Tausende Tote: Krisengespräche im Südsudan

26. Dezember 2013, 13:39
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UNO: Massengräber entdeckt - Sicherheitsrat entsendet 5.500 Blauhelme - Armee meldet Eroberung der Stadt Bor - UNO fordert 166 Millionen Dollar Hilfe

Juba - In Südsudans Hauptstadt Juba haben Krisengespräche über ein Ende der Gewalt in dem afrikanischen Land begonnen. Zu dem Treffen kam der südsudanesische Präsident Salva Kiir am Donnerstag mit seinem kenianischen Amtskollegen Uhuru Kenyatta sowie dem äthiopischen Regierungschef Hailemariam Desalegn zusammen. Diese versuchen, in dem Konflikt zu vermitteln.

Südsudans entlassener Vizepräsident Riek Machar, der mit Staatschef Kiir verfeindet ist, nahm allerdings nicht teil. Er erklärte sich in einem Interview zwar zu Friedensgesprächen bereit, diese müssten aber in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba stattfinden.

Aufstockung von UN-Truppen

Unter dem Eindruck neuer Berichte über Massentötungen und Menschenrechtsverletzungen im Südsudan haben die Vereinten Nationen nahezu eine Verdoppelung ihrer Truppen in dem afrikanischen Land beschlossen. Einstimmig verabschiedete das mächtigste UN-Gremium am Dienstag (Ortszeit) eine Resolution, die die Verstärkung der 7.000 UN-Sicherheitskräfte um weitere 5.500 Soldaten und 440 Polizisten erlaubt.

"Die wichtigste Aufgabe der Soldaten ist es, Zivilisten zu schützen", sagte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon nach der Abstimmung. "Aber wir müssen uns im Klaren sein, dass die UN-Truppen auch mit der Verstärkung nicht jeden Zivilisten werden schützen können. Deshalb ist eine sofortige politische Lösung der Krise unabdingbar. Eine militärische Lösung kann es nicht geben."

Unterstützung gesucht

Die Truppen sollten "rasch" entsendet werden. "Aber es gibt noch viele Fragen zu beantworten. Wir brauchen diese Soldaten, wir brauchen auch Kampf- und Unterstützungshubschrauber, Transportflugzeuge und andere Ausrüstung. Diese Probleme können nicht über Nacht gelöst werden." Die Truppen und Fahrzeuge sollen von anderen Friedensicherungsmissionen in Afrika abgezogen werden.

"Die Angriffe auf Zivilisten und Blauhelme müssen sofort aufhören", sagte Ban. "Die UN werden die Verbrechen dokumentieren, denn die Schuldigen müssen zur Verantwortung gezogen werden. Jeder im Südsudan sollte wissen, dass die Augen der Welt auf ihn gerichtet sind."

UN fordert 166 Millionen Dollar

Angesichts der anhaltenden Kämpfe haben die Vereinten Nationen zu raschen Spenden für die notleidende Bevölkerung aufgerufen. Bis März bräuchten die Hilfsorganisationen mindestens 166 Millionen Dollar (rund 121 Millionen Euro) zum Unterhalt der Flüchtlingslager sowie für Lebensmittel und Gesundheitsvorsorge, erklärte das UN-Büro zur Koordination der Nothilfe (OCHA) am Mittwoch.

Die Lage der Menschen in dem noch jungen Staat sei sehr schwierig, zur Rettung von Leben sei rasche internationale Hilfe notwendig, erklärte der OCHA-Vertreter für den Südsudan, Toby Lanzer.

Tausende getötet

Bei den Unruhen in den vergangenen Tagen waren Tausende Menschen ums Leben gekommen, darunter auch zwei indische UN-Soldaten. Seit Tagen wird die offizielle Opferzahl mit 500 angegeben. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen äußerten aber die Befürchtung, dass die Zahl weit höher ist. Aus seiner Sicht bestehe "kein Zweifel" daran, dass die Zahl der Toten "in die tausende" gehe, sagte der stellvertretende Leiter der UN-Mission im Südsudan (UNMISS), Toby Lanzer, am Dienstag vor Journalisten in der Hauptstadt Juba.

Südsudans UN-Botschafter Francis Deng dankte den UN für die Truppenverstärkung. "Niemand will zurück in den Krieg, unter dem unser Volk Jahrzehnte leiden musste", sagte er nach der Abstimmung. "Ich versichere Ihnen, dass meine Regierung unter schwierigen Umständen alles ihr Mögliche tut, um Stabilität und Ruhe wieder herzustellen."

Kurz zuvor hatte US-Außenminister John Kerry eine friedliche Lösung der Krise gefordert. Er telefonierte mit dem im Juli entlassenen südsudanesischen Vize-Präsidenten Riek Machar, um Gespräche zwischen diesem und der Regierung in Gang zu bringen, wie CNN unter Berufung auf einen Ministerialbeamten berichtete. Kerry habe auf einen Waffenstillstand und unverzügliche politische Gespräche gedrungen. Ein Machtkampf von Präsident Salva Kiir mit seinem Ex-Vize Machar ist Hintergrund der schweren Unruhen im Land. Sie gehören verfeindeten Volksgruppen an.

Ethnische Gewalt

Den Vereinten Nationen zufolge sind mindestens 100.000 Südsudanesen Vertriebene im eigenen Land. 45.000 Zivilisten hätten auf UN-Stützpunkten Schutz gesucht. Die Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, zeigte sich besorgt über "zunehmende Menschenrechtsverletzungen" . "In den letzten Tagen sind massenweise außergerichtliche Tötungen und Angriffe auf Menschen allein wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit und die willkürliche Einkerkerung von Menschen dokumentiert worden."

Dutzende Opfer sind nach UN-Angaben verscharrt worden. "Wir haben ein Massengrab in Bentiu, im Bundesstaat Unity, entdeckt und es gibt Berichte über mindestens zwei weitere Massengräber in Juba", sagte Pillay in Genf. Nach Angaben von UN-Diplomaten sollen mindestens 75 Leichen gezählt worden sein.

Die Regierungstruppen eroberten unterdessen nach eigenen Angaben Bor von den Rebellen zurück. Die Armee hätte die Stadt am Abend eingenommen, sagte Informationsminister Michael Makwei der Nachrichtenagentur AFP am Dienstag. Die Rebellen seien auf der Flucht. "Das ist das Geschenk der Regierung Südsudans an das Volk", sagte Makwei.

Er räumte zugleich ein, dass die Schusswechsel in der Stadt andauerten. Die Rebellen, die offenbar keinen großen Widerstand leisteten, hatten die Stadt etwa eine Woche lang unter Kontrolle gehabt und rund 17.000 Bewohner zur Flucht in völlig überfüllte UN-Blauhelm-Stützpunkte getrieben. Die USA hatten am Sonntag Hunderte US-Bürger und andere Ausländer aus Bor ausgeflogen.  (APA, 24.12.2013)

  • Viele Zivilisten haben in einem UNO-Stützpunkt Zuflucht gefunden
    foto: reuters/james akena

    Viele Zivilisten haben in einem UNO-Stützpunkt Zuflucht gefunden

  • Flüchtlingslager der UNO in einem Lagerhaus in Juba
    foto: reuters/james akena

    Flüchtlingslager der UNO in einem Lagerhaus in Juba

  • Zwei UN-Soldaten außerhalb der Hauptstadt Juba. Derzeit sind rund 7.000 Blauhelme im Einsatz im Südsudan.
    foto: reuters/james akena

    Zwei UN-Soldaten außerhalb der Hauptstadt Juba. Derzeit sind rund 7.000 Blauhelme im Einsatz im Südsudan.

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