Stress im Orchester: Die Laune spielt mit

23. Dezember 2013, 13:10
posten

Bei der Stressreaktion spielt neben dem Hormon Cortisol auch das Enzym Myeloperoxidase eine Rolle - gute Laune kann dessen Ausschüttung aber verringern

Auch professionelle Orchestermusiker stehen am Konzerttag unter besonderem Stress und schütten mehr Cortisol aus. Eine Studie der Uni Wien konnte erstmals zeigen, dass unter anderem auch das Enzym Myeloperoxidase, das als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gilt, an der Stressreaktion bei Musikern beteiligt ist.

Allerdings wird dieser Effekt durch einen emotionalen Faktor gebremst: Denn gute Laune vermindert die Stress-induzierte Ausschüttung von Myeloperoxidase. Man hofft hier auf neue Wege in der Stressforschung. Beim Neujahrskonzert in wenigen Tagen sollten indessen die gute Laune und Ausgelassenheit zum Jahresauftakt 2014 Stress-abbauend wirken können.

Mehr Stress vor Konzert

Untersucht wurden die Stress-Reaktionen bei 47 Musikern und dem Dirigenten des ORF-Radiosymphonieorchesters bei der Generalprobe und am folgenden Premierentag im Wiener Musikverein. Dabei wurden zwecks Erstellung eines Cortisol-Profils und Messung von Myeloperoxidase, das bei Entzündungsprozessen eine große Rolle spielt, Speichel- und Blutproben genommen - und zwar vor und nach dem jeweiligen Auftritt, aber auch in der Konzert- beziehungsweise Proben-Pause.

"Das Ergebnis ist eindeutig. Die Myeloperoxidase geht in der akuten Stress-Situation am Tag des Konzerts ebenso deutlich nach oben wie die Gesamtausschüttung an Cortisol", sagt Alexander Pilger vom Institut für Arbeitsmedizin der MedUni Wien. Dabei spielen aber - neben der Belastung durch den Auftritt vor Zuschauern an sich - auch noch andere Faktoren eine Rolle.

Gute Laune hilft

Die Musiker an den ersten Geigen und der Dirigent hatten im Schnitt sowohl bei der Generalprobe als auch im Konzert höhere Myeloperoxidase-Spiegel als alle anderen Musiker zusammen. Je besser die Musiker laut Selbsteinschätzung gelaunt waren, desto geringer fiel der stressbedingte Myeloperoxidase-Anstieg aus. Und umgekehrt, je schlechter gelaunt, desto höher die Myeloperoxidase-Ausschüttung im Vergleich zur Generalprobe.

Bei Cortisol wurde dieser Trend auch bemerkt, doch war hier der Einfluss der Erregung tonangebend. "Frühere Studien haben gezeigt, dass auch Musiker unter Langeweile und Monotonie, vergleichbar mit anderen, weniger exponierten Tätigkeiten leiden. Außerdem ist der soziale Stress durch die Hierarchie im Orchester sehr groß", so Pilger.

Weitere Untersuchungen

Neben den biochemischen und emotionalen Faktoren wurde anonym auch der Faktor "generelle Arbeitsfähigkeit" anhand des sogenannte Arbeitsfähigkeitsindex (Work Ability Index des WAI-Netzwerks Deutschland) mit Fragen zur Arbeitssituation, zur Gesundheit, zu früheren Erkrankungen und zur Selbsteinschätzung der Arbeitsfähigkeit untersucht.

Das Resultat: "Die Arbeitsfähigkeit spielte überhaupt keine Rolle in Bezug auf die hier beobachteten stress-induzierten Effekte. Ob und inwieweit diese neuen Ergebnisse auch auf andere Stresssituationen in der Arbeitswelt übertragbar sind, muss in weiteren Untersuchungen geprüft werden. (red, derStandard.at, 23.12.2013)

Originalpublikation:

"Affective and inflammatory responses among orchestra musicians in performance situation." Brain, Behavior and Immunity. A. Pilger, H. Haslacher, E. Ponocny-Seliger, T. Perkmann, K. Böhm, A. Budinsky, A. Girard, K. Klien, G. Jordakieva, L. Pezawas, O. Wagner, J. Godnic-Cvar, R. Winker. http://dxi.doi.org/10.1016/j.bbi/2013.10.018.

  • Für die Studie untersuchten die Forscher die Stresspegel von Orchestermusikern vor und nach dem Konzert.
    foto: herwig prammer/reuters

    Für die Studie untersuchten die Forscher die Stresspegel von Orchestermusikern vor und nach dem Konzert.

Share if you care.