Der Preis, den wir zahlen

22. Dezember 2013, 10:00
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Alle Jahre wieder kaufen wir Dinge, die wir gar nicht mehr brauchen. Konsumverweigerung gibt es vereinzelt, gern als Selbstversuch in Buchform

Am schlimmsten ist es, wenn nichts mehr geht. Wenn man bei den Drehtüren kaum noch durch, auf den Rolltreppen nicht weiterkommt und seine Schrittgeschwindigkeit, egal ob in Fußgängerzonen, Einkaufsstraßen und Shoppingmalls einer Masse an Menschen anpassen muss, die sich gemeinsam im Rausch befinden. Shoppen, wissen wir, regt das Belohnungszentrum im Hirn ungefähr so an wie Sex oder Drogen. Alleine in den Straßen der Bundeshauptstadt sind an den harten Tagen im Weihnachtsgeschäft rund 800.000 Menschen unterwegs. Die Umsätze an den unter strenger Beobachtung der Wirtschaft stehenden Einkaufssamstagen sind heuer - Halleluja! - "über Vorjahresniveau", und die Wirtschaftskammer erwartet alle Jahre wieder ein "starkes Finale". Der 23. Dezember, ein Montag, wird zum fünften Einkaufssamstag. Was für ein Christkind!

Die Verkaufsexperten überlassen in diesem Treiben nichts mehr dem Zufall, siehe farbpsychologische Ausstattungen, musikalische Untermalungen oder olfaktorische Anregungen. Trotzdem ist für viele das Einkaufen im Gedränge, unter Halogenlicht und bei künstlicher Vanille-Beduftung, längst kein Erlebnis mehr, sondern Strapaz. Die säßen jetzt lieber zu Hause auf dem Sofa, den Laptop am Schoß, keinen Ladenschluss im Nacken. Die gute Nachricht: Immer mehr Menschen tun das auch. Der Online-Handel befindet sich auf Siegeszug. Die schlechte Nachricht: Online kaufen heißt noch lange nicht nachhaltig schenken.

Nachhaltig leben, das wollen viele, aber die Kluft zwischen wollen und tun, besser gesagt nicht tun (das ökologischste Produkt ist noch immer eines, das nicht produziert wurde), ist riesig. Geiz ist leider immer noch geil, aber gutes Gewissen ist auch geil geworden. Für Konsumenten ein Dilemma. Den großen Dramatiker Bert Brecht abgewandelt, müsste es heute heißen: Erst kommt das Shoppen, dann die Moral. Noch immer. Denn Bescheid wüssten wir. Das Internet hat nicht nur Shopping-Portale mit sich gebracht, sondern auch globale Transparenz. Längst haben wir Berichte über miese Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken der Dritten Welt gelesen, Petitionen gegen Tier- und Umweltschutzvergehen unterschrieben und empören uns über Amazon, wenn die ihre Mitarbeiter schlecht behandeln. Am Ende ist es dann doch immer wieder schrecklich bequem, da gibt es eben alles und nur ein paar Klicks entfernt, das gestehen wir uns und anderen dann reumütig ein und geloben Besserung. Geschenkt! Der Anteil von T-Shirts aus Biobaumwolle liegt auf dem Weltmarkt derzeit übrigens bei einem Prozent.

"Ich kauf nix!"

Es wäre heute aber zu einfach, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen, als mit all ihren Ambivalenzen (und den gegenseitigen Abhängigkeiten eines schier unüberschaubaren Weltwirtschaftssystems) zurechtkommen zu müssen. Aber welche Konsequenzen lassen sich daraus ziehen für das eigene weniger gute Handeln? Erlösung, so scheint es, finden die meisten immer noch in den Dingen. Wenige allerdings in ihrer Überwindung. Ich kauf nix! heißt zum Beispiel das in diesem Jahr erschienene Buch von Nunu Kaller und erzählt, wie sie "durch Shopping-Diät glücklich wurde", so der Untertitel. Mit ihrem einjährigen Selbstversuch liegt die Wienerin, die hauptberuflich für eine NGO arbeitet, zweifellos voll im Trend.

Nicht nur, weil sie gemacht hat, worüber viele Menschen nachdenken, nämlich der Versuchung zu widerstehen, ständig Dinge zu kaufen - Stichworte "Fast Fashion", Wegwerfmode und Kaufsucht -, die man ohnehin nicht braucht, und um dem sozialen und ökologischen Wahnsinn etwa von Billigmode-Konzernen Rechnung zu tragen. Denn die Auseinandersetzung mit eigenen Shopping-Gewohnheiten bringt einen nicht nur zu den schon seit Jahrzehnten eingemahnten "Grenzen des Wachstums", sondern eben auch zu denen des eigenen Tuns.

