Lampedusa: Der südlichste Punkt - Das Tor nach Europa

Blog24. Dezember 2013, 10:31
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Die "Migranti" werden auf der kargen Insel von der Bevölkerung wie Menschen behandelt

Nach einer ruhigen Überfahrt in einer Vollmondnacht erreichen wir Lampedusa am frühen Morgen. Schwere Wolken zeichnen wilde Muster in den Himmel, Fischerboote tummeln sich nahe der Küste. Scherenschnittartig hebt sich die "Porta d'Europa" ab, als wir einlaufen.

Lampedusa im Dezember hat fast nichts von einer Urlaubsinsel. Der Hafen ist voll von Fischerbooten. Hier ist die Fischerei für viele Bewohner der Lebensunterhalt. Wir finden Platz an einem kleinen Schwimmsteg und haben Glück: Das Boot, das normalerweise hier liegt, steht zur Reparatur an Land.

Freundlich aber distanziert

Das Ortsbild ist unscheinbar und hat mit dem Italien unserer mitteleuropäischen Wintersehnsüchte auf den ersten Blick nichts zu tun. Eine unprätentiöse italienische Kleinstadt. Die Via Roma ist Fußgängerzone, die meisten Lokale sind geschlossen. Die notwendigen Geschäfte finden wir allerdings: Haushaltswaren, Supermarkt, Gemüsehändler.

Donnerstag und Freitag entdecken wir immer wieder Journalisten, die herumstreifen, Interviews machen und nach Fotomotiven suchen. Die Menschen scheinen die Fremden gewöhnt zu sein, sie sind freundlich aber distanziert. Mit dem Freitagabend Flieger verschwinden die meisten Journalisten aus dem Stadtbild. Neben den Maschinen aus Palermo und Catania schweben des Öfteren Helikopter über der Insel, mal von der Küsternwachen, mal von der Marine.

Enorme Polizeipräsenz

Unter den Inselbewohnern ist die Entrüstung über das jüngst veröffentlichte Video groß, ständig ist es in den überall hängenden Flachbildfernsehern zu sehen. Auffällig ist die enorme Präsenz staatlicher Institutionen: Küstenwache, Guardia di Finanza, Carabinieri, Polizia, Militär - alle haben sie viele Autos und Boote, manche eben auch Hubschrauber, hin und wieder kommen auch Flugzeuge.

Ich spreche eine Frau darauf an, die nur bitter lächelt. "Sie sollen uns vor den Migranten beschützen", raunt sie mir zu: "aber ich habe vor den Migranten weniger Angst als vor den Polizisten und Militärs. Es sind einfach schon viele."

Keine Berührungsängste

Das beschreibt vielleicht auch das Verhältnis der Menschen zueinander, die sich auf der Insel befinden, jener, die dauerhaft hier leben und jener, die vorübergehend hier sind. Sie sprechen nicht von "Flüchtlingen" oder "Illegalen", hier werden sie praktisch ausnahmslos "Migranti" genannt. So auch eine Gruppe aus Eriträa, die mit dem Boot vor zehn Tagen hier angekommen ist. Sie leben im Lager oberhalb der Stadt, wirken entspannt und lachen - sie haben das Tor nach Europa durchschritten. Diese Menschen sind nicht unwillkommen, werden von der Bevölkerung wie Menschen aufgenommen und behandelt und es scheint auch keine Berührungsängste zu geben: Sie sind Teil des Strassenbildes und in Lokalen.

Freilich, sie werden nicht bleiben, sondern weiter gehen nach Sizilien oder aufs Festland. Und sie werden Lampedusa sicher noch vermissen. "Es ist lächerlich", erzählt uns Paola, "bei Catania gibt es ein Lager, in dem fünftausend Migranti untergebracht sind. Aber es ist im Niemandsland, weit weg von allem! Was sollen die da machen? Romantisch durch die Landschaft spazieren? Das ist doch Schwachsinn. Mit Integration hat das jedenfalls nichts zu tun." Und sie erklärt uns weiter, dass die Lampeduser sich nicht mal als Sizilianer fühlen und schon gar nicht als Italiener. Man gehe seine eigene Wege und habe es nicht anders gelernt. Die Insel sei überhaupt erst seit den 1840er Jahren besiedelt. Eine karge Insel, kaum Landwirtschaft, das Überleben hier war und ist nicht einfach, stellt ziemliche Anforderungen an die Bewohner.

