Verzerrtes Bild durch ungenaue Recherche

Kommentar der anderen22. Dezember 2013, 16:52
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Die Dakota-Indianer sagen: "Wenn du ein totes Pferd reitest, steig ab." Diese Weisheit fällt einem zu Ludwig Lahers Argumenten gegen die Zentralmatura ein. Sie gehen ins Leere, der Autor sollte endlich absteigen.

Am meisten wäre wohl zu wünschen gewesen, dass sich der Journalist Ludwig Laher die Worte der Schülerin Saskia, die der Schriftsteller Ludwig Laher in seiner Kurzgeschichte im oben zitierten Kommentar zum Leben erweckt hat, selbst zu Herzen genommen hätte: "Journalisten [...] müssen ihre Geschichten gut recherchieren, genau wissen, worüber sie schreiben. Tun sie das nicht, handeln sie gegen ihr Berufsethos."

Hätte er sich im Standard- ALBUM vom 15. 12. 2013 selbst an diese Regel gehalten, wäre es nicht möglich gewesen, einen ganzen Text ("Welche Reife prüft sie?") gegen die standardisierte Reife- und Diplomprüfung in Deutsch an eine Aufgabenstellung zu knüpfen, die so oder auch nicht so ähnlich je in eine Matura gegangen ist oder gegangen wäre. Ja nicht einmal als Übungsbeispiel, Probematura oder Musteraufgabe hätte sie dienen können. Denn, wie Herr Laher richtig feststellt: Die zitierte Aufgabe zu Arno Geigers Roman Der alte König in seinem Exil ist schlecht und daher niemals vom bifie veröffentlicht worden, da sie den gebotenen Standards nicht entspricht. Es liegt somit die Vermutung nahe, dass sich auch Herr Laher hier auf eine höchst unverlässliche Quelle, vielleicht sein persönliches Wikipedia, gestützt hat. Wir wüssten gern, wie die Aufgabe an ihn geraten ist, vom bifie hatte er sie zweifelsfrei nicht, sie ist also mit Sicherheit kein "Originalbeispiel".

"Die Warnungen der Schriftstellerinnen und Schriftsteller dieses Landes" sind uns seit Jahren bekannt, werden sie doch in regelmäßigen Abständen vor allem durch Herrn Laher in deren Namen gebetsmühlenartig kundgetan. In keiner dieser Warnungen lassen sich je konkrete Angaben finden, worin denn die "Schnapsidee" einer zentralen literarischen Aufgabenstellung läge. Die Grundannahme, die Lektüre von Ganztexten wäre ab sofort nicht mehr relevant, ist selbstverständlich falsch.

Als ehemaliger Lehrer müsste Herr Laher das wissen: Erstens schreiben alle Deutsch-Lehrpläne Literatur im Unterricht zwingend vor, wenn auch ausdrücklich keinen verbindlichen Literaturkanon, und zweitens muss gefragt werden, wie sonst SchülerInnen jene Kompetenz erwerben sollten, die sie für die Bewältigung der standardisierten literarischen Aufgabenstellung brauchen, wenn sie durch LehrerInnen nicht anhand von (Ganz-) Texten das notwendige werkpoetische "Handwerkszeug" erhielten.

Im Zusammenhang mit dem Vorwurf, ein Textausschnitt könne zu keiner "Empfehlung" eines Werkes führen, ist noch anzumerken, dass auch der interessierteste Konsument von Literatur sich vor Kauf eines Buches oftmals auf Textausschnitte beruft, bevor er seine Kaufentscheidung trifft.

Auch die erwähnte Wortanzahl von 270 bis 330 Wörtern im Zusammenhang mit Textanalyse oder -interpretation hat Herr Laher leider höchst ungenau recherchiert: Es existiert keine literarische Maturaaufgabe des bifie, die diese Wortanzahl vorschreibt. Die erwähnte vergleichende Gegenüberstellung von Eichendorff und Kafka aus dem Haupttermin im SV 2013 sieht 540-660 Wörter vor, ebenso die literarische Musteraufgabe auf der bifie-Homepage. Vielleicht beruft sich der Verfasser hier auf die Wortanzahl zur Liedinterpretation in der Probematura? Jedenfalls werden an dieser Stelle Beispiele vermischt, ein verzerrtes Bild wird geliefert.

Der Vorwurf, standardisierte Maturaaufgaben würden den schreibenden "Meinungen vorgeben", wird analog zu oben auch nicht richtiger, wenn er oft und immer wieder wiederholt wird, ist also ein weiteres totes Pferd, das hier geritten wurde. Vergleicht man die zahlreichen, oftmals sehr suggestiven "Leitfragen" in vielen traditionellen Maturaaufgaben mit den offenen Formulierungen, die in den standardisierten Aufgaben zum Einsatz kommen, wird man schnell feststellen, dass Meinungsfreiheit ein schützenswertes Gut ist, dessen Wichtigkeit auch den Verantwortlichen am bifie bewusst ist und daher bei allen Aufgabenstellungen gewahrt bleibt. An welcher Aufgabenstellung Herr Laher seinen Vorwurf, Meinungen wären "nachzubeten" und Maturantinnen und Maturanten müssten sich "perfekt selbst verleugnen", festmacht, hat er leider nicht verraten.

Wenn Saskia in der traditionellen Matura statt der Textsorte "Empfehlung" die Textsorte "Brief" gewählt hätte, wäre das als Themenverfehlung genauso mit Nicht genügend geahndet worden wie in der standardisierten Matura nach dem Beurteilungsraster. Das hätte wohl auch Frau Prof. Zechmeister so gesehen, geht man davon aus, dass sie eine gute Deutschlehrerin ist, die ihre Schüler/-innen nach dem seit 2004 gültigen Lehrplan kompetenzorientiert unterrichtet und ihnen Textmusterwissen vermittelt hat.

Nun, man sieht, wie wenig bleibt, wenn man die Angelegenheit sachlich und mit der gebotenen journalistischen Sorgfaltspflicht recherchiert: Steigen Sie also ab, Herr Laher!

Susanne Reif-Breitwieser ist Teamleiterin am Department für Standardisierte kompetenzorientierte Reife- und Diplomprüfung (SRDP Unterrichtssprache) am Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens (bifie). (Susanne Reif-Breitwieser, DER STANDARD, 23.12.2013)

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