Riga: Lieder, süffig wie lettischer Likör

  • Rund um die Freiheitsstatue in Riga sammelten sich 1987 die ersten lettischen Demonstranten, die gegen das alte Sowjetregime aufbegehrten.
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    foto: epa/valda kalnina

    Rund um die Freiheitsstatue in Riga sammelten sich 1987 die ersten lettischen Demonstranten, die gegen das alte Sowjetregime aufbegehrten.

  • Air Baltic, Austrian Airlines und Lufthansa fliegen zum Teil mehrmals täglich von Wien nach Riga. Der internationale Flughafen, Lidosta Riga Airport, liegt rund 14 Kilometer vom Zentrum entfernt. Bus Nummer 22 fährt in regelmäßigem Takt in die Innenstadt. In der Stadt fahren die Tram, Trolleybusse und Busse. Tickets sind auch beim Fahrer zu erwerben, günstiger ist jedoch der Kauf von "e-talons" für mehrere Fahrten. Man bekommt sie an Kiosken und Automaten.
Baltische Tourismuszentrale: Riga Tourist Information, im Hauptbahnhof und in der Altstadt, Ratslaukums 6; Infos unter www.baltikuminfo.de oder www.rigatourism.com
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    Air Baltic, Austrian Airlines und Lufthansa fliegen zum Teil mehrmals täglich von Wien nach Riga. Der internationale Flughafen, Lidosta Riga Airport, liegt rund 14 Kilometer vom Zentrum entfernt. Bus Nummer 22 fährt in regelmäßigem Takt in die Innenstadt. In der Stadt fahren die Tram, Trolleybusse und Busse. Tickets sind auch beim Fahrer zu erwerben, günstiger ist jedoch der Kauf von "e-talons" für mehrere Fahrten. Man bekommt sie an Kiosken und Automaten.

    Baltische Tourismuszentrale: Riga Tourist Information, im Hauptbahnhof und in der Altstadt, Ratslaukums 6; Infos unter www.baltikuminfo.de oder www.rigatourism.com

  • Unterkunft: Zum Beispiel das Neiburgs Hotel in zentraler Altstadtlage; moderndes Haus mit gelungenen Jugendstilzitaten, ab 113 Euro pro Person und Nacht
Essen und Trinken: Vermanitis: Lieblingslokal vieler Rigaer zu Mittag, lettische Küche, Elizabetes 65Fabrikas restorans: Restaurant am linken Ufer der Daugava, auf der Insel Kipsala -  Exzellente internationale Küche und schöner Blick auf die Altstadt, Balasta dambis 70
Pelmeni XL: russischer Imbiss mit mehreren Filialen im Zentrum. Hier gibt es Pelmeni (gefüllte Teig-taschen), Suppen und Salate
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    Unterkunft: Zum Beispiel das Neiburgs Hotel in zentraler Altstadtlage; moderndes Haus mit gelungenen Jugendstilzitaten, ab 113 Euro pro Person und Nacht

    Essen und Trinken:
    Vermanitis
    : Lieblingslokal vieler Rigaer zu Mittag, lettische Küche, Elizabetes 65
    Fabrikas restorans: Restaurant am linken Ufer der Daugava, auf der Insel Kipsala -  Exzellente internationale Küche und schöner Blick auf die Altstadt, Balasta dambis 70

    Pelmeni XL: russischer Imbiss mit mehreren Filialen im Zentrum. Hier gibt es Pelmeni (gefüllte Teig-taschen), Suppen und Salate

  • Kulturhauptstadt 2014: Mit rund 200 Kulturprojekten und Veranstaltungen, darunter Opern, Ausstellungen und Festivals, stellt sich Riga im Jahr 2014 vor. 
Eröffnungsfeier vom 17. bis 19. Jänner 2014: Im Mittelpunkt steht die "lebende Bücherkette" am 18. Jänner. Dabei werden Bücher von Hand zu Hand von der alten Lettischen Nationalbibliothek in den spektakulären Neubau auf die andere Seite des Flusses Daugava gereicht. 
Am 17. Jänner in der Lettischen Nationaloper: Premiere der multimedialen Inszenierung von Richard Wagners Oper "Rienzi", die er in Riga zu komponieren begann. Programm 
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    Kulturhauptstadt 2014: Mit rund 200 Kulturprojekten und Veranstaltungen, darunter Opern, Ausstellungen und Festivals, stellt sich Riga im Jahr 2014 vor.

