Der entrückte Gott und die Kraft des Sakralen

Kolumne22. Dezember 2013, 16:58
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Der neue Agrarministers Andrä Rupprechter bekannte sich bei seiner Vereidigung zum "Heiligsten Herzen Jesu"

Es war ein sakraler und zugleich provokant wirkender Moment in der Wiener Hofburg: das Bekenntnis des neuen Agrarministers Andrä Rupprechter zum "Heiligsten Herzen Jesu" bei seiner Vereidigung in den Räumen des Bundespräsidenten. Die Folge war eine kurze, aber heftige Diskussion über Religion und Politik.

Warum? Unter anderem, weil die österreichische Verfassung zum Unterschied vom deutschen Grundgesetz keinen Gottesbezug beinhaltet und auch sonst weit weniger wertbezogen ist.

Obwohl die amerikanische Politik wie kaum eine andere der westlichen Welt religiös durchmischt ist, haben es die Gründungsväter und deren Nachfolger damals wie heute abgelehnt, in der US-Verfassung den Staat mit Gott oder den Religionen zu verbinden. Das Argument ist immer dasselbe: Verfassungen müssen die freie Religionsausübung garantieren, aber die Legitimation des Staates kommt nicht wie früher von Gott und der Religion, sondern erwächst aus der Demokratie.

Ohne das Sakrale (Weihevolle) kommt indessen selbst die profane Welt nicht aus. Die Menschen ergötzen sich zu Weihnachten am sakralen Überbau sogar dann, wenn sie das ganze Jahr über nichts davon halten. Der Konsum erfährt zum Frommen der Wirtschaft und zur Herstellung einiger friedlicher Tage eine Art Heiligung. Der Devotionalienhandel, sonst ein Monopol der Wallfahrtsorte, erfasst das ganze Land.

Eine seiner besonderen Wirkungen entfaltet das Sakrale in der Kraft des Lichtes. Der familiäre Weihnachts- oder Christbaum ist ebenso ein Licht-Phänomen wie die teils sogar von Künstlern gestalteten Lichtdekorationen der Einkaufsstraßen.

Die Leucht-Macht der Kerzen und Fackeln ist so groß, dass Anfang der 1990er-Jahre "Lichtermeere" zu einem Symbol wurden für den Widerstand gegen Rassismus und restriktive Einwanderungspolitik. 1993 sammelten sich auf dem Wiener Heldenplatz 300.000 Menschen gegen das FPÖ-Volksbegehren "Österreich zuerst". Dieses Lichtermeer hatte zweifellos auch sakralen Charakter. Menschenrechtsorganisationen haben damals zusammen mit religiösen Bewegungen das Licht hochgehalten - gegen das Dunkel totalitärer Zeiten und den Versuch ihrer Wiedererweckung.

In einem der Aufsätze des Buches Politik und Religion (Verlag C. H. Beck) schreibt Hans Joas, Professor für Social Thought in Chicago, an die Adresse von religiösen Fundamentalisten: Zwei Gewissheiten, die sich seit Jahrhunderten in Debatten gehalten hätten, seien endgültig widerlegt. Die eine, dass die Abkehr von Religion moralischen Verfall zur Folge hätte. Die andere, dass Religion etwas historisch Überholtes sei.

Der Demokratie habe geholfen, schreibt Joas, dass die von den großen Kirchen im europäischen Westen selbst immer schärfer gezogene Grenze zwischen Weltlichem und Göttlichen einen "Staat von Gottes Gnaden" ausgeschlossen habe.

Diese Entzerrung ermöglicht "profanen" Demokratie-Initiativen wiederum, in Sternstunden sakrales Licht zu entzünden. Unabhängig von Religion und Konsum. (GERFRIED SPERL, DER STANDARD, 23.12.2013)

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