Gemütlicher wird es nicht

30. Dezember 2013, 06:29
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Die Wirtschaft wächst leicht, der Arbeitsmarkt stagniert - und was sind die großen Trends in Sachen Job, Karriere, Bildung, Recruiting? Plus: Chefs ins Stammbuch für 2014

Das deutsche Expertennetzwerk Karriereexperten.com stellt laufende Entwicklungen auf den Prüfstand und findet für 2014 zwar keine Überraschungen, dafür aber eine massive Verstärkung bereits angekommener Trends. Bequemer wird es demnach nicht:

Mehr formale Weiterbildung, mehr atypische Beschäftigung

In vielen Bereichen wird der Nachweis aktueller Kenntnisse gefordert. Dies gilt zum Beispiel für Arbeitswelten mit dynamischer Entwicklung wie den IT-Bereich oder Berufsfelder, die sich mit den Social Media befassen. Außerdem sind immer mehr Bereiche formal oder gesetzlich geregelt, wie Umweltschutz, Qualitätsmanagement und Compliance. Hier sichern sich Arbeitgeber über zertifizierte Weiterbildungen ihrer Mitarbeiter ab. Gerade auch bei der Jobsuche über soziale Netzwerke werden Türöffner immer wichtiger. "Zertifikate und Weiterbildungsabschlüsse wirken hier oft Wunder", sagt Bildungsexperte Lars Hahn. Auch müssen sich immer mehr Menschen von der Vorstellung einer unbefristeten Dauertätigkeit in einem Betrieb verabschieden. Zudem wachse die Vielfalt der Beschäftigungsarten. "Teilzeitjobs, befristete Tätigkeiten, freiberufliche Projekte in einem Betrieb und ständige Positionswechsel innerhalb eines Unternehmens. Berufliche Positionierung wird für Berufstätige, wie für Jobsuchende, mehr und mehr zum Thema."

Mehr kreativer Spielraum beim Bewerben, mehr Check

Das sollte anders werden: "Unternehmen könnten auch chinesisch reden. Auf jeden Fall könnten Bewerber oft einen Dolmetscher gebrauchen: In Stellenanzeigen werden Wunschkandidaten gesucht, die zügig studieren, Praxis vorweisen können und auch noch exotische Sprachen sprechen." Diese Vorgaben verunsichern viele Bewerber, und oft stellen sie sich gar nicht beim Unternehmen vor. "Obwohl die eigentlichen Ansprüche und Vorstellungen eines Unternehmens oftmals durchaus bodenständig sind, sie sagen es nur nicht", erläutert Ute Blindert. Sie empfiehlt den Unternehmen: "Darauf zu reagieren und auf eine Sprache zu setzen, die ermutigt, statt zu verunsichern." Der Trend zur kreativen und individuellen Bewerbung hält an und wird immer mehr zur Normalität. Karrierecoach Bernd Slaghuis meint: "Bewerber erkennen, dass es neben dem Online-Bewerbungsformular und der klassischen Mappe viele andere Möglichkeiten gibt, sich ins rechte Licht zu rücken und aus der Masse hervorzustechen." Viele Bewerber sind auch selbstbewusster geworden, und die Motivation für eine Stelle verschiebt sich. "Vielen Bewerbern sind aktuell Werte wie Sinn, Herausforderung oder Anerkennung im Beruf besonders wichtig, und es wird in Bewerbungsgesprächen zunehmend darum gehen, ob die neue Stelle und der zukünftige Arbeitgeber diesen Werten gerecht werden kann", meint Slaghuis. Auch bezogen auf den Bewerber rücken andere Kompetenzen in den Vordergrund. "Gleichzeitig wird für Unternehmen mit der fortschreitenden Mobilisierung und Technisierung der Arbeitswelt neben der fachlichen Eignung auch die Prüfung der sozialen Kompetenzen von Bewerbern verstärkt in den Vordergrund rücken."

Chefs ins Stammbuch für 2014

Die Karriereexpertin Gudrun Happich stellt fest: "Eine operative Hektik und das Phänomen, nebenbei alles Mögliche erledigen zu müssen, greifen immer mehr um sich." Die Mitarbeiter sind verunsichert, denn immer öfter verlangt der oder die Vorgesetzte Unmögliches. Es geht auch verstärkt um Prozessüberoptimierungen. Happich meint: "Es geht darum, Lösungen zu finden auf die Frage: Wie führe ich mich selbst in einem immer grenzenloser werdenden Umfeld?" In mehr und mehr Unternehmen lautet die Devise "Fehler gibt es nicht" - laut Happich führt dies dazu: "Immer mehr Mitarbeiter haben Angst vor Fehlern und halten sich in der Konsequenz genau an vorgegebene Prozesse, weichen nicht davon ab, egal ob es Sinn macht oder nicht." Happich erklärt das Verhalten der Mitarbeiter: "Selbstständig (mit)denken und (eigen)verantwortlich agieren wird immer gefährlicher, also machen viele lieber Dienst nach Vorschrift." Dies sei besorgniserregend. "Wissen wir nicht alle, das wir die zunehmend komplexer werdenden Herausforderungen der Zukunft nur mit einem Mehr an Vertrauen, Selbstorganisation und Eigenverantwortung lösen können?"