    Eröffnungsfeier vom 17. bis 19. Jänner 2014: Im Mittelpunkt steht die "lebende Bücherkette" am 18. Jänner. Dabei werden Bücher von Hand zu Hand von der alten Lettischen Nationalbibliothek in den spektakulären Neubau auf die andere Seite des Flusses Daugava gereicht.

    Am 17. Jänner in der Lettischen Nationaloper: Premiere der multimedialen Inszenierung von Richard Wagners Oper "Rienzi", die er in Riga zu komponieren begann. Programm 

Konservativ oder kultig, stylish oder steinalt, boomend oder baufällig - Riga hält die Balance als Kulturhauptstadt 2014

Es ist die Zeit des Wartens in Riga, des Wartens, dass der räudige Winter endlich endet, obwohl er gerade erst begonnen hat. Es ist das Warten darauf, dass der strähnige Wind aufhört, an Kapuzen und Hosenbeinen zu zerren, und dass Riga endlich wieder ausgewickelt werden darf. Verpackungskünstler Christo dürfte seine Freude an der Stadt haben, weil sie gerade unter Bauplanen, Gerüsten und Plakatwänden versteckt liegt.

Auszusehen wie ein XXL-Paket ist wohl das Schicksal aller Anwärter auf den Titel "Kulturhauptstadt Europas". Ab dem Zeitpunkt der Ernennung läuft der Countdown zur Verschönerung. Es wird gebaut und poliert, repariert und renoviert - 2014 darf sich die lettische Hauptstadt endlich mit der Kulturkrone schmücken.

In der orthodoxen Christi-Geburt-Kathedrale ist von der ganzen Aufregung nichts zu spüren. Mütterchen mit Brillengläsern wie Flaschenböden und streng geknoteten Kopftüchern schlurfen schildkrötenhaft umher. Die Ketten der Weihrauchbehälter klirren leise, und Sprechgesänge tönen sonor. Sitzbänke gibt es keine.

Ein Chor wie Likör

Wie ein zusammengekehrter Haufen füllen Menschen die Kirchenmitte. Nichts Neues hier. Bilder, wie man sie schon dutzendfach in anderen Gotteshäusern gesehen hat. Hier geht es aber nicht ums Schauen, hier geht es ums Hören. Es ist der Chor, der die Seelen der Menschen füllen soll wie Lettlands legendärer schwarzer Kräuterlikör die Kaffeetassen der Rigaer Damen - und der ebenso glücklich macht. Töne rieseln, schweben, schmeicheln, dringen ein, tragen in euphorische Höhen, versenken in tiefe Melancholie, lassen jubilieren und beben. Auf einer akustischen Landkarte der Welt wäre Riga mit seinen Chören verzeichnet.

Schon 1873 fand das erste gesamtlettische Sängerfest in Riga statt, und heute sitzt die ganze Nation gebannt vor dem Fernseher, wenn die nächste Staffel der Sendung Koru Kari, der Krieg der Chöre, beginnt. Der Wettbewerb der Showchöre irritiert ausländische Zuschauer mit Choreografien aus dem Steinzeitalter des TV, akustische Fußtritte gibt es hier aber ebenso wenig wie auf Rigas Straßen. Akkordeon- und Cellospieler, Blechbläser und Flötisten, Trommler, Geiger und viele, viele Sänger - sie alle treffen die Töne perfekt und machen Rigas Straßen und Plätze zu einer riesigen Orchesterbühne.

