Haut euch über die Häuser, Husarenkrapferln!

Kolumne20. Dezember 2013, 17:00
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Die Keksbeschimpfung

Die Leserinnen und Leser wissen, dass in jedem Dezember das Thema dieser Kolumne ein gefundenes Fressen ist: die Kekse nämlich, jene saisonale Landplage, die den biblischen Heuschrecken an Verheerungswut um nichts nachsteht. Nur dass es bei den Keksen nicht, wie bei den Heuschrecken, ums Leerfressen, sondern ums Vollfressen geht.

Unter den Backwerken sind die Kekse (oder "Plätzchen", wie der sonderbare Germane sagt) die mit Abstand unverschämtesten: feiste, aus Zucker und Fett gefertigte Flegel. Primitive, speckige Spitzbuben, die nichts anderes im Sinn haben, als die Österreicher dazu zu verlocken, sich in der Weihnachtszeit ihre an sich schon ansehnlichen Austrowampen blitzartig auf doppelte Michelin-Reifenbreite hinauf aufzupumpen.

Dazu ist dem Keks jedes Mittel recht. Erstens ist das Keks ein Resultat der hinterfotzigen Kunst, die größtmögliche Kalorienmenge auf kleinstmöglichem Raum unterzubringen. Zweitens greifen Kekse ungeniert direkt in den Hirnstoffwechsel ein. Wer sich ein Vanillekipferl einverleibt - wehret den Anfängen! -, der wird sich unweigerlich zehn weitere einverleiben. Dass Heroin, nicht aber Kokosbusserln unter das Suchtmittelgesetz fallen, ist eine der großen Perversionen unserer Legislative.

Drittens tritt das Keks, ungeachtet seiner ständig gleichbleibenden Basisbestandteile (eben Fett und Zucker), in hunderterlei verschiedenen, zum Permanentkonsum verlockenden Manifestationen in Erscheinung. Wer des Linzerauges überdrüssig und des Nussstangerls müde geworden ist, der steigt einfach auf Pfeffernüsse und Aniswürfel um und führt seine Kalorienorgie mit einem anderen Verzehrpartner fort.

Schließlich setzt das Keks jede Geschmackspapille außer Gefecht, sodass der aufs Dauerspachteln angefixte Kekskonsument selbst dann wie in Trance weiterspachteln wird, wenn nur mehr ein paar ranzige Rumkugeln oder miachtelnde Mandelbögen in der Keksdose herumgammeln. Motto: Die Dose mit den Keks, die fress ich locker ex.

Dringend not täte ein neuer Berufsstand, ein dem Exorzisten nachgebildeter Kexorzist, der die fetten Fieslinge ein für alle Mal mit rituellen Fluchformeln aus dem Land vertreibt: Haut euch über die Häuser, Husarenkrapferln! Schleich dich, Spritzgebäck! Zupft euch, Zimtsterne! Und last, not least: Leck mich, Linzerauge! (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 21./22.12.2013)

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