"Wer kauft heute noch Spiele um 50 Euro?"

Interview29. Dezember 2013, 12:00
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Media-Expertin Simonitsch: "Konsolen spielen nicht mehr die Hauptrolle" - Free2Play ist ein Zukunftsmodell

Die Österreicherin Karoline Simonitsch ist Expertin für digitale Innovationen, Social und Mobile Media. Sie berät Unternehmen und ist Hochschulrat der deutschen Mediadesignhochschule, Lehrbeauftragte an der FH Salzburg und gefragte Referentin, Gutachterin und Jurorin für Förderprogramme und Wettbewerbe. Im APA-Interview erläutert sie aktuelle Entwicklungen auf dem Games-Sektor.

Frage: Frau Simonitsch, früher verstand man unter Computerspielen Super Mario und Tetris. Wie groß ist die heutige Spiele-Welt, und was ist ihre gesellschaftliche Bedeutung?

Simonitsch: Sie ist ein kompletter Entertainment-Faktor für die ganze Familie geworden. Die Konsolenwelt spielt heute nicht mehr die Hauptrolle. Mit der Durchdringung mit Breitband-Internet sind Webbrowserspiele auf den Markt gekommen, die man auf jedem PC spielen kann. Dann sind mobile Spiele gekommen, und zwar superlustige und supereinfache. Dann kam das Social Web und damit Spiele für Zielgruppen, die vorher überhaupt nicht gespielt haben: Frauen und ältere Menschen. Es gibt mannigfaltige Angebote für jede Altersgruppe. Mittlerweile ist man sich bewusst geworden, dass man auch spielerisch lernen kann. Es gibt für iPad bereits spezielle Kinderspiele, wo die Kleinen pädagogisch unterstützt Zahlen und vieles sonstige lernen können. Man kann auch Spiele in der Gesundheitsprävention einsetzen, in der Rehabilitation. Man muss das in seiner Gesamtheit betrachten.

Frage: Neue Spiele bedeuten auch neue Geschäftsmodelle?

Simonitsch: (Traditionelle) Videospiele sind Vergangenheit. Wer kauft heute noch bei Saturn, Mediamarkt oder Libro Spiele um 50 Euro? Free-to-play ist ein ganz neues Geschäftsmodell. Das heißt, ich kann eine Zeit lang ganz ohne Geld spielen, ich muss nur Zeit haben. Die, die Geld haben, kaufen sich die Items oder die nächsten Level, die anderen spielen sich in den nächsten Level.

Frage: Die Fokussierung in den Medien auf die Super-Blockbuster geht also an der Realität vorbei?

Simonitsch: Die Spiele-Welt ist eine viel größere als die der Konsolen wie Xbox, Playstation und Co. Ein Vorzeigespiel in Österreich ist etwa "Play Ludwig", ein Spiel für den Physikunterricht. Das ist von einem kleinen österreichischen Studio gemacht, von ovos realtime3D, die dafür in Korea einen Preis bekommen haben. Ihre Zulieferer, Kolmich, sind Spitzen-Tekkies in einer sehr kleine Bude. Die haben jetzt für den Markt eigene Bausteine herausgebracht, fertige Module für andere Entwickler. Wir haben hier also einen kompletten Markt, wie wir ihn sonst auch kennen, mit unterschiedlichen Nischen.

Frage: Wie liegt da Österreich?

Simonitsch: Ich würde sagen: Gut, aber durchwachsen. Wir haben ein paar Vorzeige-Studios wie Cliffhanger Productions oder Sproing, die so um die 50 Mitarbeiter haben, und viele ganz Kleine, die eine gewisse Professionalisierung brauchen. Vorige Woche sind beim deutschen Entwicklerpreis Spiele von Studenten der FH Salzburg ("Balloon Quest") und der TU Wien ("Schein" des Zeppelin Studios) mit Newcomer Awards ausgezeichnet worden. Wenn ein kleines österreichisches Studio etwas wirklich Gutes produziert, können sie es schaffen, einen internationalen Markt zu bedienen. Game ist eine der internationalsten Branchen. Wir haben keinen Heimmarkt. Die Sprache ist Englisch, die Programmierung ist Englisch. Österreich ist als Markt international vernachlässigbar.

Frage: Für Österreich gibt es kaum Zahlen. International lauten die Schätzungen des Game-Markts zwischen 70 und 100 Milliarden US-Dollar Umsatz, also bereits das Doppelte bis das Dreifache des Kinomarktes. Stimmen diese Zahlen?

Simonitsch: Absolut. Die In-Game Items verkaufen sich etwa in den Golfstaaten, in Ländern, wo wirklich Geld zu Hause ist, enorm gut. Mir hat kürzlich ein Gamer erzählt, dass er eine Kundin aus dem arabischen Raum hat, die an seinem Game im Jahr 100.000 Euro ausgibt. Kein Scherz! Die sitzt offensichtlich in einem Harem und verfügt über viel Geld und viel Freizeit. Das ist aber natürlich nicht der Durchschnittskunde.

Frage: Wenn das wie eine Einstiegsdroge wirkt - man kommt gratis hinein und wenn es einen gepackt hat, dann geht's ans Zahlen -: Ist das nicht auch eine gefährliche Entwicklung?

Simonitsch: Ja und nein. Man muss ja nicht zahlen. Die meisten Spiele funktionieren auch, indem ich einfach mehr Zeit mit ihnen verbringe. Im übrigen regelt das die Community selbst: Wenn ein Game-Produzent das Selling zu sehr in den Vordergrund stellt, wird er von der Community sofort abgestraft. Das spielen ja zigtausend Leute, die regen sich dann in den Foren unglaublich auf und boykottieren dann diese Spiele. Dann wird das meist schnell zurückgezogen.

