Chinas Börsenreform: Der Hype ist wieder da

22. Dezember 2013, 17:00
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Viele Klein- und Mittelbetriebe hoffen auf einen schnellen Börsengang. Eine Reform in China gibt Anlegern Mut zur Hoffnung

Aktiengurus schlägt beim Blick ins Reich der Mitte derzeit das Herz höher. Die beiden bronzenen Riesenbullen, die in der Börsenmetropole Schanghai oder in Chinas zweitem Wertpapiermarkt Shenzhen stehen, werden blitzblank gewienert. Das Symboltier hat Konjunktur. Von den Titelseiten der Wirtschaftspresse grüßt der Bulle vor steil nach oben steigenden Pfeilen. Für den Ausbruch eines erneuten Hypes um die chronisch auf der Stelle tretenden Wertpapiermärkte reichten 21 chinesische Schriftzeichen aus. Sie verbargen sich im 20.000 Schriftzeichen umfassenden Beschluss der Kommunistischen Partei zur Einleitung neuer Wirtschaftsreformen und mehr Markt in China bis 2020.

Die 21 Zeichen, die zwei Halbsätze bilden, tauchen im ellenlangen ZK-Dokument als Punkt zwölf unter der Überschrift "Vervollkommnung der Finanzmarktstrukturen" auf. Sie besagen, dass Chinas Führung ein "mehrschichtiges Kapitalmarktsystem" aufbauen und "Reformen zur Registrierung von Börsengängen (IPO) anschieben" wolle.

Kenner legten die wenigen Worte auf die Goldwaage. Am Tag der Bekanntgabe des ZK-Beschlusses, am Freitagnachmittag, dem 15. November, belebten sie die gerade gefallenen Inlandsbörsen wieder. Am ersten regulären Handelstag stiegen die A-Märkte in Schanghai und Shenzhen auf ein 60-Tage- Hoch und zogen Asiens Märkte mit. Der H-Share-Index chinesischer Aktien in Hongkong stellte einen Zwei-Jahres-Rekord ein. Erst am dritten Börsentag beruhigte sich die Euphorie wieder, weil die Ankündigung zur Börsenreform von offizieller Stelle nicht weiter konkretisiert wurde.

Das Gerede darüber reichte erst einmal aus, damit sich in- und ausländische Analysten in Teesatzleserei überboten. "Mehrschichtige Kapitalmärkte" interpretieren sie als künftige Erlaubnis Pekings zur Gründung kleiner und mittlerer Banken durch privates Kapital. Das Wall Street Journal schwärmte: In der Frage von neuen Börsengängen in China sei der ZK-Beschluss "das erstmalige und stärkste Versprechen Pekinger Spitzenpolitiker, einen marktorientierten Mechanismus nach westlichem Stil einführen zu wollen".

Viele Fragen bleiben offen

Analysten jeder Couleur wetteten sofort, dass nun bald ein seit mehr als einem Jahr faktisch bestehendes Moratorium für Börsengänge fällt. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Kontrollen und komplizierten Überprüfungen für neue IPOs und alle Genehmigungshürden der staatlichen Börsenaufsichtsbehörde CSRC aufgehoben würden. Ein neues Registrierungssystem bei den Börsen selbst werde an ihrer statt treten.

Hintergrund ist der große Wunsch vieler kleiner und mittlerer Unternehmen, die knapp an Kapital sind und keine Kredite erhalten, an die Börsen des Landes zu gehen. Das wurde ihnen seit Oktober 2012 verwehrt. Finanzjournalisten der Beijing News fanden heraus, dass seither 761 Unternehmen in China als Antragsteller auf die Genehmigung zu ihrem Börsengang für einen der beiden A-Märkte warten.

Dahinter steckt durchaus Absicht. Das wirtschaftlich nur halbreformierte China ist noch weit davon entfernt, ein normaler Markt zu sein. Während in den vergangenen 20 Jahren das Wirtschaftswachstum doppelstellig wuchs, die Volksrepublik Exportweltmeister und global zur zweitgrößten Volkswirtschaft wurde, krebsten ihre staatswirtschaftlich beherrschten Börsen vor sich hin. Dabei dienen die hohen Hürden vor einem Börsengang nicht nur dazu, die sozialistischen Staatskonzerne bevorzugt an den Trog zur Kapitalaufnahme zu lassen. Sie sollen auch Börsengänge betrügerischer Unternehmen verhindern und die Märkte vor der inflationären Menge chinesischer IPOs schützen. Stabilitätsängste der Behörden, die mit Recht den Zorn betrogener Anleger fürchten, spielen auch eine Rolle. Unter Chinas Börsianern tummeln sich heute fast 100 Millionen Kleinaktionäre. Die Ratingagentur Fitch warnte, dass viele nach einem Börsengang lechzende Unternehmen überschuldet seien.

Chinesische Medien nennen es ein "Missverständnis", dass eine künftige Registrierungsreform die Prüfungen der Unternehmen vereinfachen würde. Auch könnten die Börsen von Schanghai und Shenzhen gar nicht an die Stelle der Börsenaufsicht treten. Denn sie sind keine unabhängigen Märkte, sondern Teil der staatlichen Aufsicht. Frühestens im März muss der Volkskongress klären, wie mögliche Reformen des einheimischen Börsensystems und des Börsengangs der Unternehmen überhaupt aussehen sollten. Die China Business Times schrieb, dass zuvor der Gesetzgeber 2014 das Wertpapiergesetz novellieren müsse. Der derzeitige Hype ist wohl wieder nur ein Strohfeuer. Pekings Presse setzte hinter ihre eigenen Überschriften von den Bullenzeiten an der Börse auch erst einmal ein dickes Fragezeichen. (John Erling, Portfolio, DER STANDARD, Dezember 2013)

  • Eine Reform soll Chinas Märkten neuen Schwung geben.
    foto: epa/shaver

    Eine Reform soll Chinas Märkten neuen Schwung geben.

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