Unwort "Überstandspersonal"

Blog21. Dezember 2013, 18:38
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Diskussion über einen abwertenden Begriff aus dem Regierungspakt

Der Regierungspakt, dieser Text gewordene Ausdruck der Bereitschaft von SPÖ und ÖVP zu fünf weiteren Jahren Zusammenarbeit, beinhaltet einiges, was nachdenklich machen kann - auch vom Sprachlichen her. So stoßen ausdauernde Leserinnen und Leser im Kapitel „Staatsreform und Demokratie" auf Seite 102 auf einen Terminus, den die neuerlichen Koalitionäre den Diskussionen um Staatsbedienstete übernommen haben, die als Beamtinnen und Beamte unter Versetzungsschutz stehen - aber dort, wo sie tätig sind, keine Aufgaben mehr haben.

Im Regierungspakt werden sie als „Überstandspersonal" bezeichnet: ein Ausdruck, der sich gut unter die abwertenden oder auch euphemistischen Ausdrücken einreiht, die es für Arbeitende und Arbeitssuchende, die keiner mehr zu brauchen scheint, inzwischen gibt. Man denke etwa an das beschönigende Wort „freisetzen" aus dem Mund von Verkündern oder Verkünderinnen betrieblicher Kündigungswellen.

Gefeuert

Diesbezüglich hörte eine Standard-Kollegin bei einer Pressekonferenz über Sparmaßnahmen in einem großen Unternehmen vor Kurzem sprachlich Innovatives. Besagte Firma plane, dem Arbeitsmarkt eine Reihe von Kräften „zur Verfügung zu stellen", hieß es: in seiner Großzügigkeit für den Arbeitsmarkt wohl ein ziemlich unannehmbares Angebot.

Doch zurück zum „Überstandspersonal", das auf Seite 102 des Regierungspakts im Kapitel „Staatsreform und Demokratie" vorkommt. Es gelte, „Beschäftigungsperspektiven für Überstandspersonal bei ÖBB, Post und Telekom" zu schaffen, heißt es da. Die betroffenen Bediensteten müssten „für die Arbeit in anderen Dienststellen des Bundes fit gemacht" werden, „beispielsweise für die Arbeit in Finanzämtern zur Aufarbeitung der Grundsteuerbescheide".

Neue Aufgaben

In Parlamentsberichten ist außerdem von 400 „überständigen" Heeresbedienstete zu lesen, die dem Finanzministerium für Betrugsbekämpfungsaufgaben zur Verfügung  gestellt werden sollen. Und 200 Beamtinnen und Beamte aus dem Verteidigungsressort sollen ins Innenministerium übersiedeln, damit die Exekutive auf den Straßen künftig präsenter sei.

So verständlich derlei Pläne in Zeiten knapper Staatskassen sind – die Begriffswahl ist fragwürdig:

Denn das Wort „Überstandspersonal" erinnert an den Ausdruck „überflüssiges Personal". Das führt zu einem seit mehreren Jahren geführten Soziologen-Disput: Die Entwicklung der modernen Wirtschaft und des globalen Arbeitsteilung habe dazu geführt, dass auch in westlichen Gesellschaften immer mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt auf Dauer herausfielen und zudem keinen Anschluss an moderne Kommunikationsformen hätten, meint etwa der deutsche Soziologe Heinz Bude. Die Betroffenen gehörten zu den „Überflüssigen".

Zynismus?

Die Diskussion um diesen Begriff wird höchst kontrovers geführt. Kritiker sprechen von Zynismus, der über das Beschreiben des Zustands hinausgehe. Beim Terminus „Überstandspersonal" verhält es sich ähnlich. (Irene Brickner, derStandard.at, 21.12.2013)

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