Frage: Wie geht die Politik mit der Videospielszene um?

Simonitsch: Ich bin bei departure (die Kreativagentur der Stadt Wien, Anm.) von Anfang an dabei, und da war rasch klar, dass man auch Games fördert. Ebenso beim ZIT, dem Zentrum für Innovation und Technologie. Anfangs hat man uns in Deutschland dafür beneidet, dann ist man dort draufgekommen, dass da eine ganz reelle Wirtschaftsentwicklung passiert und man hat dort eigene Förderprogramme installiert - die Games City Hamburg etwa. München wirbt heute als Standort ganz massiv um die Ansiedlung von Games Firmen.

Frage: Woher kommt das Fördergeld?

Simonitsch: Das ist Technologie- und Wirtschaftsförderung - etwa auch über das Austria Wirtschaftsservice (aws). Natürlich ist es ein Kulturgut, aber über Kulturförderung kommt man da nicht weiter. Dann diskutiert man darüber, ob das vertretbar ist, ob das ein Shooter-Game ist und ab wie viel Jahren das freigegeben ist. Diese Diskussion möchte ich nicht führen müssen. Glücklicherweise sind unsere Entscheidungsträger hier nie hysterisch gewesen, sie haben erkannt, wie vielfältig die Games-Welt ist - von der Farmlandschaft bis zum Strategiespiel. Es ist ein großer Wirtschaftszweig geworden, mit allen ganz normalen Problemen. Wenn ein Studio aufgesperrt wird, ist es ein Start-Up. Wenn sie die ersten Jahre überstehen möchten, dann müssen sie unglaublich effizient aufgestellt sein, dann braucht es perfektes, toughes Projektmanagement. Games zu machen ist eine hochkomplexe Teamarbeit.

Frage: Gibt es Games, die auch als Kunst gelten?

Simonitsch: Beim Content Award hat man oft einen Grenzgang zwischen Kunst und Game. Ich glaube, dass man ohne hohe Kreativität kein gutes Spiel machen kann. Trotzdem ist Kunst und Games eine gute, schöne Nische. Aber die großen, massenerfolgreichen Spiele sind natürlich keine Kunst-Games, da geht es um Spiel, Spaß, Unterhaltung, Entspannung mit meinen Freunden. Der neue Trend ist, dass ich mit meinen Freunden spiele, egal wo ich bin. Ich hab mein Browser-Game zu Hause offen, bin aber unterwegs. Da krieg ich eine Nachricht auf mein Mobil-Device und klinke mich mit dem ein und tue dort weiter. Das sind die neuen Entwicklungen. Die Konsole wird deswegen nicht sterben. Es wird ein Nebeneinander an unterschiedlichen Dingen sein.

Frage: Was sind aus Ihrer Sicht die spannendsten Entwicklungen?

Simonitsch: Neben den riesengroßen 3-D-Welten mit wunderschönen Darstellungen, die mit früher gar nichts mehr zu tun haben, kommen mit einem Retro-Trend auch ganz simple Dinge wieder, angelehnt etwa an den Super Mario. Das sind ganz schlichte, simple Sachen - das kennen die Jungen gar nicht, und deshalb interessiert es sie. Das hat mich durchaus überrascht.

Frage: Dabei wachsen die Jugendlichen von heute ja tatsächlich in anderen "Welten" auf.

Simonitsch: Wenn ich mit dem 14-jährigen Sohn meines Lebensgefährten spiele, bin ich immer wieder fasziniert, wie geschickt dieser junge Mann ist - bei Simulationen, bei Puzzle-Spielen, in 3-D-Welten. Die Jugend, die heute aufwächst, kann Spiele in einer Geschwindigkeit spielen, bei der ich nicht mitkomme. Für ihn ist das kein Problem, ganz locker gleichzeitig mobil zu spielen, Web-Browser offen zu haben und am Tablet daneben eine Simulation zu machen. Dabei ist er ist mit Sicherheit nicht addicted. Er spielt zwei Stunden mit mir, dann geht er raus. Und dann spielt er Eishockey.

Frage: Es geht also um Kulturtechniken, über die die nächste Generation künftig einfach verfügen muss?

Simonitsch: Ja, ohne dem wird man sich nicht mehr bewähren können. Die sind nicht nur bei den Spielen so geschickt, die kapieren auch rascher, wie sie funktionieren. Ich bin schon auf Weihnachten gespannt. Denn da sitzen wir zusammen, schauen in den Store und überlegen: Was mögen wir heute? Dann suchen wir uns das aus und kaufen es. Beim letzten Spiel, das wir voriges Jahr zu Weihnachten gemeinsam geöffnet haben, habe ich gesagt: "Wie geht denn das? Schauen wir mal in die Beschreibung." Und er hat geantwortet: "Da brauchen wir nicht schauen. Ich weiß, wie's geht." Da habe ich mir gedacht: "Na servas, ich werde alt..." (APA, 29.12.2013)

  • Entgegen der Prognosen und Trends in Richtung neuer Geschäftsmodelle generieren (Vollpreis-)Konsolenspiele wie "Grand Theft Auto" und "Call of Duty" nach wie vor am meisten Umsatz.
    foto: reuters/mike blake

    Entgegen der Prognosen und Trends in Richtung neuer Geschäftsmodelle generieren (Vollpreis-)Konsolenspiele wie "Grand Theft Auto" und "Call of Duty" nach wie vor am meisten Umsatz.

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