Mittags um zwölf pilgern Musikliebhaber zum Orgelkonzert in den Dom St. Marien. Doch vor der Kirchenpforte läuft die "Mission Kulturhauptstadt" weiter auf vollen Touren, und bei den ersten Klängen einer Bach-Fuge grätscht die Kreissäge einer nahegelegenen Baustelle dazwischen. Die Organistin stemmt tapfer dagegen, rettet Bach aber nicht mehr. Zum Trost für das verpatzte Konzert stimmen einige Besucherinnen mit ihren Töchtern - allesamt Mitglieder eines Chors - bekannte lettische Lieder an. "Einen Letten, der nicht singt", sagt eine der Mütter, "findet man so häufig wie karierte Marienkäfer." Vor allem die Dainas, traditionelle Volkslieder, sind die Basis lettischer Identität. Etwas Eigenes zu entwickeln, es zu bewahren war fast unmöglich, in einem Land, das Jahrhunderte voller Eroberungskriege und Unterdrückung, Völkermord und Deportation erlebte. Seit ihrer Gründung im Jahr 1201 stand Riga unter deutscher, polnischer, schwedischer und russischer Herrschaft.

Die Suche nach Auswegen

Zeiten der Autonomie waren in der über 800-jährigen Stadtgeschichte immer nur kurz, und erst 1991, nach über 50 Jahren sowjetischer Okkupation, wurde Riga Hauptstadt eines souveränen lettischen Staates. An diese Zeit des Umbruchs, an Kalten Krieg und Perestroika erinnert eine Skulptur im Stadtzentrum. Als Bronzefiguren balancieren die Bremer Stadtmusikanten neben der St.-Petri-Kirche. Im Märchen der Gebrüder Grimm suchen Esel, Hund, Katze und Hahn einen Ausweg aus einer aussichtslosen Lage und finden schließlich ein neues Heim. In Riga blicken die vier durch den Eisernen Vorhang, mit staunenden und erschrockenen Grimassen, weil sie die gewonnene Freiheit, das neue Leben noch nicht recht fassen können.

Dort, wo es 1987 zu den ersten lettischen Demonstrationen gegen das Moskauer Regime kam, patrouillieren heute Soldaten der Ehrenwache zu Füßen der Freiheitsstatue. Mit unbewegter Miene lassen sie sich von Touristen fotografieren, die nur einen kurzen Zwischenstopp einlegen auf dem Weg zu ihrem eigentlichen Fotomotiv - der Alberta Iela, einer Prunkstraße der Jugendstilarchitektur.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Riga zu einer der wichtigsten Industriemetropolen des Russischen Reichs und wuchs so schnell, dass zahlreiche neue Wohnviertel in schönstem Jugendstil erbaut wurden. Mehr als 800 Art-Nouveau-Bauten machen Riga zu einer Guck-in-die-Luft-Stadt. In der Alberta Iela legen Touristen staunend den Kopf in den Nacken, um Medusen, Schlangen, Löwen und Blumenkränze an den Fassaden zu bewundern. Von oben glotzen großäugige Drachen, Masken, Fabelwesen und Frauenköpfe mit ebenfalls staunend geöffneten Mündern zurück.

Feine Jugendstilfassaden und eine mittelalterliche Altstadt haben Rigas historischem Zentrum 1997 den Weltkulturerbe-Titel der Unesco eingebracht. Das historische Ambiente nützt als repräsentatives Aushängeschild, aber im modernen Riga ist Techno angesagter als Tradition. Die Stadt möchte sich feiern. In den mozzarellaweißen Fahrradrikschas, mit denen Touristen über das Kopfsteinpflaster kutschiert werden, haben sie Lautsprecher eingebaut und lassen Jahrhundertwendearchitektur, Denkmäler und Backsteinbauten im Beat wummernder Bässe vorbeiziehen. "If the music is too loud, you are too old" lautet das Motto der meisten Cafés und Bars, der Shops und Tattoo-Studios. Riga ist im Rausch und träumt den Traum, ein Barcelona des Baltikums zu werden, mit ISO-genormtem Rattankorb-Schick und ausschweifendem Nachtleben.

