden wir - Haushaltswaren, Supermarkt, Gemüsehändler.

Donnerstag und Freitag entdecken wir immer wieder Journalisten, die herumstreifen, Interviews machen und nach Bildern suchen. Nicht leicht hier, der Charme der Insel vermittelt sich nicht, wenn man sie schnell ansieht. Die Menschen scheinen die Fremden gewöhnt zu sein, sie sind freundlich, aber distanziert. Mit dem Freitagabend-Flieger verschwinden die meisten Journalisten aus dem Stadtbild. Neben den Maschinen aus Palermo und Catania schweben des Öfteren Helikopter herein, mal von der Küsternwachen, mal von der Marine.
Unter den Inselbewohnern ist die Entrüstung über das jüngst veröffentlichte Video groß, ständig ist es in den überall hängenden Flachbildfernsehern zu sehen. Auffällig ist die enorme Präsenz staatlicher Institutionen: Küstenwache, Guardia di Finanza, Carabinieri, Polizia, Militär - alle haben sie viele Autos und Boote, manche eben auch Hubschrauber, hin und wieder kommen auch Flugzeuge. Ich spreche eine Frau darauf an, die nur bitter lächelt. "Sie sollen uns vor den Migranten beschützen", raunt sie mir zu, "aber ich habe vor den Migranten weniger Angst als vor den Polizisten und Militärs. Es sind einfach schon viele."
Das beschreibt vielleicht auch das Verhältnis der Menschen zueinander, die sich auf der Insel befinden, jener, die dauerhaft hier leben, und jener, die vorübergehend hier sind. Sie sprechen nicht von "Flüchtlingen" oder "Illegalen", hier werden sie praktisch ausnahmslos "Migranti" genannt. So auch eine Gruppe aus Eriträa, die mit dem Boot vor 10 Tagen hier angekommen ist. Sie leben im Lager oberhalb der Stadt, wirken entspannt und lachen - sie haben das Tor nach Europa durchschritten, sie sind nicht unwillkommen, werden - von der Bevölkerung - wie Menschen aufgenommen und behandelt und es scheint auch keine Berührungsängste zu geben: Sie sind Teil des Strassenbildes und in Lokalen. Freilich, sie werden nicht bleiben, sondern weiter gehen nach Sizilien oder aufs Festland. Und sie werden Lampedusa sicher noch vermissen. "Es ist lächerlich", erzählt uns Paola, "bei Catania gibt es ein Lager, in dem fünftausend Migranti untergebracht sind. Aber es ist im Niemandsland, weit weg von allem! Was sollen die da machen? Romantisch durch die Landschaft spazieren? Das ist doch Schwachsinn. Mit Integration hat das jedenfalls nichts zu tun.", und sie erklärt uns weiter, dass die Lampeduser sich nicht mal als Sizilianer fühlen und schon gar nicht als Italiener. Man gehe seine eigene Wege und habe es nicht anders gelernt. Die Insel sei überhaupt erst seit den 1840er Jahren besiedelt. Eine karge Insel, kaum Landwirtschaft, das Überleben hier war und ist nicht einfach, stellt ziemliche Anforderungen an die Bewohner.

Die Kirche an der Via Roma ist groß. Trotzdem haben wir nicht den Eindruck auf einer katholisch dominierten Insel zu sein, jedenfalls ein deutlicher Unterschied zu Malta und Gozo. Priester haben wir in den ersten Tagen noch keinen auf der Strasse gesehen.  
Wir beginnen aufzufallen, weil wir nicht zu jenen gehören, die gleich wieder weg sind. "Ach, die mit dem Boot", sagen sie und ein Fischer hebt die Augenbraue, als wir ihm erzählen, dass wir von Griechenland herübergekommen sind.

Wie schon erwähnt haben die meisten Lokale zu, aber vor einem entdecken wir abends eine ganze Gruppe von Polizeifahrzeugen. Ein gutes Zeichen, meinen wir, und die Einschätzung stimmt. Im "L'Aragosta" an der Hafenstrasse kocht die Chefin persönlich, klarerweise gibt es Fisch, alle Arten auf jede erdenkliche Weise zubereitet. Damit zeichnet sich ein verdammt konkreter Plan für den kommenden Dienstag abend ab.
Wir sind also angekommen. Die Regenwolken verziehen sich für ein paar Stunden, und es kommen offene und herzliche Menschen mit einem gewinnenden Lächeln  zum Vorschein. Und Lampedusa enthüllt seinen Charme. (Fabian Eder)

 

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