Der Traum vom Gold und der vom Geld

23. Dezember 2013, 17:56
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Als der Sport noch an seiner weltlichen Unschuld hobelte, fielen manche Athleten wie Späne. 1912 etwa ein gottbegnadeter Indianer

Die beiden waren, was man - manche ganz ungeniert, manche schon damals unterm Ironievorbehalt - ein Traumpaar genannt hat. 1957 hatten Marika Kilius, 14-jährig, und der ein Jahr ältere Hans-Jürgen Bäumler einander gefunden und in weiterer Folge ihre Bewegungen so aufeinander eingeschliffen, dass das schon zwei Jahre später ins Auge nicht nur, aber schon auch der Preisrichter gefallen ist.

In Davos, 1959, wurden sie Europameister im Paarlauf, in Colorado Springs im gleichen Jahr Vizeweltmeister. Und in dieser Tonart ging es weiter. Olympiazweite 1960 in Squaw Valley. Vier Jahre später, vor einem halben Jahrhundert also, in Innsbruck, wiederholten die zwei Traumdeutschen diesen Erfolg. Wer sollte also diese Herzeige-Teenager - Conny Froboess und Peter Kraus auf Schlittschuhen quasi - stoppen können?

Der Amateurparagraf

Das Internationale Olympische Komitee wusste diesbezüglich Hilfe und Rat. Und gerade weil es Ende Jänner ein halbes Jahrhundert her sein wird, dass Olympia erstmals in den heimischen Bergen zu Gast war, darf man daran erinnern, dass Karl Schranz, diese Wutgeburt aus dem japanischen Sapporo, nicht der ärmste und schon gar nicht der erste ärmste Hund unter der gnadenlosen Amateursonne war.

Kurz nach den Innsbrucker Spielen von 1964 wurde nämlich bekannt, dass Kilius/Bäumler schon vor diesem Olympia bei der Wiener Eisrevue, dem einstigen Paralleluniversum zu Holiday on Ice, einen Profivertrag unterschrieben hatten. Die Silberne wurde ihnen deshalb im Handumdrehen aberkannt, so wie das bei Olympia seit jeher üblich war und bis zum Wirken von Juan Antonio Samaranch - der katalanische Faschist war von 1980 bis 2001 IOC-Präsident - geblieben ist.

Zweifellos zwackte und zwickte die rigide Amateurbestimmung damals an allen Ecken und Enden des olympischen Reglements. Von Leuten wie Samaranch, die eifrig die eigene Suppe kochten, wurde freilich zielgenau und selbstbezüglich darauf hingearbeitet, gleich das Kind mit dem Bad auszuschütten.

Bis Samaranch mag der internationale Sport - bedrängt von den Staatsamateuren des Ostens, der Professionalguerilla des Westens und den bis heute ja tätigen Dopinglabors da wie dort - betulich gewesen sein. Aber in seiner Betulichkeit wahrte er treu - ja, okay: treuherzig - die so nötige Distanz zur Welt. Der Sport war in vielerlei Hinsicht nicht nur deren Ab-, sondern eben auch deren Gegenbild. In ihm schlummerte, bei aller Brutalität der rein agonistischen Rempelei, immer noch ein Stückerl schöner Schein. Und das Feuer, das diese ästhetische Utopie, allen Unken zum Trotz, am Glühen hielt, war der Umstand, dass niemand sie, um kein Geld der Welt, kaufen konnte.

Der Indianer

In diesem hehren Unterfangen verbrannten zuweilen halt auch die begabtesten Kinder. Einer der Ersten war ein gewisser Wa-Tho-Huck vom Stamm der Sauk-Fox, der unter dem Namen Jim Thorpe 1912 Mitglied der US-amerikanischen Olympiamannschaft gewesen ist. Thorpe, so schwärmen Chronisten bis heute, war ein wahrhaft gottbegnadeter Athlet, für den die Bezeichnung Allroundler deutlich zu kurz greifen würde.

1912 in Stockholm holte er sich in überlegener Manier Gold im damals noch ausgetragenen Fünf- und dem erstmals auch olympischen Zehnkampf. Daneben brillierte er wie selbstverständlich im Baseball, Lacrosse und Football. Dwight Eisenhower, der spätere US-Präsident, der von Thorpe bei einer Football-Partie verletzt worden ist, erzählte einmal, Thorpe hätte nie trainiert, konnte alles gleichwohl besser. Sogar ein wettkampfmäßig engagierter Tänzer soll er gewesen sein.

Dummerweise braucht auch ein so Begnadeter von Zeit zu Zeit ein bisserl Geld. 1913 wurde bekannt, dass der Superman aus Oklahoma, den New York nach der Rückkehr aus dem olympischen Übersee sogar mit einer Konfettiparade geehrt hatte, um Geld Baseball gespielt hatte. Das gab er denn auch zu, gab in diesem Geständnis aber doch auch der Hoffnung Ausdruck, dadurch entschuldigt zu sein, "that I was simply an Indian schoolboy". Die Goldenen wurden ihm dennoch aberkannt. Das IOC war diesbezüglich sogar einstimmig.

Der Präsident

Mit hoher Wahrscheinlichkeit setzte sich damals aber ein Teamkollege Thorpes für ihn ein. Ein ambitionierter Sportkamerad aus Illinois, der in Stockholm Sechster im Fünfkampf geworden war. Avery Brundage hieß dieser Teamkollege. 1952, da hatte das deutsche Traumpaar sich noch nicht einmal zum Schlittschuhlaufen gefunden, wurde dieser Brundage IOC-Präsident. Und blieb es 20 Jahre lang, bis 1972, als er Karl Schranz mit dem olympischen Ausschluss von Sapporo zum österreichischen Märtyrer und Gerd Bacher mit seiner Orgel ORF zum Schreckgespenst des Heldenplatzes machte.

Dass Brundage nicht nur ein verzopfter Fanatiker war - wie vor allem hierzulande bis zur Ermüdung gepredigt wurde - erwies sich spätestens mit seinem tatsächlich ewiggestrigen Nachnachfolger, der von 1980 an den olympischen Sport ökonomisch entfesselte. Samaranch und sein ballesterisches Vorbild, der brasilianische Fifa-Chef João Havelange, machten den Sport zur Blase.

Jim Thorpe wurde 1983, dreißig Jahre nach seinem Tod, wieder in die olympischen Listen aufgenommen. Das deutsche Traumpaar, längst schon im echten Showbiz zu Ehre und Auskommen gelangt, folgte 1987. Der Preis dafür war allerdings die endgültige Säkularisierung des Sports: dass er nur noch geübt wird, solange er sich als Investment rechnet. Solange also der längst absehbar gewordene Überdruss nicht die Quote in den Keller schickt. (Wolfgang Weisgram - DER STANDARD, 24.12. 2013)

  • Jim Thorpe (ganz rechts) matcht mit seinem Football-Team der Indian Industrial School in Carlisle, Pennsylvania. Das Foto ist mit 1912 datiert, dem Jahr seiner olympischen Triumphe. 
    foto: ap

    Jim Thorpe (ganz rechts) matcht mit seinem Football-Team der Indian Industrial School in Carlisle, Pennsylvania. Das Foto ist mit 1912 datiert, dem Jahr seiner olympischen Triumphe. 

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