Chodorkowski im Westen: Kein Spielverderber, vorerst

Kommentar22. Dezember 2013, 17:11
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Russlands berühmtester Ex-Häftling wählte seine Worte mit Bedacht

Er wirkte weder wie ein gebrochener Mann noch wie ein Racheengel: Im Berliner Mauermuseum war Sonntag schon nach wenigen Minuten klar, dass Michail Chodorkowski keine Sensation liefern würde.

Russlands berühmtester Ex-Häftling wählte seine Worte mit Bedacht. Aber auch so wurde deutlich, wie er über den Mann denkt, der an ihm ein Exempel statuierte, als Warnung an alle Oligarchen mit politischen Ambitionen: "Mir war von Anfang an klar, dass das kein Kinderspiel ist", sagte der einstige Konzernchef in Erinnerung an die "Beratung" im Kreml vom Februar 2003, mit der Wladimir Putin die Strafverfolgung Chodorkowskis einleitete.

Ein solches Verfahren wäre praktisch gegen jeden Oligarchen möglich gewesen (und ist es noch immer), denn bei keiner Privatisierung nach dem Kollaps der Sowjetunion ging es sauber zu. Bei seinem Schlag gegen den Yukos-Chef konnte Putin daher eine Mehrheit der Bevölkerung auf seiner Seite wähnen: Ein Mann mit dem Werdegang und dem Vermögen Chodorkowskis eignete sich schlecht zum Märtyrer.

Mit fortdauernder Haft aber drohte die Lage zu kippen. Putin kam wohl zu dem Schluss, dass ihm ein Chodorkowski im Ausland weniger schaden würde als im_Straflager – zumal mit Blick auf Olympia in Sotschi. In diesem Punkt will der Begnadigte kein Spielverderber sein, scheint es. Womit nicht gesagt ist, dass der Sieger am Ende Putin heißt. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, 23.12.2013)

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