Der Selbstversuch der amerikanischen Journalistin Judith Levine - das Buch, das sie schrieb, heißt im amerikanischen Original Not Buying It und wurde weltweit in fünf Sprachen übersetzt - geht weit über das Einkaufen von Kleidung hinaus. Auch der britische Guardian-Journalist Leo Hickman fasste seinen ein Jahr lang dauernden Selbstversuch breiter, weil er sich nach der Geburt seiner Tochter schlicht und einfach die Frage stellte, ob er ein guter Mensch sei. Auch seine Erfahrungen sind in Buchform (Fast nackt. Mein abenteuerlicher Versuch, ethisch korrekt zu leben), seit 2006 auch auf Deutsch, nachzulesen. Die deutsche Journalistin Meike Winnemuth wiederum übte sich 2010 im Klamotten-Fasten und trug ein Jahr lang ein einziges blaues Kleid (Mein kleines Blaues), zugegebenermaßen mit einer Menge an schicken Accessoires. Auf der Weltreise, die sie nach einem Gewinn von 500.000 Euro bei Günther Jauch nicht viel später für ein Jahr lang antrat, war sie jedenfalls mit leichtem Gepäck unterwegs. Und ungefähr zur selben Zeit gestand sich auch die Berliner Schauspielerin Christiane Paul ein: Das Leben ist eine Ökobaustelle und schrieb gemeinsam mit dem Journalisten Peter Unfried einen weiteren Versuch, ökologisch korrekt zu leben.

Familiäre Nichtangriffspakte

Angesichts der wachsenden Kleidermüllberge kapieren selbst deren Verursacher, dass es so nicht mehr weitergehen kann. "Plan A" heißt etwa die Nachhaltigkeitsinitiative der britischen Warenhauskette Mark & Spencer angesichts der Tatsache, dass alleine in Großbritannien jährlich eine Milliarde Kleidungsstücke auf dem Müll landen. Immer mehr Konzerne, darunter auch H&M, erleichtern jetzt ihr Gewissen und forcieren Recycling-Projekte, wobei sich natürlich die Qualität der Altkleider seit Jahren ständig verschlechtert.

Eine Art klein angelegter Selbstversuchsreihen sind die häufig in Angriff genommenen Vorsätze von immer mehr Menschen, sich Weihnachten nichts zu schenken. Und die meinen das durchaus ernst und in freundlicher Absicht. Manche sprechen auch von sogenannten "Nichtangriffspakten" zwischen Familienmitgliedern, meistens mit Ausnahme der Kinder. Der amerikanische Autor John Naish plädiert demnach, wieder einen Sinn zu entwickeln für das Genug, so auch der Titel seines 2008 erschienenen Befunds zum ungezügelten Konsumismus. Der zerstöre unseren Planeten, mache uns krank, müde, übergewichtig, verärgert und verschuldet.

Optimisten versprechen sich für die Zukunft viel von der Ökonomie des Teilens. Ebay, Etsy, Willhaben & Co sind schon heute zu Marktplätzen für Dinge geworden, die ansonsten in Regalen, Kästen oder Garagen vor sich hin stauben würden und so als Secondhandware die Chance auf ein zweites Leben bekommen. Die Liste an gangbaren Alternativen ist also nicht ganz so kurz wie befürchtet. Die österreichische Caritas zum Beispiel setzt in ihrem vorweihnachtlichen Spendenaufruf auf Menschen, die Geschenke suchen "für jemanden, der schon alles hat", und macht einen Vorschlag: "Schenken Sie doch heuer einen Esel!" Der kostet übrigens 45 Euro und würde das Leben äthiopischer Frauen enorm erleichtern. 45 Euro, dafür bekommt man natürlich bei einem Fast-Fashion-Konzern schon einige preiswerte Stücke. Preiswert ist ein zunehmend komisches Wort. Welcher Wert? Zu welchem Preis? Der Preis, den wir zahlen, den bezahlen im Moment noch andere. (Mia Eidlhuber, Album, DER STANDARD, 21./22.12.2013)

  • Nunu Kaller, "Ich kauf nix!" € 9,30 / 270 Seiten. Kiepenheuer & Witsch 2013.
  • Judith Levine, "No Shopping, ein Selbstversuch". Kiepenheuer & Witsch 2013.
  • John Naish, "Genug, wie sie der Welt des Überflusses entkommt". € 19.99, Bastei Lübbe 2010.
  • Christiane Paul, "Das Leben ist eine Ökobaustelle". € 19,99, Ludwig-Verlag 2011.
  • Im Rausch: Nachhaltig leben, das wollen viele, aber die Kluft zwischen Wollen und Tun ist riesig.
    foto: dpa/roland weihrauch

    Im Rausch: Nachhaltig leben, das wollen viele, aber die Kluft zwischen Wollen und Tun ist riesig.

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