Festbraten: Gans schön schwer

24. Dezember 2013, 20:07
170 Postings

Fettes Essen, Alkohol und wenig Bewegung machen die Weihnachtsfeiertage zur Herausforderung für die Verdauung

Karpfen, Gans und Bratwürstel haben einiges gemeinsam: Sie gehören zu den österreichischen Klassikern am  Weihnachtsabend, sind für viele ein  freudig erwartetes Festmahl und obendrein äußerst kalorienreich. Auch an den darauf folgenden Tagen dreht sich alles um deftiges Essen – oder um die daraus resultierenden Verdauungsprobleme.

"Zu viel Kalorien, und zu wenig Bewegung" fasst Petra Munda, Fachärztin für Innere Medizin und Leiterin der Station für Gastroenterologie und Hepatologie am Wiener AKH, zusammen, warum Weihnachten nicht nur das Fest der Liebe, sondern auch der Verdauungsprobleme ist. Auf ihrer Abteilung ist jedes Jahr nach den Feiertagen ein Anstieg von Patienten mit Bauchspeicheldrüsenentzündungen, Gastritis und Gallenproblemen zu verzeichnen. Allesamt sind diese auf den übermäßigem Genuss von fetthaltigen Speisen und zu viel Alkohol zurückzuführen. Munda appelliert an den Hausverstand: "Der Körper gibt recht eindeutige Signale was er braucht."

Gans schön schwer

Über die Feiertage werden diese gerne überhört. Während Essen im Idealfall drei bis vier Stunden im Magen bleibt und dort von Magensäure und Verdauungsenzymen zerkleinert wird, liegt die fett- und eiweißreiche Weihnachtsgans dort weitaus schwerer, und vor allem länger: "Die kann dann schon bis zu sieben Stunden im Magen verweilen", weiß die Tiroler Diätologin Edburg Edlinger. Das gehe häufig mit einem unangenehmen und lange andauerndem Völlegefühl einher.

Üppiges Essen, oft verbunden mit Alkohol, fördert außerdem die Ausschüttung der Magensäure. Der Rückfluss des sauren Speisebreis in die Speisröhre kann Sodbrennen verursachen. Dieser Reflux tritt laut Munda vor allem gehäuft an den Weihnachtsfeiertagen auf, weil spät am Abend gegessen und mit vollem Magen ins Bett gegangen wird. Zuckerhaltige Speisen und Alkohol würden Sodbrennen zusätzlich begünstigen, weil diese "Säurelocker" die Säureproduktion zusätzlich ankurbeln. Dazu kommt: Die Weihnachtsgans erzeugt eine bleierne Müdigkeit. Nach deftiger Kost stellt sich diese ein, weil die Durchblutung in Gehirn und Muskulatur abnimmt, um dem Magen optimale Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Vom Magen wandert der Speisebrei schließlich weiter in den Dünndarm, wo der Hauptteil der Verdauung stattfindet. Hier entfalten verschiedene Verdauungsenzyme ihre Wirkung, wichtige Nährstoffe gelangen in die Blutbahn. Auch Fette werden im Dünndarm in das Blut resorbiert – und davon gibt es laut Munda eine ganze Menge, was erhöhten Blutwerte nach den Feiertagen bedingt. "Aber wenn man dann zurück zu gesünderen Lebensgewohnheiten geht, pendelt sich das wieder ein", beruhigt sie.

In der letzten Station, dem Dickdarm, wird dem Speisebrei noch Wasser entzogen und der unverdauliche Rest dann ausgeschieden - im Normalfall passiert das laut Edlinger nach ein oder zwei Tagen.

Zu schnell oder zu langsam

Die Weihnachtsvöllerei kann dabei zu völlig gegensätzlichen Effekten führen: Bei manchen führt fettes und übermäßiges Essen zu Durchfall, wofür laut Munda oft bekannte Nahrungsmittelunverträglichkeiten verantwortlich sind, die über die Feiertage gerne ignoriert werden. Traditionelle Weihnachtsgerichte, bei denen Ballaststoffe häufig zu kurz kommen, können den Darm träge machen und Obstipationen verursachen. „Es ist individuell ganz unterschiedlich, wie der Darm auf Überlastungen reagiert", so Munda.

Begünstigt werden Obstipationen noch durch geringe Flüssigkeitsaufnahme. Dabei habe ein Glas Wasser oder Verdünnsaft vor dem Essen auch noch den zusätzlichen Vorteil, dass der Körper schneller erkennt wann er genug hat. "Damit sind aber keine Alkoholika gemeint", sagt die Diätologin. Diese hätten nämlich den umgekehrten Effekt: Alkohol stimuliere den Appetit, obwohl der Magen eigentlich schon voll ist.

Auch sonst sind dem Alkohol viele gesundheitlichen Beschwerden während der Feiertage zu verdanken. Im schlimmsten Fall kann kommt es zu einer  Bauchspeicheldrüsenentzündung, einem Magengeschwür oder einer Leberentzündung. "Das sind aber dann Alkoholmengen, die Normalsterbliche nicht zu sich nehmen", sagt Munda.

Nichts ist verboten

Auf das Schlemmen gänzlich verzichten muss man laut Edlinger nicht: „Es ist wichtig, dass man nicht in dieses Verboten-Erlaubt-Denken übergeht und ständig ein schlechtes Gewissen hat." Vielmehr komme es auf die Relationen und die Dosierung an.

Dass sich zu Weihnachten alles ums Essen dreht, findet Edlinger aber generell bedenklich: "Bei den ganzen Besuchen über die Feiertage steht immer das Essen im Vordergrund." Dabei könnten zum Beispiel Kaffee und Kuchen das eine oder andere Mal mit verdauungsfördernden Spaziergängen ersetzt werden.  "Man sollte ohnehin möglichst viele bewegte Momente in die Feiertage hineinbringen", rät sie. Das rege den gesamten Stoffwechsel, die Bauchmuskulatur und damit den Verdauungsapparat an.

Auch Munda hält viel von Bewegung in den Feiertagen, um die Gewichtszunahme in Grenzen zu halten. Der Vorsatz, im neuen Jahr die überflüssigen Pfunde wieder los zu werden, ist jedenfalls nur selten von Erfolg gekrönt. „Jede Form von radikaler Diät erhört das Risiko, eine Essstörung zu entwickeln, weil man sich zu sehr auf das Essen fixiert", warnt Edlinger.

Fasten oder Diäten ohne eine Erhöhung der körperlichen Aktivität machen auch für Munda wenig Sinn, weil der Körper dann lediglich seinen Grundumsatz reduziert und dadurch der Kalorienbedarf sinkt. Es geht laut Edlinger vielmehr darum, im Alltag an einigen kleinen Schräubchen zu drehen – und Essen immer auch genießen zu können: "Das was die meisten nämlich vergessen: Nicht das Essverhalten zwischen Weihnachten und Neujahr hat die größte Bedeutung, sondern das Essverhalten zwischen Neujahr und Weihnachten." (Franziska Zoidl, derStandard.at, 24.12.2013)

  • Fett- und Eiweißgehalt der Weihnachtsgans lassen diese besonders lange im Magen verweilen.
    foto: apa/peter steffen

    Fett- und Eiweißgehalt der Weihnachtsgans lassen diese besonders lange im Magen verweilen.

Share if you care.