Der Herz-Jesu-Schrittmacher

20. Dezember 2013, 17:28
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Die Missionierungsversuche am lebenden Staatsbürger haben in den letzten Tagen markante Fortschritte gemacht

Die Missionierungsversuche am lebenden Staatsbürger haben in den letzten Tagen markante Fortschritte gemacht. Dass deutsche Politiker ihr Amt nur ausüben wollen, so wahr ihnen Gott dabei hilft, zeugt von einer Zurückhaltung in politischen Dingen, die man in einem Land, dessen Politiker eher von Gott verlassen wirken, schmerzlich vermisst. Diese Einschleusung einer höheren Macht in die Regierungsgeschäfte wäre vermutlich gar nicht aufgefallen, hätte nicht kurz zuvor ein österreichischer Neopolitiker den Deutschen gezeigt, wo ein Andrä das Weihwasser holt. Mit seinem Gelöbnis vor Gott, Heinz Fischer und dem heiligen Herzen Jesu Christi hat er künftigen Ackerbauministern die Latte hochgelegt, auch wenn auffiel, dass bei dieser Erweiterung des Repertoires an Schwurformeln der Heilige Geist - wie man in Berlin sagen würde - außen vor blieb.

Die Erweiterung des im Regierungsprogramm beschworenen Finanzierungsvorbehalts um einen Geistesvorbehalt spielt auch keine Rolle mehr, werden wir doch bestens entschädigt durch die facettenreiche Persönlichkeit des Herz-Jesu-Schrittmachers. Mit der ÖVP hat er gar nicht so viel am Hut, denn der "Kleinen Zeitung" gestand er, kaum jesubeherzt angelobt: "Im Ernstfall bin ich ein Grüner ... ein Grüner der ersten Stunde, dem die Bauern am Herzen gelegen sind", denn ohne Herz geht es nun einmal nicht. Ob sich Platter da nicht für den Falschen eingesetzt hat, blieb aber unklar, denn eigentlich ist er ein Patchworker. "Die politische Farbenlehre, wie ich mein Amt anlegen werde, ist Schwarz-Rot-Grün. Schwarz steht für die Werte und die christliche Soziallehre. Rot für Solidarität und Nächstenliebe", wobei es sich offensichtlich für ihn nicht um Werte handelt, und "Grün muss ich nicht erläutern".

Und um im Tiroler Herrgottswinkel kein karibisches Missverständnis aufkommen zu lassen: "Das heißt nicht Jamaika-, sondern Herz-Jesu-Koalition. Das sind zufällig die Herz-Jesu-Farben". Aber so weit hält die Trennung von Kirche und Staat vorderhand noch, dass er nicht beansprucht, sie an die Stelle von Rot-Weiß-Rot treten zu lassen.

Dem Bekenntnis zu den Grünen ließ er einen zweiten Tiefschlag folgen - in der "Presse", wo er sich neuerlich outete: "Ich bin auch ein Wiener Bürger", aber nicht etwa im Sinne der Währinger Regimenter: "Ab 1981 habe ich in Wien gelebt - im 18. Bezirk, als aufgeklärter, aufgeschlossener Wiener Bürger. Im Ernstfall" grün, nächstenlieb rot und "aufgeschlossen" in Wien - beim heiligen Herzen Jesu Christi, was hält den Mann in der ÖVP?

Es muss an dem Mysterium liegen, mit dem dieses Organ behaftet ist. "Wieso beruft sich jemand bei einer Angelobung im Jahre 2013 auf ein Gelöbnis aus der Zeit des Freiheitskampfs gegen Napoleon Bonaparte?", wunderte sich die sonst eher traditionswahrende "Presse" - historisch verständlich, hat doch den Tiroler Mandern nicht einmal der Hinweis, es sei Zeit, gegen Napoleon viel geholfen, geschweige denn ein Herz, dessen Besitzer ohnehin der Auffassung zuneigte, gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist - ein verwirrender Rat, wenn es zwei von dieser Sorte gibt. Aber was ein "aufgeklärter, aufgeschlossener Wiener Bürger" ist, erteilt der "Presse" die richtige Antwort: "Weil wir das Herz-Jesu-Land sind".

Und dieses erstreckt sich weiter, als der Tiroler glaubt. Es wäre nicht die Herz-Jesu-"Krone", wenn nicht Michael Jeannée seine unheiligen Schleimbeutelklappen geöffnet und dem "lieben Andrä Rupprechter jubilierenden Dank" für die Worte ausgesprochen hätte, "die Sie Heinz Fischer, dem bekennenden Gottesleugner in der Hofburg außerprotokollarisch hineinsagten". Ob der "Herr Minister" nun wissen wollte, "weshalb mein Dank ein "jubilierender" ist", oder nicht, es half nichts, Jeannée sagte es trotzdem, denn die Gelegenheit vom Beistand des "heiligen Herzens Jesu Christi" zu profitieren, wenn es gegen die Konkurrenz geht, gehört zu seinen Pflichten. So wittere nicht nur "der hämische Berufslinke Hans Rauscher im 'Standard' in Ihnen eine 'tirolerische Extraportion religiöser Inbrunst'", was nur von korrekter Witterung zeugt, "während Guido Tartarotti im "Kurier" der erzkatholischen (!) Raiffeisen-Brüder höhnen darf: "Gerade, dass Rupprechter nicht ,Mander, 's isch Zeit' seinem Gelöbnis hinzufügte". Man hat schon höhnischeren Hohn gehört.

Ohne Jesus kam der christliche Beamtenpapst Neugebauer aus, als er von der Mittwoch-Demo sagte: "Wen das nicht beeindruckt, der hat kein Herz." Recht hat er - beim Bart des Propheten. (Günter Traxler, DER STANDARD, 21./22.12.2013)

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