Was ist wichtig beim Winterradeln?

21. Jänner 2014, 16:54
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Der Fahrradmechanikermeister Wolfgang Brunner setzt im Winter auf Schmieren und defensives Fahren

Ein helles Licht, eine laute Glocke und gut funktionierende Bremsen. Säubern, schmieren, aufpumpen und defensiv fahren. Das gilt es laut Wolfgang Brunner zu beherzigen, will man sich selbst und sein Fahrrad gut durch den Winter in der Stadt bringen.

Brunner ist einer der letzten amtierenden Fahrradmechanikermeister in Österreich. Seine Lehre hat er 1956 absolviert, 1975 seine eigene Fahrradwerkstatt in der Degengasse in Wien-Ottakring gegründet. In einem Lehrgang am WIFI Wien unterrichtet er angehende Fahrradtechniker.

Schmieren, schmieren, schmieren

"Wichtig ist eine ordentliche Schmierung aller beweglichen Teile", sagt Brunner, "lieber einmal zu viel als zu wenig." Der Grund dafür: Feuchtigkeit dringt in die Kette ein und verdrängt das Öl. Außerdem hilft das Schmieren gegen die Korrosionsschäden von Streusplitt und Salz.

"Olivenöl ist im Salat gut, aber nicht am Fahrrad", betont der Mechanikermeister. Dieses Wissen sei zwar schon weit verbreitet, aber doch noch nicht bei allen angekommen. Ebenso wie die Tatsache, dass die Bremsen, Felgen und Flanken von der Schmierung verschont bleiben müssen. "Sonst ist keine Bremsleistung mehr da."

Wer den Winter durchradelt, sollte das Fahrrad alle zwei Wochen schmieren. Zuerst muss es aber gereinigt werden. Dazu empfiehlt Brunner einen Kübel mit warmen Wasser und Geschirrspülmittel, einen Bartwisch und einen Fetzen. "Damit kann man den Gatsch recht schnell abwischen", sagt er, der selbst sein Rad nicht alle paar Wochen stundenlang putzen mag.

Hell erleuchtet

Wichtig in der dunklen Jahreszeit ist ein helles Licht. Dieses muss laut Straßenverkehrsordnung dauerhaft leuchten und am Fahrrad angebracht sein - nicht am Körper. So viel zum Radeln mit Stirnlampe. Diese kann Brunner wenn, dann zusätzlich zum normalen Licht empfehlen, "aber auch das ist heikel", sagt er, "denn Lichter in dieser Höhe sind normalerweise Tram und Bahn vorbehalten - die runden Lichter sind allerdings im Dreieck angeordnet, mit der Spitze nach oben".

Bei fix montierten Lichtern rät der Mechanikermeister zu einem Nabendynamo. Dieser funktioniert auch bei Nässe. Andernfalls kann eine Gummikappe auf dem Dynamo angebracht werden, "dann greift er bei Nässe besser."

Reifen je nach Rad und Können

Egal wie die Straßenverhältnisse sind, laut Brunner kann mit allen Arten von Reifen gefahren werden. "Mehr Profil bringt im Grunde genommen nicht viel", sagt er. "Bei lockerem Schnee oder Matsch ist es ziemlich egal, wie viel Profil man hat." Je nach der persönlichen Anforderung und dem eigenen Fahrverhalten sollen die Reifen beschaffen sein. "Wenn man es kann, kommt man auch mit dem Rennrad gut durch den Winter", weiß der Fachmann.

Spikes in der Stadt erachtet er grundsätzlich nicht für notwendig. "Bei Glatteis sind sie gut", sagt Brunner, "bei Schnee und Matsch bringen sie aber nichts." Da im Winter in Wien Tonnen an Streusplit verteilt werden, empfiehlt er, die Reifen jeden Abend auf Steinchen zu kontrollieren, die im Profil stecken können.

Der Luftdruck der Reifen sollte etwa drei Bar betragen und auf jeden Fall nicht niedriger als im Sommer sein, da sich die kalte Luft zusammenzieht und der Druck dadurch tendenziell geringer ist.

Dem eigenen Können entsprechend

Das Um und Auf im winterlichen Fahrverhalten ist für Brunner aber defensives Fahren. "Der eigene Bremsweg ist ziemlich lang, wenn es glatt und/oder feucht ist. Und nicht nur der eigene, sondern auch der von den Autos", warnt er. So sollten eigene und fremde Bremswege nicht überschätzt werden.

"Abstand halten und vorausschauend fahren", gibt der Mechanikermeister deshalb allen Winterradlern mit auf den Weg. Womit wir, wie Brunner betont, bei einem wesentlichen Punkt angelangt sind: "Radfahren ist bei jedem Wetter möglich - dem eigenen Können entsprechend."

Der 71-Jährige radelt selbst den Winter durch. "Mir bleibt nichts anderes übrig, ich muss ja meine Fahrzeuge ausprobieren", sagt er. Dabei ist Brunner, was das Radeln betrifft, ein Spätzünder: Erst mit 14 Jahren hat er es erlernt, weil er vorher kein Fahrrad hatte. Das Jahr dieser Premiere hat er in deutlicher Erinnerung: "Es war 1956. Fünf Tage bevor ich meine Fahrradmechanikerlehre begonnen habe."

Entgegen seinem ursprünglichen Vorhaben, die Werkstatt 2014 zu übergeben, will Wolfgang Brunner übrigens weiterhin seine Zeit, sein Können und seine Energie in die Reparatur von Fahrrädern investieren. "Was soll ich denn sonst tun?", fragt er. "Es macht mir natürlich Spaß, aber vor allem meinen Kunden." (Eva Tinsobin, derStandard.at, 21.1.2014)

  • Eine Institution in Sachen Fahrrad: Bald sind es 40 Jahre, dass Wolfgang Brunner seine Werkstatt in der Degengasse 37 in Wien-Ottakring eröffnet hat. Er repariert Räder jeglichen Alters und engagiert sich damit gegen die sogenannte Wegwerfgesellschaft.
    foto: derstandard.at/tinsobin

    Eine Institution in Sachen Fahrrad: Bald sind es 40 Jahre, dass Wolfgang Brunner seine Werkstatt in der Degengasse 37 in Wien-Ottakring eröffnet hat. Er repariert Räder jeglichen Alters und engagiert sich damit gegen die sogenannte Wegwerfgesellschaft.

  • Seinen Erfahrungsschatz - sei es in technischer oder fahrtechnischer Hinsicht - teilt Brunner gerne mit anderen Menschen. Wie etwa in der Frage, worauf es beim Radeln im Winter ankommt.
    foto: ap/bela szandelszky

    Seinen Erfahrungsschatz - sei es in technischer oder fahrtechnischer Hinsicht - teilt Brunner gerne mit anderen Menschen. Wie etwa in der Frage, worauf es beim Radeln im Winter ankommt.

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