Deutlicher Unterschied zu Malta

Die Kirche an der Via Roma ist groß. Trotzdem haben wir nicht den Eindruck auf einer katholisch dominierten Insel zu sein, jedenfalls ein deutlicher Unterschied zu Malta und Gozo. Priester haben wir in den ersten Tagen noch keinen auf der Strasse gesehen. Wir beginnen aufzufallen, weil wir nicht zu jenen gehören, die gleich wieder weg sind. "Ach, die mit dem Boot", sagen sie und ein Fischer hebt die Augenbraue, als wir ihm erzählen, dass wir von Griechenland herübergekommen sind.

Wie schon erwähnt haben, sind die meisten Lokale zu, aber vor einem entdecken wir abends eine Gruppe von Polizeifahrzeugen. Ein gutes Zeichen, meinen wir, und die Einschätzung stimmt. Im "L'Aragosta" an der Hafenstrasse kocht die Chefin persönlich, klarerweise gibt es Fisch, alle Arten auf jede erdenkliche Weise zubereitet. Damit zeichnet sich ein konkreter Plan für den kommenden Dienstagabend ab.

Wir sind also angekommen. Die Regenwolken verziehen sich für ein paar Stunden, und es kommen offene und herzliche Menschen mit einem gewinnenden Lächeln zum Vorschein. Und Lampedusa enthüllt seinen Charme. 

Windiger Adventsonntag

Am vierten Adventsonntag fegt ein gnadenloser Ostwind über die Insel und wirft eine mächtige Brandung auf. Schwere Wolken ziehen tief über die Insel, manche bringen heftige Regengüsse.

Wir befinden uns an dem Punkt Italiens, der mit ziemlicher Sicherheit am Weitesten von Mailand entfernt ist. Trotzdem ist das Highlight des vierten Adventsonntags zweifelsohne die Begegnung zwischen Inter und dem AC Milan. In jeder Trattoria und jedem Café läuft der Fernseher und je länger die Partie unentschieden hin und her wogt, desto lauter und emotionaler werden die Kommentare. Wer glaubt, dass Fussball hier eine reine Männersache sei, irrt. Als schließlich Inter durch ein "Ferserl" von Palacio in der 86. Minute in Führung geht, ist die Hölle los. Die eindeutige Mehrheit der Sympathien liegt jedenfalls nicht beim Berlusconi-Klub. Mit dem erlösenden Abpfiff wird nochmal richtig gejubelt, dann hält der normale Sonntagabend Einzug und bald wird es ruhig auf der Insel.

Am Montagmorgen nimmt das Leben seinen gewohnten Lauf. Die Uniformierten der verschiedenen Einheiten lösen einander ab, gelegentlich starten oder landen Maschinen vom nahen Flugplatz.

Ein Fischer bestätigt, was wir seit einigen Tagen mit Besorgnis auf den Wetterkarten verfolgen. Ab Mittwoch wird Sturm erwartet, 40 Knoten und mehr, aus Süd bis West. Der Schwimmsteg, an dem wir liegen, sei nicht sicher bei solchen Bedingungen. Wir finden an der gegenüberliegenden Mole zwischen Fischerbooten einen Platz, ein anderer Fischer bietet uns hilfsbereit verschiedene Leinen und Bojen an, mit denen wir das Boot vertäuen können.

Der erwartete Sturm sei eine ernste Sache, sagt er, während selbst die grossen Trawler ihre Leinen überprüfen und verzurren. Es erwarten uns also unruhige Nächte. Ende der Woche zeichnet sich dann ein Wetterfenster ab, das uns die Überfahrt nach Sizilien ermöglichen sollte.

