Letzte Weihnachten in der Minischule am Berg

23. Dezember 2013, 18:25
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Der Volksschule Ebnit, hoch oben über Dornbirn, fehlen die Kinder. Nur mehr drei Mädchen und ein Bub besuchen hier den Unterricht. Kommendes Jahr ist dann endgültig Schulschluss am Berg

Dornbirn - Vier Paar Kinderschuhe stehen im Flur. Was nach Großfamilie ausschaut, ist keine. Die Schuhe gehören Hannah, Lea, Elena und Philip. Die vier sind die letzten Schülerinnen und Schüler der Volksschule in Ebnit, einer Dornbirner Bergparzelle. Nächstes Jahr wird die Kleinschule geschlossen.

Große Pause im Schulhaus auf 1100 Meter Seehöhe. Kein Lärm, keine herumrennenden Kinder. Hannah, Elena und Lea sitzen auf den Tischen, flechten sich gegenseitig Zöpfe. Philip sitzt daneben, plaudert mit den Mädchen. Zöpfe flechten will er nicht. Es ist ein besonderer Tag für die Viertklässler. Der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien, die letzte Weihnachtsfeier in der alten Schule und der Tag, an dem sie die Mathe-Schularbeiten zurückbekommen haben.

"Eine wichtige Schularbeit", sagt ihre Lehrerin Inge Drexel. Schließlich gehe es für die Kinder um die Entscheidung für die weitere Schullaufbahn: "Viel zu früh, ich bin für die gemeinsame Schule." Nächstes Jahr werden die Kinder in die Sporthauptschule, die Musikmittelschule und zwei ins Gymnasium wechseln. Was wird dort anders sein? Die Antwort kommt spontan und gleichzeitig von allen vier Kindern: "Viel lauter wird es sein, und viel mehr Kinder sind dort."

"Ein Geschenk der Stadt"

Sie waren auch schon mehr. Zehn, neun? Man diskutiert heftig, einigt sich auf neun. Neun Kinder verschiedener Schulstufen waren in der Klasse, geblieben sind vier Viertklässler. Inge Drexel sieht es "als Geschenk der Stadt, dass sie uns dieses Jahr noch abschließen lässt". Für die Weiterführung der Schule im 119-Menschen-Dorf hoch über Dornbirn fehlt nicht das Geld, es fehlen die Kinder. Das Leben in der Bergparzelle hat sich geändert. Die Eltern arbeiten unten im Tal, nehmen die Kinder mit in die Ganztagsschulen. Die Ebniter Kinder werden ab 2014 wie alle anderen in mehrklassige Schulen gehen. Wie war das Lernen in der einklassigen Volksschule? "Anstrengend", sagen die Kinder. "Die Großen haben von Dekagramm und Millionen gelernt", erinnert sich Philip, "und wir haben gar nicht gewusst, von was die reden."

Inge Drexel hingegen findet den gemeinsamen Unterricht "unglaublich spannend". Sie zollt den Kindern Respekt: "Was und wie Kinder voneinander lernen, das kann die beste Pädagogin nicht erreichen." Das gemeinsame Lernen präge das Sozialverhalten. "Es gibt keine Hierarchien, Viertklässler blicken nicht auf Erstklässler herab, die Kinder lernen, Verantwortung zu übernehmen."

Ballspiele schwierig

Die Kinder singen mit Lichterkranz und Kerzen von Santa Lucia. Eine Strophe sogar auf Norwegisch. Ihre Lehrerin hat Skandinavistik studiert, das fließt so nebenbei in den Unterricht ein. Und auch das Faible von Frau Drexel, der diplomierten Theaterwissenschafterin, für das Theater. "Die Tranquilla Trampeltreu haben wir gespielt", erzählen die Kinder stolz. Mindestens so wichtig ist ihnen das Arbeiten an der Werkbank. Stolz präsentieren sie hölzerne Bleistifthalter in Nilpferd- und Hundeform. Selten lustig war in der Kleinschule, da sind sich die Kinder einig, das Turnen: "Wie soll man denn zu viert richtige Ballspiele machen?"

Ebnit ist die kleinste der Vorarlberger Schulen. Jede fünfte Schule in Vorarlberg hat unter 30 Schülerinnen und Schüler. Der Bundesrechnungshof kritisierte die Kosten. Die Landesregierung will Kleinschulen jedoch erhalten - solange Bedarf besteht. (Jutta Berger, DER STANDARD, 24.12.2013)

  • Große Pause in der Volksschule Ebnit: Elena, Hannah, Lea und Philip - und die ganze Schule ist schon komplett.

    Große Pause in der Volksschule Ebnit: Elena, Hannah, Lea und Philip - und die ganze Schule ist schon komplett.

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