Ganz im Trend: Nichtstun, Loslassen, Abschalten

20. Dezember 2013, 17:38
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"Mindfulness" heißt das Konzept, das große Konzerne ihren total Dauerverkabelten und Dauergestressten anbieten

Dem unangenehmen Gegenüber ein paar liebevolle Gedanken schicken, um keinen negativen Energiefluss zu befeuern. Sich auf das Hier und Jetzt besinnen. Sich der Betrachtung einer Pflanze widmen und die Agenden loslassen. Augen schließen und nichts tun. Darüber reflektieren, dass Leid Schmerz mal Widerstand ist. - Vor ein paar Jahren wäre damit vielleicht in Esoterikzirkeln etwas zu verdienen gewesen.

Jetzt ist dieses Achtsamkeitskonzept zur Stressreduktion (Mindfulness Based Stress Reduction) in die Hochburgen des Managements eingezogen.

Meditationsgruppen

Goldman Sachs, Nike, Google - sie alle greifen strukturiert auf alte buddhistische Weisheit und Meditationstechnik zurück. Angeboten werden alle Arten von Kursen und Trainings, mit und ohne Yoga-Matte, vom Innehalten vor dem Drücken des Send-Buttons bis zum mehrwöchigen Meditationsseminar. Xing hat mittlerweile Meditationsgruppen, in Österreich hat sich kürzlich ein Symposium an der Sigmund-Freud-Privat-Uni mit Meditation und Führung beschäftigt. Der Büchermarkt für diese Art der Stressbewältigung und Verbindung mit der Natur boomt gerade auch für Paradekarrieristen. Die Suche nach der Gegenwelt erreicht eben in der ultraverkabelten Liga einen öffentlichen Höhepunkt. Denn: Im Geheimen ist schon der ein oder andere bei seinem Meister gewesen. Darüber geredet wurde aber nicht, geschweige denn, dass es offen getan wurde.

Seit Hirnforscher via Kernspintomografie von außen genauer ins Gehirn schauen können und wiederholt gemessen werden konnte, dass Meditierer negativen Stress quasi aus dem Kopf fegen können, über dichtere und neuere Nervenverbindungen verfügen als Nichtmeditierer, sind Antistressprogramme auf Basis buddhistischer Übungen groß anmarschiert.

Das Gehirn genesen lassen

Laufend kommen neue gute Nachrichten aus diesem Bereich mit nachgewiesener Möglichkeit des Umkehrens "neuronaler Verschrumpelung" durch Meditation - aktuell startet etwa das Max-Planck-Institut ein entsprechendes Forschungsprojekt.

Dass Unternehmen Interesse daran haben, dass die Leute (auch einmal) das Nichtstun lernen sollten, ist verständlich: Der andauernde Stresscocktail im Gehirn macht traurig, vergesslich, zieht eine Reihe von Folgeerkrankungen von verschlechterter Immunabwehr über chronische Schmerzen und Burnout bis zu massiver körperlicher Schädigung nach sich - und wird mittlerweile als Hauptursache der Fehlzeiten inklusive wirtschaftlichen Folgeschadens verantwortlich gemacht.

Unter Dauerstress kann Stress nicht verarbeitet werden, die mentale Aufnahmefähigkeit verringert sich. Leiden unter permanentem biochemischem Alarm sieht auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als bedrohliches Massenphänomen. Vor allem der Job bzw. die Angst um diesen wird in einschlägigen Umfragen und Untersuchungen immer wieder als Stressfaktor genannt - hinzu kommen Zeitdruck, Über- oder Unterforderung, mangelnde Anerkennung, mieses Betriebsklima.

Widerstandskraft stärken

Offenbar ist an diesen schädlichen Rahmenbedingungen in Organisationen und Umwelt schwer zu rütteln - also wird die innere Widerstandskraft der Belegschaften gestärkt. Achtsamkeitsübungen sollen dabei helfen, mit negativen Gedanken und Emotionen positiv umzugehen. Zitat: "Die Achtsamkeit ist wie ein Fels in der Brandung, ein Ort der Zuflucht und der Ruhe in Zeiten des Aufruhrs."

In dieses Bild des Zurechtlegens alter Werkzeuge für ungesunde Gegenwarten passt auch die bevorstehende Kampagne der Europäischen Gesundheitsagentur ab 2014, die sich dem Stressmanagement widmen wird (www.healthy-workplaces-eu).

Die Tech-Hochburgen wären nicht solche, würden sie nicht schon mit der Umsetzung der Mindfulness ihr schnelles Geschäft betreiben: Im Angebot etwa eine App (www.getsomeheadspace.com) oder eine Seite für ganz Eilige, die meinen, lediglich 60 Sekunden für Achtsamkeit et cetera zu haben (www.whil.com). (Karin Bauer, DER STANDARD, 21./22.12.2013)

  • Schaut süß aus, fällt Menschen aber offenbar immer schwerer: sich ganz dem Hier und Jetzt hingeben. Abschalten. Die Agenden loslassen. Bei sich sein. Jetzt boomen die Anleitungen.
    foto: apa/dpa/gabbert

    Schaut süß aus, fällt Menschen aber offenbar immer schwerer: sich ganz dem Hier und Jetzt hingeben. Abschalten. Die Agenden loslassen. Bei sich sein. Jetzt boomen die Anleitungen.

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