Ich wünsch mir einen Lotto-Sechser

22. Dezember 2013, 10:00
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Weihnachtsmann Günter Aichinger träumt von einem Penthouse mit Blick auf Wien-Favoriten

Günter Aichinger ist heute Weihnachtsmann und morgen Osterhase. Wünsche hat er trotzdem: Er träumt von einem Penthouse mit Blick auf Wien-Favoriten. Wojciech Czaja durfte mal seinen Bart kraulen.

"Der Weihnachtsmann, ho ho ho, das sag ich Ihnen, kommt nicht vom Polarkreis, sondern aus dem tiefsten Oberösterreich. Ein großes Getränkeunternehmen war damals auf der Suche nach Miet-Weihnachtsmännern. Ich habe mich beworben, hab das Casting bestanden, und seit damals schlüpfe ich Jahr für Jahr in die Rolle des Santa Claus. Zu meinen Auftraggebern zählen Privatleute, aber auch Einkaufszentren und größere Unternehmen. Außerdem bin ich immer wieder in Werbespots zu sehen. Die Hälfte meiner Weihnachtsmann-Einnahmen spende ich der Gruft. Die andere Hälfte ist ein Zubrot zu meiner Pension.

Rentier Rudolf? Schäferhund Pajazzo! Weihnachtsmann Günter Aichinger in seinem festlich geschmückten Wohnzimmer: "Ich hab's gern still und besinnlich." (Foto: Pilo Pichler; Bildansicht durch Klick vergrößern)

Als ich in den Achtzigerjahren nach Wien gezogen bin und mit dem Weihnachtsmann-Sein begonnen habe, hatte ich noch einen aufgeklebten Plastikbart, aber der hält nicht gut, man schwitzt, und überhaupt ist das pseudo. Mittlerweile habe ich es mir angeeignet, mir jedes Jahr im Mai einen Bart wachsen zu lassen, der im Advent so richtig groß und weich ist. Das ist mein USP. Den Auftraggebern gefällt das. Sie bevorzugen echtes Barthaar. Allerdings - das ist der Deal mit meiner Lebensgefährtin Gabriele - muss ich mir den Bart am 7. Jänner, also einen Tag nach den Heiligen Drei Königen, wieder ratzfatz abrasieren.

Das g'miatliche Beieinandersitzen, das Weihnachten früher war, ist längst Geschichte. Manchmal, wenn ich den Leuten dabei zuseh, wie ang' fressen sie dreinschauen, vergeht's mir richtig. Was ist aus dem schönen, besinnlichen Weihnachtsfest geworden? Ein hektisches Konsumfest! Trotzdem liebe ich es, als Weihnachtsmann aufzutreten. Allein schon das Leuchten in den Augen der Kinder ist ein Geschenk.

Auch sonst geht's in meinem ach so ruhigen Pensionistenleben ziemlich rund zu, denn ich trete ja nicht nur als Weihnachtsmann auf, sondern auch als Nikolaus, Väterchen Frost und Osterhase, bin also ständig unter Leuten. Und wenn ich dann endlich mal zu Hause bin, genieße ich die Ruhe. Ich hab's gern still und besinnlich, verbring den Abend daheim, geh wandern oder bummeln. Entsprechend schaut die Wohnung aus. Die Möbel sind schlicht, modern, hell, unauffällig, nichts Besonderes. Insgesamt hat die Wohnung circa 42 Quadratmeter, wobei ich einen großen Balkon hab, auf dem wir manchmal mit Freunden abhängen, Bier trinken und grillen. Ich mag das sehr. Das Haus selbst ist ein Gemeindebau aus den, ich glaub, frühen Dreißigerjahren, so richtig mittendrin in Favoriten. Wir haben einen Fernwärme-Anschluss, die Grundrisse sind okay, und mit den Nachbarn versteh ich mich auch sehr gut.

Manchmal wird's ein bissl eng, denn erstens besitze ich acht volle Weihnachtsmann-Kostüme, die irgendwo untergebracht werden müssen, zweitens lebe ich hier mit meinem weißen Schäferhund Pajazzo, den manche als Rentier Rudolf bezeichnen, und drittens, wenn dann auch noch meine Lebensgefährtin Gabriele zu Besuch ist, na ja ... Die meiste Zeit verbringen wir daher bei ihr zu Hause. Sie wohnt in einer 60-Quadratmeter-Wohnung im 23. Bezirk. Da haben wir mehr Platz. So ist das halt mit dem Hin- und Herpendeln.

Eigentlich bin ich glücklich so, wie es ist. Ich habe nicht vor, meine Wohnsituation zu verändern. Allerdings spiele ich Lotto, und sollte ich jemals einen Sechser gewinnen, dann will ich in eine Penthouse-Wohnung mit Terrasse und Blick auf die Stadt ziehen. Denn ich liebe Wien, und ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als am Morgen nach dem Aufwachen den Blick über die ganze Dachlandschaft schweifen zu lassen. Wünschen darf man sich's ja. Und wer weiß, vielleicht kommt ja eines Tages ein Weihnachtsengerl vorbei und erfüllt mir meinen Traum." (DER STANDARD, 21.12.2013)

Günter Aichinger, geb. 1948 in Spital am Pyhrn in Oberösterreich, besuchte die Hauptschule und machte eine Lehre als Wagenkunstschmied und Tischler. Danach war er 20 Jahre lang für eine Lackfabrik tätig. Nebenbei war er bei der  Freiwilligen Feuerwehr. Danach arbeitete er als Portier. Seit 2009 ist er Pensionist. Heute jobbt Aichinger als Osterhase,  Nikolaus und Weihnachtsmann. Er wirkte bereits in TV-Werbespots für Coca-Cola, Kika, Bellaflora, A1, Ö3, Fly Niki und  Wienenergie mit und betreut einige Weihnachtsmann-Kollegen über eine von ihm gegründete Internet-Plattform.

Link

wienerweihnachtsmann.org

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