Die Sichel, nach der die Österreicher verrückt sind

23. Dezember 2013, 14:24
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Vanillin, Butter und Zucker sind Zutaten für Österreichs beliebteste Weihnachtsbäckerei

Wer nach den Feiertagen aus Gewissensbiss-Gründen den Schritt auf die Waage scheut, kann sich bei Wilhelm Haarmann bedanken. Der war A) Deutscher, B) Chemiker und C) der Erfinder des künstlich hergestellten Vanilins. Und mit dieser Entdeckung hat er dem Siegeszug des nicht gerade als Diätspeise geeigneten Vanillekipferls den Weg bereitet.

Im Jahr 1874 synthetisierte er den Stoff erstmals und konnte sie durch den Einsatz neuer Grundsubstanzen immer weiter verbilligen. Benötigte man zuvor die Kapselfrüchte der Gewürzvanille für das charakteristische Aroma, wurde der Geschmack nun für breitere Massen verfügbar.

Butter und Zucker

Dass die Massen breit werden, liegt aber natürlich nicht am Vanilin, sondern an der Butter und dem Zucker: Zwischen 450 und über 500 Kilokalorien haben 100 Gramm der sichelförmigen Backwaren. Zum Vergleich: 100 Gramm gebratener Weihnachtskarpfen kommen auf nicht einmal 200 Kilokalorien, selbst Bratwürstel haben nur so zwischen 250 und 300.

Glücklicherweise spielt das aber erst für die Neujahrsvorsätze wieder eine Rolle, also glühen die Backrohre im Advent, als ob eine Hungersnot apokalyptischen Ausmaßes droht.

Die Tätigkeit der Nahrungsproduktion kann dabei zu durchaus wertvollen Erkenntnissen führen. Wie bei der Gattin eines lieber ungenannt bleiben wollenden Standard-Kollegens, die beim Verzehr gemischter Kipferl feststellte: "Unsere sind besser als die von der Mama. Jetzt sind wir wirklich erwachsen."

Hunderte Rezeptvariationen

Für wirkliche Familienspaltungen taugt das in Norddeutschland auch Vanillehörnchen genannte Gebäck aber wohl nicht. Schließlich gibt es hunderte Rezepte, irgendeines davon schmeckt immer und so landet das Vanillekipferl bei Befragungen nach dem beliebtesten Weihnachtsdickmacher in Österreich regelmäßig auf Platz eins.

Backnovizen können im Internet Hilfe finden: Über 2000 Anleitungen gibt es auf der Videoplattform Youtube. Das im WWW kursierende Gerücht, die EU habe eine eigene Richtlinie erlassen, die Krümmungswinkel und Geruchsintensität regelt, wird bei der Vertretung der Kommission in Österreich übrigens als moderne Sage bezeichnet. Man fragte sogar extra bei den Kollegen in Brüssel nach, die ebenso nichts davon wussten.

Also kann jede und jeder die Dinger ganz nach den eigenen Wünschen backen. In diesem Sinne: Mahlzeit und schöne Feiertage! (Michael Möseneder, derstandard.at, 23.12.2013)

  • Keine Krümmungsnorm: Das Vanillekipferl darf man backen, wie man möchte.
    foto: standard/cremer

    Keine Krümmungsnorm: Das Vanillekipferl darf man backen, wie man möchte.

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