Jim Jarmusch: "Dante schrieb zu Lebzeiten Straßenslang"

Interview20. Dezember 2013, 17:40
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Tilda Swinton und Tom Hiddleston sind im schwermütig schönen Film "Only Lovers Left Alive" zwei Vampire mit Lust auf Kultur

STANDARD: Woher kam das Interesse für einen Vampirfilm? Für Sie eher eine ungewöhnliche Wahl.

Jim Jarmusch: Ich denke, dass das Thema mein Interesse an gesellschaftlichen Außenseitern widerspiegelt. Vampire sind fragile Wesen - menschlich zwar, gleichzeitig aber gezwungen, in Abgeschiedenheit zu leben. Damit kann ich mich identifizieren. Abgesehen davon habe ich eine Schwäche für Genres. Ich mag es, sie zu etwas Eigenem zu transformieren.

STANDARD: Dabei nehmen Sie das Genre durchaus ernst.

Jarmusch: Genres sind ein willkommener Ausgangspunkt für meine Geschichten, wie die Skizze eines Bildes. In Dead Man sprechen die Figuren zwar nicht in einer für 1870 authentischen Sprache, aber mir war es wichtig, dass jedes Detail historisch akkurat ist. In Only Lovers Left Alive haben wir viel Zeit auf die Frisuren verwendet. Es war Tildas Idee, für die Vampirperücken Tierhaare zu benutzen, um das Animalische der Kreaturen zu betonen.

STANDARD: Angesichts von Adams Villa, die an ein Jarmusch-Museum erinnert, habe ich mich gefragt, wie viel von Ihnen in der Figur steckt.

Jarmusch: Ich mag Adam und Eve gleichermaßen, sie ergänzen sich in ihren Charakterzügen. Ich analysiere meine Filme nur ungern. Es ist mir wichtig, das Geheimnis der Intuition zu bewahren. Adam ist ein romantischer Charakter, während Eve eher klassische Züge hat. Sie ist bodenständiger, weniger von Gefühlen geleitet. Ich hoffe, dass Aspekte von beiden in mir vereint sind. Adam beneide ich um seine Zurückgezogenheit und natürlich sein cooles analoges Musik-Equipment. Eve besitzt allerdings die besseren Bücher.

STANDARD: "Only Lovers Left Alive" spielt mit Insignien von Hochkultur und subkulturell codiertem Wissen. Wie wichtig sind solche kulturellen Zuschreibungen?

Jarmusch: Ich habe mich immer gegen die hierarchische Definition von Kultur gewehrt. Vieles von dem, was wir heute als Hochkultur bezeichnen, war früher marginal. Dante schrieb zu Lebzeiten in einem Straßenslang, seine Zeitgenossen müssen ihn für eine Art Beatnik gehalten haben. Heute gilt er als Klassiker. Ich liebe die Sex Pistols, und ich liebe Bach. Worin soll da der Widerspruch bestehen?

STANDARD: Detroit ist heute eine Geisterstadt. Spielte dieser Gedanke bei der Wahl des Handlungsortes eine Rolle?

Jarmusch: Für einen zurückgezogenen Vampir, der in seinem Kämmerchen Underground/Noise-Musik macht, ist Detroit eine naheliegende Wahl. Musikalisch steht mir Detroit mit den Stooges, MC5 und Motown sehr nahe. Auch visuell besitzt die Stadt eine auf traurige Weise frappierende Schönheit. Die Infrastruktur ist völlig heruntergekommen, es scheint, als hätte Amerika Detroit schlicht vergessen.

STANDARD: Warum hat es eigentlich sieben Jahre gedauert, "Only Lovers Left Alive" zu realisieren?

Jarmusch: In den USA ist es heute unvorstellbar schwierig, einen Film unabhängig zu produzieren. Bis vor kurzem habe ich an einer Doku über The Stooges gearbeitet und dafür 35.000 Dollar aus eigener Tasche investieren müssen. Ich konnte vorübergehend nicht mehr weiterdrehen, weil das Geld ausging. Todd Haynes erzählte mir, dass er fünf Jahre lang versucht hatte, einen Film zu finanzieren, bevor ihm HBO die Mini-Serie Mildred Pierce anbot.

STANDARD: Teilen Sie Steven Soderberghs Einschätzung, dass das "System Hollywood" auf einen Kollaps zusteuert?

Jarmusch: Die internationalen Unternehmenskonglomerate, die die US-Filmindustrie sukzessive - bis hin zu den Abspielstätten - übernommen haben, haben das Kino in seinen Grundfesten verändert. Ich habe mich zuletzt wieder verstärkt der Musik zugewandt, weil ich mich auch weiterhin künstlerisch ausdrücken möchte. Film scheint dafür nicht mehr der leichteste Weg zu sein. Vielleicht werde ich zukünftig wieder kleinere Filme drehen.

STANDARD: Kommt es für Sie infrage, fürs Fernsehen zu arbeiten?

Jarmusch: Ich liebe die Form, mithilfe von Kameras und Schauspielern Geschichten zu erzählen. Ob das für Kino oder das Fernsehen geschieht, ist letztlich zweitrangig. Der Fernseher ist bloß ein anderes Medium. Ich selbst gehe heute kaum noch ins Kino. Von den 120 Filmen, die ich dieses Jahr gesehen habe, habe ich mir vielleicht zehn im Kino angeschaut. Mit TV-Serien habe ich mich noch kaum beschäftigt, dafür bin ich zu leicht verführbar. Sie sind so zeitaufwändig.

STANDARD: Sie gelten als der unabhängige Regisseur schlechthin. Das geht so weit, dass Sie die Rechte an Ihren Filmen und die Negative halten. Wie wichtig ist Ihnen Ihr künstlerisches Vermächtnis?

Jarmusch: Für mich ist es eine künstlerische Entscheidung, meine Negative zu behalten, weil ich damit den Endschnitt meiner Filme kontrolliere. Diese künstlerische Kontrolle ist mir wichtig, darum könnte ich auch nie in Hollywood arbeiten. Noch entscheidender ist der Aspekt der Konservierung. Ich möchte, dass meine Filme für zukünftige Generationen weiter existieren. Aki Kaurismäki wurde einmal gefragt, wo er seinen Platz in der Filmgeschichte sehen würde. Aki antwortete: "Machen Sie sich keine Sorge, die Geschichte wird einen Schleier über uns alle ausbreiten." Ich halte es wie Aki. Wir sollten uns nicht zu wichtig nehmen. Aber lasst uns wenigstens versuchen, unsere Arbeit zu bewahren. (Andreas Busche, DER STANDARD, 21./22.12.2013) 

Ab 25.12. im Kino

Jim Jarmusch (60) gilt in Europa als der Kult-US-Regisseur par excellence. Nach Erfolgen mit den lakonischen Loser-Porträts "Permanent Vacation" (1980) und "Stranger than Paradise" (1984) erweiterte er sein OEuvre mit "Dead Man" (1995) und "Ghost Dog - Der Weg des Samurai" (1999) um Genre-Variationen.

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