Gerührt betrachtet

21. Dezember 2013, 18:18
53 Postings

Österreichische Autoren über Weihnachten - ausgelassene, kindliche oder entlegene. Von Vea Kaiser, Doron Rabinovici, Barbara Frischmuth, Peter Rosei, Andrea Dusl und Tex Rubinowitz

Jessasmaria

Von Vea Kaiser

"Ich bringe sie um", sagte Tobis Mutter, als sie aus der Küche kam, wo die Oma väterlicherseits nörgelte, die Gans sähe viel zu trocken aus. Rund um den Christbaum diskutierte Tobis Opa mit dem Vater: "Der is zerfledert und hat zwei Wipfel! Zwei Wipfel!"

Die Oma mütterlicherseits war bereits betrunken, der Hund auch, weil ihn die Oma zur Feier des Tages am Eierlikör hatte mitschlürfen lassen, und apathisch wie ein Gespenst streifte seine Schwester Anna-Marie durch die Räume, naschte Schokolade und wandte ihre Augen keine Sekunde vom Smartphone ab. Als die Mutter Anna-Marie zum vierten Mal aufforderte, sie solle sofort Erdäpfel aus dem Keller holen, begann sie schließlich zu heulen.

"Ich hasse mein Leben. Und Weihnachten ist sowieso voll scheiße", schrie sie und knallte die Tür so heftig, dass eine Christbaumkugel zu Boden fiel, was der Opa Tobis Vater ankreidete: "Das liegt nur an deinem Christbaumkreuz! So a Schmarrn."

Tobi saß vor dem Fernseher und machte sich Vorwürfe - all das war seine Schuld, denn heute Morgen hatte er das Friedenslicht gelöscht. Er hatte es beaufsichtigen sollen, während der Pfadfinderleiter mit den anderen Kindern am Klo war, doch dann hatte er husten müssen, und plötzlich war es weg gewesen. Zuerst hatte er es nicht glauben können, immerhin war dieses Licht unbeschadet aus Betlehem eingeflogen, dann jedoch hatte er geistesgegenwärtig reagiert und die Kerze wieder angezündet, bevor die anderen zurück waren. Nun dämmerte ihm: Er hatte nicht nur das Friedenslicht ruiniert, sondern dem ganzen Dorf ein ganz normales Bic-Feuerzeug-Licht als Original-aus-der-Geburtskirche untergejubelt. All die Streitereien zu Hause waren wahrscheinlich die Rache des Jesus-Babys.

Beim Abendessen wurde es auch nicht besser. Anna-Marie verweigerte zu essen, und seine Mutter krallte ihre Finger in das Tischtuch, während die Oma väterlicherseits in einer Tour den Karpfen als das einzig richtige Weihnachtsmahl pries: "Wie dein Papa klein war, hat es immer Karpfen gegeben, und guuuut hat er ihm geschmeckt", erklärte sie Tobi, ohne dabei seine Mutter aus den Augen zu lassen.

Als dann der Vater Anna-Marie ihr Smartphone wegnahm, woraufhin Anna-Marie den Vater beschimpfte, setzte Tobi an, vom Friedenslicht zu erzählen, und dass er Weihnachten ruiniert habe, und es ihm leidtue, doch der Hund torkelte Eierlikör-trunken herein, er wollte Anna-Marie mit Hände-Ablecken beruhigen, achtete allerdings nicht auf seinen Schwanz und erwischte einen Christbaumast, auf dem bereits die Kerzen brannten. Tobis Mutter hatte den Baum heuer mit Scherenschnitten geschmückt, weil das in ihrerbevorzugten Frauenzeitschrift so schön ausgesehen hatte, den Hinweis, das Papier mit Brandschutzimprägnierung zu bearbeiten, allerdings überlesen.

"Jessasmaria", schrie die Oma mütterlicherseits, die schlagartig wieder nüchtern die Flammen als Erste bemerkte. Tobis Vater überlegte, wo er den Feuerlöscher gelagert hatte, doch Tobi reagierte schnell, indem er den Suppentopf zu Hilfe nahm. Was folgte, war andächtige Stille, bis Anna-Marie feststellte: "Super, Kleiner, du hast mein Geschenk eingesaut!" "Das schöne Windgebäck", der Oma väterlicherseits kamen die Tränen. "Mein Perserteppich", bemerkte die Mutter und stürzte ihr Rotweinglas hinunter.

Tobi jedoch zuckte mit den Schultern und war ziemlich stolz auf sich, Feuerlöschen hatte auch etwas Gutes! Und sollten sie ruhig auf ihn böse sein - besser, es gab einen handfesten Grund dafür, als die Rache des Jesus-Babys, das nun in seiner Krippe in der Suppe schwamm.

Vea Kaiser, geb. 1988, studiert Klass. und Dt. Philologie und lebt in Wien. 2012 erschien ihr Roman "Blasmusikpop" (Kiepenheuer & Witsch).

  • Kinder, o ja, die werden noch beschenkt, so reich, dass sie am Weihnachtsabend zwischen und unter ihren Paketen ganz verloren dasitzen.
    foto: heribert corn

    Kinder, o ja, die werden noch beschenkt, so reich, dass sie am Weihnachtsabend zwischen und unter ihren Paketen ganz verloren dasitzen.

Share if you care.