Kontrahentinnen im Glauben und im Eros

22. Dezember 2013, 20:00
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Leer geräumt: Friedrich Schillers "Maria Stuart" mit Andrea Eckert und Martina Stilp am Volkstheater

Wien - Man hält Maria Stuart vielfach als das geschliffenste, weil geradlinigste Drama Friedrich Schillers hoch. Der darin verhandelte Machtkonflikt zwischen der englischen Königin Elisabeth, einer Protestantin, und der schottischen Katholikin Maria Stuart steht deshalb im Ruf, jedes Regiefeuer irgendwie zu überleben, selbst im Falle, dieses wäre auch erschreckend klein.

Ein solches, ganz winziges, verhungerndes Flämmchen lässt Regisseur Stephan Müller am Volkstheater flackern. Das vehement abgeschlankte Stück (eine Stunde fünfzig inklusive Pause) verdampfte bei der Premiere am Freitag, ohne dabei näher zum Vorschein zu kommen. Staatstragend steife Körper deklamieren erhobenen Hauptes ins Publikum, als gälte es vor allem eines: im Rücken-gerade-halten-Kurs zu reüssieren.

Hin und wieder schiebt sich die helle Holzwand (Bühne: Michael Simon) aus dem Hintergrund nach vor an die Rampe und begrenzt den Spielraum im Westminster-Palast, oder sie hebt sich in den Schnürboden, worauf die Füße der männlichen Gefolgschaft auf Schloss Fotheringhay sichtbar werden. - Dies ein Trupp extra gecasteter Muskelmänner, deren anfänglicher Boxring-Auftakt rätselhaft ist und der sich im Verlauf des Abends auch als blindes Motiv herausstellt.

Es wird nie fad - dafür sorgt Schillers Sprache, an der Stephan Müller mit seinem Ensemble exzellent gearbeitet hat ("Papissst!" ruft Günter Franzmeier als Graf Leicester höhnisch aus). Doch bleibt es öd und fahl - daran kann auch Martina Stilp nichts ändern, die ihrer Titelfigur eine bezwingende physische Wucht angedeihen lässt. An dieser wird alle Not der im Londoner Kerker-Schloss festgehaltenen, von den ihren in Schottland (wegen des ihr angelasteten Gattenmordes) vertriebenen Monarchin glaubhaft sichtbar. Mit festem Händedruck klammert sie sich an das ihr verbliebene Holzkreuz, die Insignie ihres unerschütterlichen katholischen Glaubens.

Friedrich Schiller zog aus Don Carlos und Wallenstein seine Lehren und dachte bei Maria Stuart, erstaufgeführt 1800, deutlich mehr an die Bühnenpraxis. So erfand er spannungshebende, historisch nicht verbriefte Figuren, wie den getriebenen, auf Gedeih und Verderb mit dem Rettungsauftrag zu Maria Stuart eilenden Mortimer (Jan Sabo), und er lässt ebenso die beiden Kontrahentinnen, die sich im wahren Leben nie zu Gesicht bekamen, im Park aufeinandertreffen - eine schwer zu realisierende Szene, weil sie schnell profan wirken kann.

Stephan Müller graded gleich von vornherein down. Dass hier zwei Königinnen rivalisieren, die mit Gottes Gnaden ein Land befehligen und erste Kolonialfahrten unternehmen, das ist in dieser republikanischen Aufführung keine große Sache mehr. Vielmehr geht es um Eifersucht, Kränkung, Machtbeweise.

Die Verhärtungen in diesem mehr Gefühls- als Staatskonflikt trägt insbesondere Andrea Eckert am Leib - nach längerem ist sie wieder in einer klassischen Rolle am großen Haus zu sehen. Aus ihren statuarischen Verankerungen löst sie sich nur, um eigenwillig hüftkreisend die erotisch Überlegene (unterstützt vom Kostüm Birgit Hutters) zu markieren. Goethe hätte das gefallen, denn er war es, der in Schillers Begegnungsszene im Park stets das Risiko des zu Weltlich-Niedrigen ahnte.

Mag sein, dass Stephan Müller und Andrea Eckert den Titel "The Virgin Queen", wie Elisabeth ihrer Heiratsunwilligkeit wegen auch genannt wird, als Herausforderung betrachtet haben. Diese Sache wäre jedenfalls geklärt. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 23.12.2013)

  • Ruppige Begegnung im Park: Königin Elisabeth (Andrea Eckert) trifft auf die Schottin Maria Stuart (Martina Stilp, re.).

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