Wenn die Alberta Iela der dekorative Ernstfall und Rigas Altstadt eine Showbühne der Selbstinszenierung ist, dann steht die alte Akademie der Wissenschaften für geflickte Glückseligkeit. Der Bau im stalinistischen Zuckerbäckerstil ist ein Geschenk Josef Stalins und Lettlands erstes Hochhaus. Besucher lassen sich von der repräsentativen Eingangshalle und dem Blick von der Aussichtsplattform in der 17. Etage beeindrucken. Im Erdgeschoß kann man aber "Letten beim Lettischsein" zuschauen. In der Kantine dort hängt Plastikefeu vor tabakbraungetäfelten Wänden. Im Radio läuft lettischer Schlager, und im funzeligen Licht der Messingleuchter aus Original-Kombinatsproduktion löffeln die Mitarbeiter ihre Sauerkrautsuppe.

Lautmalerei in der Kantine

Die Kantinenwirtin im blauweißen Kittel und mit einem Helm aus dauerwellengehärtetem Haar freut sich über jeden Touristen, der sich zu ihr verirrt. An ihren Tischen kann man viel über das Land lernen, in dem "rolmopsi" gegessen werden, in dem uns der Name für Bohnen an das Geräusch erinnert, das sie nach dem Verzehr verursachen - "pupsa" -, und in dem die Stimme der Haltestellenansage in der Tram so verzagt und tieftraurig klingt, als bedeute jeder Ausstieg eines Fahrgastes einen schmerzhaften Verlust.

Was also lehrt uns das? Cat Stevens kann konvertieren und sich Yusuf Islam nennen, er bleibt Cat Stevens; und Riga bleibt Riga - auch als Kulturhauptstadt, und wenn sie Reiseführer immer wieder "Paris des Nordens" nennen. Man muss nur gut hinschauen und die richtigen Orte kennen, um den Kern und Kitt des Wesens dieser Stadt zu entdecken.

Zurück auf dem Domplatz pudert die untergehende Sonne den Himmel golden und legt einen Strahlenkranz um den Wetterhahn auf der Turmspitze. Vor dem Kirchenportal sitzt das "Fliegenpilz-Mütterchen". So nennt hier jeder die alte Dame, eingehüllt in ihre Wolldecke, rot mit weißen Punkten, die einem fast jeden Tag in der Stadt begegnet. Immer an einem anderen Ort, aber immer mit Liedern. Das Singen fällt ihr schwer. Vor jeder neuen Strophe saugt sie so tief Luft ein, als ginge sie auf einen langen Tauchgang, presst den Atem dann hinaus, bis die Stimme zu leiern beginnt. Jetzt kann sie nicht mehr und braucht eine Pause. Sie schaut zum rostroten Himmel, sieht Möwen kreisen, atmet tief ein und singt dann ihr Lied von den Vögeln, die mit ausgebreiteten Flügeln über der Stadt schweben und sie beschützen. (Nicole Quint, DER STANDARD, Album, 28.12.2013)

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5 Postings

"Pupsa" als Bezeichnung für Bohnen wäre schon fast zu köstlich. Leider heißen diese korrekterweise bloß "pupas" ;-)

und wenn man schon dort ist, unbedingt nach jurmala fahren, das lettische sandstrandparadies, mit dem zug in 20 min. außerdem sehenswert: die markthallen, vier ehemalige flugzeughangare, dort verkaufen die bauern aus dem kaukasus ihre südfrüchte direkt vom lastwagen runter, und beim fleischhauer kannn man live beim schweineschlachten zusehen.
preislich ist lettland (noch) günstig.

"preislich ist lettland (noch) günstig."
Am Markt vielleicht, aber sicher nicht im Allgemeinen. Das Einkaufen im Supermarkt kommt schon seit Jahren nicht mehr günstiger als bei uns. Nur auswärts essen kann man teilweise günstig, muss man aber auch wissen wo.

Kann Stadt, Land und Leute sehr empfehlen! Als teaser (inkl. Litauen und Estland):
https://www.facebook.com/media/set... bb35d94b12

nix wie hin!

Riga ist eine wunderbare Stadt mit sehr freundlichen Menschen und fast beängstigender Sauberkeit, das ist meine persönliche Erfahrung. Gwand shoppen top, Kaffeehäuser gemütlich, Architektur sehenswert. Wenn man schon da ist, sollte man auch in die http://www.rigasgalerija.com
gehen und sich die Werke von Ritums Ivanovs ansehen. Vor denen muß man einmal gestanden haben.

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