Stressmanagement wird noch wichtiger

Das Thema Gesundheit hat heute eine andere Dimension als noch vor einigen Jahren, sowohl im Privaten als auch im Business. Entsprechend dem heutigen rasanten Lebensstil überschreiten viele immer wieder die physischen und psychischen Grenzen, oftmals ohne es selbst zu merken oder weil der innere Antreiber sagt: "Stell dich nicht so an, das ist noch nicht gut genug, mach es noch besser." Die Achtsamkeitslehrerin Sabine Fries erläutert: "Die Notwendigkeit eines gesunden Stressmanagements und einer Balance zwischen Beruf und Privatleben wird immer größer, die Suche nach 'passenden Angeboten' nimmt zu, sowohl in den Unternehmen als auch bei jedem Einzelnen." Sie sagt: "In Zeiten von zunehmenden Veränderungen, wachsender Arbeitsdichte, Termindruck und ständiger Erreichbarkeit sowie immer häufiger werdenden Arbeitsausfällen durch psychische Belastungen und Burnout steht das Thema Stressbewältigung an erster Stelle."

Gute Geschäfte für Berater

Karriereberater Christoph Burger konstatiert: "Das Thema Karriereberatung kommt, das spürt man überall. Sie wächst 2014 zur zunehmend bekannten Dienstleistung heran." Dazu listet Burger verschiedene Gründe auf: "Viele Akademiker kennen die Dienstleistung durch die universitären Career-Center. Fürs Coaching übers Unternehmen brauchte es zuletzt keinen Konflikt oder ein katastrophal verlaufenes Projekt mehr. Es gibt immer mehr Weiterbildungen, die Karriereberater qualifizieren. Der Arbeitsmarkt wird zunehmend zum Bewerbermarkt, und die Frage ist weniger, einen Job zu bekommen, als den richtigen auszuwählen." Es gibt auch einen deutlichen Unterschied zu Coaching, kommentiert Burger. "Im Gegensatz zum Coaching mit seinen offenen Prozessen bietet Karriereberatung konkrete Handlungsvorschläge."

Noch mehr Social Media

Jede zehnte Stelle wird inzwischen via Social Media besetzt. Das Thema wird auch für Unternehmen immer wichtiger. "Bewerber dagegen nutzen Social Media zunehmend, um interessante Unternehmen zu identifizieren", so Karriereexperten-Gründerin Svenja Hofert. Für Karrierecoach Christoph Burger ist klar "Social Media ist 2014 Pflicht." Die Begründung liefert er damit: "Immer mehr Arbeitgeber durchsuchen die Social Media systematisch nach geeigneten Mitarbeitern. Das wohlgepflegte Profil in Xing oder Linkedin wird damit von der Kür zur Pflicht für alle Fach- und Führungskräfte. Wer hier nicht präsent ist, verpasst die interessantesten Offerten des verdeckten Stellenmarktes."

Härtere Vorstellungsgespräche

Trotz Fachkräftemangels steigen die Anforderungen. Es wird eher mehr als weniger eingeladen, und die Vorstellungsgespräche werden komplexer. Annette Thiele: "Kleinere und mittlere Unternehmen setzen stärker auf die Praxis und lassen Kandidaten schaulaufen." Sie führt weiter aus: "Selbst gestandene Fachkräfte haben plötzlich eine ganze Batterie von Fachfragen zu beantworten, und hin und wieder werden selbst für Sachbearbeiterpositionen Mini-Assessment-Centers gleichende Tests veranstaltet, oder man wird zum Probearbeiten gebeten." Vorstellungsgespräche sind für Bewerber zum Teil anspruchsvoller geworden, da sie mehr denn je überlegen müssen, mit welchen Kenntnissen, Erfahrungen und persönlichen Stärken sie dem Unternehmen im jeweiligen Aufgabengebiet nutzen können. (Karin Bauer, derstandard.at, 30.12.2013)

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