"Keine Götter, die alles in Grund und Boden fahren"

Interview20. Dezember 2013, 17:35
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Vor knapp einem Jahr gelang Hannes Reichelt in Bormio der letzte ÖSV-Abfahrtssieg. Cheftrainer Mathias Berthold spricht über die Durststrecke und vieles andere in seinem Sport

Standard: Nervt es einen Trainer, wenn er immer wieder gefragt wird, weshalb der letzte Abfahrtssieg schon so lange her ist und wann der nächste kommt?

Berthold: Nein.

Standard: Und wie beantworten Sie die Frage?

Berthold: Erzwingen können wir es nicht. Das ist natürlich eine ungewohnte Situation für Österreich. Ich habe früher als Trainer in Deutschland gearbeitet. Dort werden dir bei solchen Ergebnissen die Füße abgeschleckt.

Standard: Der Anspruch in Österreich ist eben hoch.

Berthold: Die Jungs haben das auch toll gemacht bis jetzt. Aber es gibt ja immer Kritik, auch in den anderen Disziplinen. Wenn der Marcel Hirscher gewinnt, dann ist das ein Produkt, das eigentlich nicht vom ÖSV ist. Wenn der Mario Matt gewinnt, dann heißt es, wo sind die Jungen, nur der Alte gewinnt. Es wird immer das Negative gesucht. Aber die Jungs gehen mit dem gut um, und ich stelle mich tausendprozentig vor die Mannschaft, so wie sie ist. Mich kann man kritisieren.

Standard: Was ist der Unterschied zwischen dem Sieg und einem Podiumsplatz, abgesehen von ein paar Hundertsteln?

Berthold: Das kann man so nicht sagen. Aber man muss einfach akzeptieren, dass der andere besser ist an dem Tag. Wenn man das nicht schafft, dann ist es schlecht. Wir sind nicht die Götter, die alles in Grund und Boden fahren. Die Zeiten sind vorbei, und wir arbeiten daran, dass sie wieder kommen.

Standard: Es sind aber traditionell oft dieselben vorne.

Berthold: Man muss sich eingestehen, dass Aksel-Lund Svindal brutal gut ist. Was der schon geleistet hat und noch leistet. Im Riesenslalom gibt es Ted Ligety. Und im Slalom Marcel Hirscher. Da haben wir denjenigen. Und Mario Matt haben wir auch. Ich weiß, in der Abfahrt haben wir noch nicht gewonnen, aber wir hatten Spitzenplatzierungen. Dann ist der Schritt zum Sieg nur eine Frage der Zeit.

Standard: In der Abfahrt scheint die nationale Spitze im Vergleich zur letzten Saison breiter geworden zu sein. Wird die interne Qualifikation auch weiterhin ein Thema bleiben?

Berthold: Sicher. Und es war schon im Sommer absehbar. Alle Leute, die im Speed-System drinnen waren, haben gute Leistungen gebracht. In Amerika haben wir zuerst gesagt, wir schützen die ersten 30 der Weltrangliste und lassen die Jungen Quali fahren. Dann ist einer als Trainingssechster gestanden. Das fand ich ungerecht. Deshalb waren hier nur die ersten 15 gesetzt.

Standard: Was spricht für eine Abfahrtsquali, was dagegen?

Berthold: Dagegen spricht nichts. Ich möchte die beste Mannschaft am Start haben. Und ich möchte jedem die Chancen geben, sich dafür zu qualifizieren. Für manche Arrivierte, die vielleicht nicht immer am Limit gefahren sind, wird in dieser natürlichen Situation Druck erzeugt.

Standard: Gefährlich ist das nicht?

Berthold: Bis jetzt war es nicht sonderlich gefährlich. Natürlich ist eine Abfahrt immer mit Risiko verbunden. Die Jungs müssen jetzt mehr Gas geben, und ich hab das Gefühl, sie tun das ambitioniert. Ich sehe auch überhaupt kein Problem, dass sie ausgebrannt sind. Derjenige, der nach einer Quali ausgebrannt ist, hat hier eh nichts verloren.

Standard: Kann es auch im Super-G eng werden?

Berthold: Ja, wenn der Marcel dabei ist. Denn der hat einen Platz, wenn er kommt, weil es a um den Gesamtweltcup geht und er b bei jedem Super-G-Training, das er mitgemacht hat, vorne dabei war.

Standard: Im Slalom und im Riesenslalom gibt es nicht gerade ein G'riss um die Startplätze.Weshalb?

Berthold: Wir haben schon viel unternommen. Aber das Projekt ist nicht einfach, wenn du einmal so weit weg bist, wie wir es waren. In meiner Zeit als Slalomtrainer bei den Damen haben wir die Situation auch gehabt. Das Projekt hat 1998 begonnen, und es dauerte fünf Jahre, bis Läuferinnen wie Marlies Schild oder Nicole Hosp an der Spitzen waren. Jetzt sind die Arrivierten wie Manfred Pranger oder Reinfried Herbst knapp dran im Slalom. Doch die Lücke dahinter muss geschlossen werden. Die Uhr tickt.

Standard: Wie weit ist der ÖSV ins Airbag-Projekt des Internationalen Skiverbandes eingebunden? Im Abfahrtstraining auf der Saslong testeten ein Italiener und ein Kanadier die Prototypen.

Berthold: Wir erhalten regelmäßig Updates. Die Idee ist gut. Das ist ein großer Schritt in Richtung Sicherheit. Wir können den Airbag in Kitzbühel und Bormio testen. Aber es bedarf noch vieler Diskussionen. Der Aufbau am Rücken bringt aerodynamische Vorteile, der Airbag ist teuer. Wenn er aufgeht, sollte er sich bezahlt gemacht haben. Aber es ist auch eine Frage der Finanzierung bei den kleineren Skinationen und vor allem bei Nachwuchsrennen.

Standard: Vor den Olympischen Spielen in Sotschi künden immer mehr Politiker einen Boykott an wegen der politischen Situation in Russland, wenn auch keinen sportlichen. Was sagt der Skitrainer dazu?

Berthold: Sicher beschäftige ich mich mit der Situation. Aber im Endeffekt ändert das für uns nichts. Diese Veranstaltung ist dort abzuhalten, solange die Sicherheit stimmt, diese Entscheidung wurde wieder auf einer ganz anderen politischen Ebene getroffen. Es ist das wichtigste Ereignis für einen Sportler in seiner Karriere. Da unterstützen wir jeden, unabhängig, wo es stattfindet. (Benno Zelsacher, DER STANDARD, 21.12.2013)

Mathias BERTHOLD (48), Vorarlberger aus Gargellen, ist seit 2010 Cheftrainer der ÖSV-Skiherren. Er arbeitete zuvor unter anderem als Damencheftrainer in Deutschland. Als Aktiver schaffte er zehn Top-Ten-Plätze im Weltcup. 1993 wurde er Profi-Weltmeister. Sohn Frederic (22) ist ÖSV-Kaderläufer.

  • "Man muss sich einfach eingestehen, dass Svindal brutal gut ist."
    foto: apa/parigger

    "Man muss sich einfach eingestehen, dass Svindal brutal gut ist."

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