Mit Bargeld ist Angst vor der Prüfung überflüssig

23. Dezember 2013, 14:18
112 Postings

Ein Studienabschnitt an einem Nachmittag: Beispiel für die schier unbegrenzten Möglichkeiten, die das Bildungssystem in Bosnien und Serbien bietet, wenn man über die nötigen Mittel verfügt

Sarajevo/Belgrad – Das Jobangebot des Finanzamts war an eine strenge Bedingung geknüpft: einen Hochschulabschluss. Im öffentlichen Sektor Bosniens, so scheint es, finden nur die klügsten Köpfe einen Arbeitsplatz.

Auf der Suche nach einer geeigneten Universität war ich zu einem intensiven Lernprozess bereit. Ich war jedoch nicht bereit, die Lehrveranstaltungen eines ganzen Jahres an einem einzigen Sommernachmittag zu absolvieren. Ich schaffte diese Meister­leistung ohne Vorkenntnisse im Bereich Unternehmensführung, meiner gewünschten Studienrichtung. Dazu waren nur einige telefonisch vereinbarte informelle Treffen und ein Obolus von ein paar Tausend Euro nötig.

Ich hatte den perfekten Ort gefunden, um mir die für meinen Traumjob nötige Qualifikation zu holen: ein schickes privates College in dem von Serben dominierten Teil Bosniens, der Republika Srpska (Serbische Republik). Eine kurze Unterhaltung mit dem Eigentümer der Universität zeigte, dass er bereit war, auf all meine Bedingungen einzugehen, solange ich zahlen konnte.

Er bot mir an, meine Karriere durch eine "Abkürzung"  zu beschleunigen, und schlug mir vor, gleich in das zweite Jahr meines Managementlehrgangs einzusteigen, ohne das erste Jahr davor abschließen zu müssen. "Wir können dafür sorgen, dass Sie bis Oktober die Bedingungen für das zweite Jahr erfüllen" , sagte er, als wir uns vergangenen Juni in einem ruhigen Café, geschützt vor neugierigen Blicken, in Banja Luka trafen.

Ich betonte, dass mir für meine Ausbildung reichlich Mittel zur Verfügung stünden, ich allerdings zeitlich unter Druck stand. Seine Antwort kam schnell und bestimmt. Er trommelte mit den Fingern auf den Tisch und sagte mir, ich solle mich mit meinem Anliegen an einen Kollegen auf dem Campus wenden. Bevor wir uns trennten, erläuterte er mir sein Angebot näher: "Wenn Sie es wirklich eilig haben, können wir Ihre Immatrikulation zurückdatieren, sodass Sie bereits dieses Jahr bei uns studiert hätten."  Und schon war er wieder weg,

Verdeckte Recherchen

Natürlich hatte ich nicht vor, mein Studium dermaßen ernst zu nehmen. Und auch das mit der Arbeit im Finanzamt meinte ich nicht ernst. Ich hatte in Wirklichkeit bereits einen Job – als Journalist, der Beweise für zwielichtige Praktiken im Bildungssektor sammelte. Zum Zwecke meiner Recherchen für das Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) gab ich mich als angehender Student aus und interviewte Studierende und Lehrende in Bosnien und Serbien.

Ich fand heraus, dass Betrug und Plagiarismus an vielen privaten wie auch öffentlichen Instituten ungehindert möglich sind. Anwesenheitslisten sind schnell gefälscht, und die Bestechung von Professoren, um sich gute Noten zu sichern, ist eine gängige Praxis. Viele meiner Quellen sprachen nur unter der Voraussetzung, anonym zu bleiben, was darauf hindeutet, dass man durch Kritik an seiner Ausbildungseinrichtung den eigenen Ruf aufs Spiel setzt.

Ihre Vorsicht ist Symptom eines Problems, das über die Hochschulen hinaus bis in das Gerichtssystem reicht. Korruption ist laut internationalen Analysen in Bosnien und Serbien weit verbreitet. Nur sehr wenige der angezeigten Fälle führen zu einer Anklage, und noch weniger enden in einem Schuldspruch. In den Augen der meisten Menschen dienen offizielle Korruptionsprozesse nur dazu, die Verletzlichkeit der anklagenden und die Immunität der beklagten Partei aufzuzeigen.

Es gibt in der Serbischen Repu­blik kein Gesetz zum Schutz und zur Begünstigung von Informanten. Der bosnisch-kroatische Teil des Landes hat erst diesen September einem derartigen Gesetz zugestimmt, und es bleibt abzu­warten, ob es auch Wirkung zeigt. Weder Bosnien – auf gesamtstaatlicher Ebene – noch Serbien haben bisher Gesetze verabschiedet, die die Rechte von Informanten schützen.

Stevan Mili, Ex-Präsident der wichtigsten Bildungsgewerkschaft der Serbischen Republik, klagt darüber, dass jeder, der korrupte Praktiken im System aufzeigt, "in größere Schwierigkeiten kommen könnte als die schuldigen Parteien" . Ivana Korajlić, eine Sprecherin des bosnischen Büros von Transparency International, einer globalen Organisation zur Förderung guter Regierungsführung, erklärt, dass schwache Gesetze einer blühenden Korruptionskultur an den Hochschulen Vorschub geleistet hätten: "Universitätsmitarbeiter wollen nicht darüber sprechen. Sie sind nicht bereit, gegen ihre Kollegen vorzugehen, da sie die Konsequenzen an ihrem Arbeitsplatz fürchten. Indes haben die Studierenden Angst, ihre Professoren würden ihnen das Leben schwermachen und ihnen bei den Prüfungen Stolpersteine in den Weg legen."

