Weihnachtskrise

23. Dezember 2013, 16:57
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Fernsehen ist nicht mehr, was es war

Es soll ja Menschen geben, die zu Weihnachten nicht fernsehen, die sich selbst striktes Liegeverbot vor derm Kastl auferlegen. Zu ihnen gehöre ich nicht, und deshalb bin ich empört.

Ja, empört! Der 24. Dezember ist ein Tag, an dem Rituale schamlos gefeiert werden. Meiner beginnt gegen elf Uhr mit "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" (ARD). Das war die letzten zwanzig Jahre so, und so soll es auch weiterhin bleiben, bitteschön. In den Nachmittag hinein geht es mit Pippi Langstrumpf und dem Michel (ZDF), da bin ich mir wirklich nicht zu blöd.

Am Nachmittag steht dieses Jahr ein besonderer Leckerbissen am Programm. Der mitteldeutsche Rundfunk beglückt mich Fernsehjunkie mit exquisiter Märchenkunst aus der Hochblüte sowjetrussischer Kinderfilmkunst: "Abenteuer im Zauberwald", "Die Schneekönigin" und "Der Hirsch mit dem goldenen Geweih". Dass ich das noch erleben darf! Später glänzen meine trüben Fernsehaugen noch über "Horton hört ein Hu" (ATV), und schön langsam könnte ich mich auf den Höhepunkt meines Abends einstimmen. Nach Essen, Bescherung folgt gemeinhin allgemeine Erschöpfung, Körper und Geist sind bereit für die Sinnfrage, kurz, sie sind bereit "Ist das Leben nicht schön?" Doch nicht in diesem Jahr. Das Unfassbare ist passiert. Seit ich weiß nicht wann findet sich in keinem einzigen Sender des Free-TV-Angebots der Weihnachtsfilm schlechthin. Ich kann also nicht sehen, wie James Stewart die Krise kriegt, und wie er wieder da rauskommt.

Verzichten muss ich dennoch nicht darauf, es gibt schließlich andere Bezugsquellen, aber schön ist das nicht: Fernsehen ist nicht mehr, was es war. (Doris Priesching, DER STANDARD, 24./25./26.12.2013)

  • James Stewart in "Ist das Leben nicht schön?".
    foto: liberty films

    James Stewart in "Ist das Leben nicht schön?".

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