"Was soll die Politik ändern?"

Mittags treffen wir Annalisa. Sie macht Pizzas in einem kleinen Lokal, eine trägt sogar ihren Namen und ist mit frischen Tomaten, Ruccola und Prosciutto Crudo belegt - ein Gedicht mit der ganzen Schönheit des Einfachen. "Die Politik? Was soll die Politik ändern? Solange sich die Menschen nicht ändern, wird sich gar nicht ändern! Zumachen, die Grenzen dicht machen, das ist alles was ihnen einfällt. Bringen tut das rein gar nichts!", und fährt fort: "Sieh Dich um! Militär, Polizei, Carabinieri, Guardia Di Finanzia und und und... sie kommen mit Schiffen, Drohnen, Hubschraubern, Kriegsgerät - glaubst du das löst das Problem?!"

Sie lacht bitter. "Sie sagen, das sei eine humanitäre Mission. Sieht so eine humanitäre Mission aus? Wir brauchen medizinische Versorgung, angemessene Unterkünfte, Schulen, psychologische Betreuung - aber wozu bitte das  Militär?"

Eigentlich auch Migrantin

Alessia lebt erst einige Jahre auf der Insel. Sie hat sich entschlossen, zuerst Neapel und dann Mailand zu verlassen und hierher zu gehen, weil ihr das Leben besser gefällt, die Qualität sei kein Vergleich. Sie sei also eigentlich auch eine Migrantin, sage ich, und sie lacht und stimmt zu. Ich will wissen, was sie von dem Bild, das von Lampedusa medial übermittelt wird, hält. Lächerlich, sagt sie, mit der Realität habe das nichts zu tun, und mit den Menschen, die hier leben schon gar nicht.

Ich frage die beiden nach der Rolle Europas und nach den kommenden Wahlen. Bittere Gesichter. Nein, sie würden beide nicht zur Wahl gehen. Europa, das sei doch bloß ein Konstrukt einiger weniger. Da geht es nur um Geld. Die Grenzen sollten geöffnet werden und das Gegenteil passiert. Natürlich beginne das Problem in den Ländern, aus denen die Menschen flüchten, aber warum es für diejenigen, die aus Subsahara Staaten flüchten müssen, erst in Italien möglich ist Asyl zu beantragen, das solle ihnen mal jemand von den klugen Herren erklären. 

Angst der Menschen

Und wieder sprechen wir über Angst, speziell über die Angst der Menschen in Mitteleuropa vor dem grossen "Flüchtlingsstrom", der Wohlstand und Sicherheit gefährden könnte. Dass sich Menschen bewegen sei eine Tatsache, die so alt ist wie die Geschichte der Menschheit, sagt Annalisa, und sie rät allen, die diese Ängste haben, sich doch mal zu fragen, was für Ängste die Menschen durchleiden, die in einem überfüllten Schlauchboot eine Nacht in einem Sturm im Mittelmeer aushalten müssen, vielleicht sogar kentern.

Und welche Ängste sie bis dahin schon durchlebt haben müssen, damit sie dieses Risiko eingehen. (Fabian Eder, derStandard.at, 24.12.2013)

  • Lampedusa ist eine karge Insel.
    foto: fabian eder

    Lampedusa ist eine karge Insel.

  • Der Hafen ist meistens voll, wir haben Glück und finden Platz für unser Boot.
    foto: fabian eder

    Der Hafen ist meistens voll, wir haben Glück und finden Platz für unser Boot.

  • Die enorme Präsenz staatlicher Institutionen ist auffällig.
    foto: fabian eder

    Die enorme Präsenz staatlicher Institutionen ist auffällig.

  • Die Mittelmeerinsel gilt als Tor nach Europa.
    foto: fabian eder

    Die Mittelmeerinsel gilt als Tor nach Europa.

  • Als der Regen aufhört, offenbart die Insel ihren Charme.
    foto: fabian eder

    Als der Regen aufhört, offenbart die Insel ihren Charme.

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