Exodus der Klügsten

Die Korruption an den Hochschulen hat zum Braindrain geführt und die schwächelnde Wirtschaft des Landes ihrer klügsten Köpfe beraubt. Begabte Studierende, die angesichts der Geringschätzung von auf dem Balkan erlangten Diplomen frustriert sind, werden mit Stipendien in die Europäische Union gelockt. Jene, die ihr Studium im Ausland abschließen, sind oft verleitet, dort zu bleiben. In ihrer Heimat müssten ihre ausländischen Zeugnisse von einer heimischen Universität anerkannt werden, um vom öffentlichen Sektor – dem nach wie vor größten und zuverlässigsten Arbeitgeber auf dem Balkan – akzeptiert zu werden. Der Prozess ist langsam und verworren – und lässt sich oft nur durch inoffizielle, persönliche Kontakte vorantreiben. Er schreckt Auslandsab­solventen davor ab, nach Hause zurückzukehren.

"Das ist der Gipfel an Absurdität" , meint Marija Petrović, die über acht Monate lang für die Anerkennung ihres an der Universität Oxford erworbenen Doktorats durch die Universität in Belgrad kämpfte, an der sie ihr Grund­studium absolviert hatte. "Mein ­Diplom aus Belgrad war für Oxford mehr als ausreichend. Aber meine Zeugnisse aus Oxford sind nicht gut genug für Belgrad."

Indes können Studierende, die ein Studienjahr an einer Universität auf dem Balkan überspringen, dennoch ihre für eine Anstellung erforderlichen Lebensläufe formal absegnen lassen. Hätte ich mein Management-Studium in der Serbischen Republik abgeschlossen, wäre mein Diplom automatisch vom benachbarten Serbien anerkannt worden – dank der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Belgrad und Banja Luka.

An diesem Juniabend hatte der Eigentümer der Privatuni für mich auf dem Campus ein Treffen mit dem für die Betreuung von Studierenden zuständigen Mitarbeiter arrangiert. Dieser meinte, ich könne hier studieren, wenn ich eine Vorauszahlung der Studiengebühr für zwei Jahre, etwa 2500 Euro, leisten würde. Er bat mich außerdem, ein Immatrikulationsformular auszufüllen und dabei  das Feld für das Aufnahmedatum frei zu lassen. Dadurch konnte die Universität – oder jemand anderer – das Datum meiner Einschreibung festlegen.

Doppelte Verzeichnisse

BIRN kontaktierte die Bildungsaufsichtsbehörde der Serbischen Republik, um mehr über die Fälschung von Einschreibungsdaten zu erfahren. In einer per E-Mail übermittelten Antwort gab die Aufsichtsbehörde an, von Fällen zu wissen, in denen Einschreibungen nicht rechtmäßig aufgezeichnet wurden. Sie nannte jedoch keine Namen. Velimir Tmusi, Leiter der Bildungsaufsichtsbehörde in Serbien, bestätigt ebenfalls, dass man auf Einschreibungen gestoßen sei, die zurück­datiert worden waren. Auch er glaubt, dass es schwierig sei, diese Praktik aufzudecken, da manche Institute zwei Studentenverzeichnisse führen – eines mit den richtigen Daten und ein anderes gefälschtes für die Inspektoren.

In ganz Bosnien entstanden seit 2000 etwa 18 private Universitäten – neben den acht staatlichen Instituten. Darüber hinaus gibt es etwa 15 Fachhochschulen, ebenfalls in privater Hand, die Berufsausbildungen anbieten.

Privatuniversitäten machen ihr Geschäft zum großen Teil mit Angestellten des öffentlichen Dienstes, die eine Zusatzausbildung anstreben. Für Staatsbeamte bedeuten zusätzliche Diplome Beförderungen und Gehaltserhöhungen. Die meisten entscheiden sich für Teilzeitkurse oder Fernstudien. Ihre Qualifikationen sind reine Formsache – weniger ein Leistungstest als eine bürokratische Spitzfindigkeit. An ihrem Arbeitsplatz wird man ihre neu erworbenen Kenntnisse kaum überprüfen. Auf diese Weise korrumpiert die auf dem Arbeitsmarkt des öffentlichen Sektors fest verwurzelte Korruption letztendlich auch das Bildungssystem.

"Es ist eine Schande, dass Menschen mit solchen Diplomen dem Staat dienen" , meint Zoran Stojiljkovic, Professor der Politikwissenschaften an der Universität Belgrad und Vorstandsmitglied der serbischen Antikorruptionsbehörde. "Es bedeutet den völligen Verlust des Vertrauens in das Bildungssystem und die Einsicht, dass alles käuflich ist." (Dino Jahić, DER STANDARD, 23.12.2013)

  • Dieser Kellner eines Cafés in Sarajevo ist ausgebildeter Zivilingenieur und denkt mangels adäquaten Jobs an Ausreise. Foto: Reuters/Ruvić
    foto: reuters/dado ruvic

    Dieser Kellner eines Cafés in Sarajevo ist ausgebildeter Zivilingenieur und denkt mangels adäquaten Jobs an Ausreise. Foto: Reuters/Ruvić

Share if you care.