Szenen einer Ehe zwischen Wissenschaft und Kunst

23. Dezember 2013, 06:51
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"Out of the Box" an der Angewandten: Es sind die intuitiven Suchbewegungen, die künstlerische Forschung interessant machen

Wien - In der Vergangenheit haben sich viele Künstler vom Analytischen der Wissenschaft bedroht gefühlt. Ingeborg Bachmanns OEuvre etwa kreist um die Reibungen zwischen einer als Natur gedachten Kunst und der entzaubernden Kraft des aufklärerischen Geistes.

Erst in den vergangenen Jahrzehnten verstärkten sich Tendenzen, Kunst und Wissenschaft zusammenzubringen: Die wissenschaftliche Aussicht auf endgültige Wahrheit wurde immer trüber und man schätzte wieder jene intuitive "Suchbewegung", die der Kunst von jeher innewohnt. Als Anton Zeilinger auf der Documenta 13 im letzten Jahr quantenphysikalische Experimente ausstellte, wurde die Aufmerksamkeit nicht nur auf poetische, sondern auch auf fiktionale Aspekte moderner Wissenschaft gelenkt.

Künstlerische Forschung

Eine andere zeitgemäße Annäherung zwischen Kunst und Wissenschaft zeigt die Ausstellung Out of the Box, die derzeit im Mak zu sehen ist: Darin gibt die Universität für angewandte Kunst Einblicke in ihre "künstlerische Forschung". Präsentiert werden Projekte, in denen "Prozesse wichtiger sind als spezifische Ergebnisse und fertige Produkte". Zu sehen sind Artefakte einer Wissensproduktion, die Intuition und Emotion nicht ausschließt, in der künstlerische Reflexion aber nachvollziehbar gemacht wird. An der künstlerischen Praxis muss sich dabei nicht unbedingt viel ändern. Manchmal beschleicht einen deshalb das Gefühl, dass es der Kunst nicht zuletzt um die Erschließung neuer Fördertöpfe durch Umetikettierung gegangen ist.

Die zehn ausgestellten Projekte stammen aus dem "Programm zur Entwicklung und Erschließung der Künste". Präsentiert werden sie als Gruppen von Objekten oder Installationen, aber auch in Form von Dokumentationen und Performances. Neben abgeschlossenen Forschungen wie Ulrike Möntmanns This Baby Doll Will Be A Junkie finden sich "works in progress" wie Bernhard Cellas Buchdruck-Intervention NO-ISBN. Das Projekt Biornametics ziert den Raum mit riesigen, technoiden Lebewesen. Digital Synesthesia beforscht die moderne Wahrnehmung, auch anhand von Besucherinnen und Besuchern.

Wenn man sich unter einer Wolke von blinkenden Computer-Ventilatoren wiederfindet, dann ist man Teil der Installation BitcoinCloud v3.1. Sie gehört zum Projekt Artistic Technology Research, das Matthias Tarasiewicz 2012 gestartet hat. Seinem 18-köpfigen Netzwerk aus Hackern, Künstlern und Theoretikern geht es darum, moderne Kulturtechniken quer- und weiterzudenken.

Wertsteigerung der Kunst

Bitcoins etwa sind eine digitale Währung, deren Elemente durch aufwändige Rechenprozesse - vergleichbar mit Gold - "geschürft" werden müssen. Wenn Besucher ihre Aufmerksamkeit der BitcoinCloud widmen, intensiviert sich die Schürfaktivität der angeschlossenen Rechner und der Wert der Installation steigt. Angeregt werden soll das Nachdenken über den Wert der Kunst und das Geld im Allgemeinen.

Beforscht werden aber auch 3-D-Drucker: Ebenso Teil von Artistic Technology Research ist jene downloadbare Handfeuerwaffe der Organisation Defense Distributed, die im Mai 2013 für Schlagzeilen sorgte. Dabei geht es Tarasiewicz auch darum, die Grenzen der vermeintlich allmächtigen neuen Technologien aufzuzeigen. Dass man andererseits tatsächlich aus allem eine Waffe bauen kann, zeigt Krosbø, eine aus Ikea-Bauteilen konstruierte Armbrust. (Roman Gerold, DER STANDARD, 23.12.2013)

  • Artefakte der Wissensproduktion, zu sehen in der Ausstellung "Out of the Box" im Museum für angewandte Kunst, Wien. 
    foto: artistic bokeh

    Artefakte der Wissensproduktion, zu sehen in der Ausstellung "Out of the Box" im Museum für angewandte Kunst, Wien. 

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