Die Tourengeher und das liebe Geld

19. Dezember 2013, 18:41
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Der Boom von Skitouren im freien Gelände und auf Pisten hält an. Die Seilbahnen suchen fieberhaft einen Ausweg aus ihrem Dilemma und nach Möglichkeiten, doch noch Geld von den Tourengehern zu lukrieren

Neukirchen am Großvenediger - Mit einem Hobbysportler hat Hans-Peter Kreidl nicht mehr viel gemeinsam. Denn zu einem Zeitpunkt, wo viele begeisterte Wintersportler ihre diversen Gerätschaften rechtzeitig vor den Weihnachtsfeiertagen aus dem Keller oder vom Dachboden holen, entstauben und winterfit machen, hat der 39-jährige Salzburger schon fast den halben Winter hinter sich. 30 Skitouren, schätzt der Pinzgauer, hat er nach den ersten frühen Schneefällen in dieser Saison bereits absolviert. "Aber schreib' besser 20, sonst glauben die Leut' ja, dass ich nix hackl."

Das stimmt insofern nur bedingt, weil Kreidl auch "hacklt", wenn er am Berg unterwegs ist. Und von seinem Büro in Neukirchen am Großvenediger aus lässt sich auch schneller auf Berge losstapfen als von Kroatisch Minihof im Burgenland. Kreidl, Veranstalter von skitourenwinter.at, organisiert Tourencamps für Anfänger und Fortgeschrittene, für Hundebesitzer und Singles, für Yoga-Freunde oder exklusiv für Damen. Hält der Trend zu Skitouren an, könnten weitere Spezialisierungen erwartet werden. "Der Boom ist ungebrochen", sagt Kreidl, der bei den Skitouren im freien Gelände auf Ski- und Bergführer setzt. Sicherheitsausrüstung wie Schaufel, Sonde, Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) oder Rucksack sind Pflicht.

Während sich Skihersteller und Ausrüster dank der finanziell potenten neuen Zielgruppe die Hände reiben, sehen sich Seilbahnbetreiber arg benachteiligt. Denn viele Tourengeher würden auch bequem auf präparierten Pisten hinaufgehen und danach hinunterwedeln - und das kostenlos. Ein richtungsweisendes Urteil hat es diesbezüglich Ende November in Bayern gegeben: Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof stellte fest, dass eine Garmischer Skigebietsbetreiberin ihre Pisten zu Unrecht für Tourengeher gesperrt hatte. In dem Erkenntnis heißt es: "Die Beseitigung der Sperren sei auch im Interesse der Erholung suchenden und Wintersport treibenden Bevölkerung erforderlich gewesen."

"Beschädigte" Pisten

Von derartigen Sperren für Tourengeher weiß man auf Nachfrage des Standard bei der Tirol Werbung nichts. Doch vor allem im Großraum Innsbruck, wo es geschätzte 30.000 Tourengeher gibt, hatte es in den vergangenen Jahren öfter gekracht. Seilbahnbetreiber hatten sich darüber mokiert, dass Tourengeher am Abend frisch präparierte Pisten "beschädigten". Zahlungswillige Seilbahnkunden hätten am nächsten Tag keine einwandfreie Abfahrt mehr zur Verfügung.

"Konfliktpotenzial gibt es immer noch, für Liftbetreiber ist das natürlich ein Problem", sagt Kreidl. Er plädiert für ausgeschilderte Skitourenpfade - ähnlich wie für Wanderer oder Mountainbiker -, um bergauf nicht den Skifahrern ins Gehege zu kommen. Und bei den Tourengehern müsste Aufklärungsarbeit stattfinden. "Man sollte nicht am Abend gehen, wenn präpariert wird und die Piste gesperrt ist." Den Skitouren-Boom hätten Seilbahnwirtschaft und Tourismus verschlafen. Kreidl: "Ähnlich wie beim Mountainbike."

In vielen Regionen wurde aber in den letzten Jahren nachgebessert. So sind im Großraum Innsbruck seit 2011 einige Pisten in den Skigebieten auch für Nachttouren offen - oft bis 22.30 Uhr. Erst danach wird präpariert. Viele Tiroler Skigebiete wie Kitzbühel oder das Pillerseetal haben ähnliche Maßnahmen getroffen, Hüttenwirte sind darob nicht erbost. In Hoch-Imst wurden eigene Tourengeher-Routen angelegt.

Fieberhaft sucht man bei den Seilbahnen und Tourismusbetrieben nach Angeboten, um im Tausch für Service auch Geld lukrieren zu können. Oft sind es für Tourengeher viel kritisierte Parkgebühren: Bei der Mutterer Alm in Tirol werden bis zu sieben Euro fällig. In Achensee sind es drei Euro - die bei Benutzung der Seilbahn den Skifahrern rückerstattet werden. Im Gebiet Gemeindealpe in Niederösterreich kostet ein Tagespass 4,50 Euro, dafür gibt es auch ausgeschilderte Aufstiegsrouten und einen Kontrollpunkt für das LVS-Gerät.

Kein einheitliches System

Einen anderen Weg geht Lienz. Für fünf Euro am Tag gibt es für Tourengeher ein Ticket, das für eine einmalige Bergbahnfahrt berechtigt. Tourengeher können so erst von der Bergstation wegstarten, sagt Tourismusverbandsobmann Franz Theurl. In der Weißsee Gletscherwelt im Salzburger Uttendorf kostet das Ticket 19 Euro. Darin sind inbegriffen: Berg- und Talfahrt, kleines Essen und Skiwasser in der Hütte.

Der Clou dabei: Die Skitourengeher können sich vom Tal bequem bis zur Rudolfshütte auf 2315 Meter bringen lassen - und dann Dreitausender wie etwa den Sonnblick (3088 m) mit Skiern erklimmen. Ähnliches bieten auch die Gletscherbahnen Kaprun aufs Kitzsteinhorn an. Ein einheitliches System ist bei den Bemühungen der Seilbahnbetreiber und Tourismusverbände aber nicht zu erkennen. (David Krutzler, DER STANDARD, 20.12.2013)

  • In der Weißsee Gletscherwelt im Salzburger Uttendorf können sich Tourengeher mit Abfahrten von Dreitausendern selbst belohnen.
    foto: kreidl

    In der Weißsee Gletscherwelt im Salzburger Uttendorf können sich Tourengeher mit Abfahrten von Dreitausendern selbst belohnen.

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