Wie der Weihnachtskarpfen zu den Polen kam

23. Dezember 2013, 18:07
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Und wie die vermeintliche "Uralt-Tradition" als Erfindung der Kommunisten enttarnt wurde

Zu einem richtigen polnischen Weihnachtsfest gehört ein Karpfen. Er muss nicht groß sein, in jedem Fall aber noch leben, wenn er nach Hause getragen wird. In der Badewanne planscht er noch ein paar Stunden, bis sein letztes Stündlein schlägt, er in der Pfanne brutzelt oder in Aspik eingelegt wird.

Schon Tage vor der polnischen "Wigilia" geben TV-Köche Tipps, wie ein Karpfen fachgerecht ins Jenseits befördert wird. Da viele Zuseher schwache Nerven haben und im entscheidenden Moment wegschauen, wird das "Karpfen-um-die-Ecke-Bringen" mehrfach wiederholt.

Vor einigen Jahren verkündeten Polens Bischöfe eine revolutionäre Botschaft: Mit Aufgehen des ersten Sterns am 24. Dezember ende das Adventsfasten. Statt fleischloser Gerichte könnten also auch Gans, Wildbret oder Schweinsbraten zum Fest kredenzt werden.

Dies bedeutete für viele Polen einen Bruch mit der "alten Tradition" des Karpfen-Essens. Dieses Jahr enthüllte das Nachrichtenmagazin Newsweek Polska die Geschichte der angeblich "urpolnischen Sitte" des Karpfen-Essens als kommunistische Notlüge. Da die Planwirtschaft vor allem Mangel - etwa an Zucker, Schokolade und Fleisch - produzierte, dachte sich das Politbüro etwas aus, von dem es einmal im Jahr ausreichend geben sollte: den Karpfen zu Weihnachten.

Demzufolge ist die "uralte" Karpfen-Tradition in Polen gerade einmal zwei Generationen alt. Möglich wär's: Nach den drei Teilungen durch Russland, Preußen und das Habsburgerreich waren die Polen 120 Jahre lang dem jeweiligen Einfluss der Herrscher ausgesetzt. Eine einheitliche Tradition konnte sich von 1919 bis 1939 wohl kaum ausbilden. (Gabriele Lesser aus Warschau, DER STANDARD, 24.12.2013)

  • Der Fisch wird noch lebend gekauft
    foto: reuters/david w cerny

    Der Fisch wird noch lebend gekauft

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