Christus mit Hackler-Bräune

23. Dezember 2013, 21:32
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Verweilen statt eilen ist ein gutes Motto für den Ausstellungsbesuch: Insbesondere bei den Tafelmalereien des "Meisters von Schloss Lichtenstein" macht sich das bezahlt

Wien - "Seit man nicht mehr in die Kirche geht, ist das Theater der einzige öffentliche Gottesdienst sowie die Literatur die Privatandacht." Und das Museum der Ort der Stille, könnte man Franz Grillparzers 1836 notierten Aphorismus ergänzen. Und tatsächlich hängen dort heute ebenjene Bilder, die für die religiöse Andacht in den Gotteshäusern gedacht waren. Aber die Frage ist im Grunde nicht "wo", sondern, ob man überhaupt noch fähig ist, sich zu vertiefen. Gerade an Weihnachten treffen doch der praktizierte Wahnsinn und die Erinnerung an Worte wie "Andacht", "innere Einkehr" und "Stille" ebenso krass wie unversöhnlich aufeinander.

Zwar kann man sich den Zauber spätgotischer, christlicher Bildtafeln auch völlig ohne Bekenntnis erschließen, ein gewisses Innehalten können ist jedoch unerlässlich. Womöglich sogar wohltuend, spricht es doch für Muße, einen am Baumgrün zupfenden Ziegenbock am Bildrand zu erkennen. Oder Augen zu haben für Details wie die zarten, goldenen Locken der Gottesmutter, deren Strähnen über ihre Schultern hinabzurieseln scheinen.

Auf Tannenholz gemalt

Das Untere Belvedere lässt aktuell in der Orangerie in die Zeit um 1450 eintauchen und präsentiert Werke der Spätgotik vom sogenannten Meister von Schloss Lichtenstein und seiner Zeitgenossen. Im Zentrum stehen alle überlieferten Tafelgemälde ebenjenes Meisters, insgesamt 20 Tannenholztafeln, die Szenen aus dem Leben Mariens, der Jugend Christi und dessen Passion zeigen. Nur sechs davon befinden sich tatsächlich im Besitz des Belvedere, der Rest sind Leihgaben etwa aus dem Puschkin Museum in Moskau, aus Tallinn, Basel, Warschau oder jenem Schloss Lichtenstein in der Schwäbischen Alb, von dem sich - aufgrund von zwei meisterhaften Marienbildern - der Notname von besagtem Meister ableitet.

Dass es sich bei den Bildern um die eines Wiener Malers handelt, wurde schon lange vermutet. Forschungen haben allerdings nicht nur diesen Verdacht erhärtet, man kam über Analysen der Holzbildträger - Fugenverläufe, Maserungen etc. - auch zu dem Schluss, dass alle Tafeln zu demselben 26-teiligen Flügelaltar gehören: Ein Wandelaltar, der im geschlossenen Zustand die Passion Christi, im geöffneten die Szenen aus dem Leben Mariens und der Kindheit Jesu zeigte sowie im Innersten die prächtigen Bilder von Tod und Krönung Mariens verbarg.

Experten ist der Meister von Schloss Lichtenstein schon lange ein Begriff, gilt er neben dem Albrechtsmeister (Altarbilder Karmeliterkirche) doch als Erneuerer der Wiener Malerei. Unter anderem durch Vergleiche wird aber auch dem Laien gesteigerte Räumlichkeit, Plastizität und besonders der frappierende, an Niederländern wie etwa Jan van Eyck geschulte Detailrealismus bewusst: Der Christus dieses Meisters offenbart beim hemdlosen Taufbad auch die Hacklerbräune eines Zimmermanns oder hinterlässt bei der Geißelung auch Blutflecken auf dem Boden. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 24./25./26.12.2013)

Bis 23.2.

  • "Anbetung der Heiligen Drei Könige" (um 1445) vom Meister von Schloss Lichtenstein: Die Realitätsnähe der Figuren, zeigt sich etwa an den Fingern Mariens, die sich leicht in den Leib des Knaben eindrücken. 
    foto: puschkin-museum

    "Anbetung der Heiligen Drei Könige" (um 1445) vom Meister von Schloss Lichtenstein: Die Realitätsnähe der Figuren, zeigt sich etwa an den Fingern Mariens, die sich leicht in den Leib des Knaben eindrücken. 

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