Nussknacker - Sammlerstücke mit Biss

19. Dezember 2013, 05:30
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Charmebolzen sind sie nicht. Auch ihren Beruf üben die bärbeißigen Gesellen nur schleißig aus. Im Advent verbreiten sie aber vorweihnachtlichen Zauber

Im gemütlichen Esszimmer von René Edenhofer ist diesen Dezember wieder einmal Zähnezeigen angesagt. Denn auf ein gut gepflegtes bzw. erhaltenes Gebiss legt der Deutsch-Wagramer großen Wert. Nicht weil der Marketingfachmann sich heuer im Advent nebenher als Dentist ein Zubrot verdienen möchte. Beschädigte Beißerchen, selbst wenn sie nur aufgepinselt sind, schmerzen Sammler von Nussknackern nun einmal sakrisch.

Grienend blecken etwa 90 hölzerne Kerle (und eine Kerlin) auf Kamin, Kästchen, Tischchen und in Wandnischen ihr weißes Gebiss, runzeln die Augenbrauen zu einem grimmigen Blick, ziehen den Bauch ein, strecken die Brust raus und geben in ihrer strammen Haltung eindeutig zu verstehen, dass sie jederzeit zubeißen könnten - wenn es nicht weihnachtete. Im Wissen um eine dreimal so hohe Anzahl, die im Edenhofer'schen Keller in Schachteln schlummert, grinst die Besucherin verwegen zurück.

Flohmarkt weckt Interesse

Wie wird man bloß Nussknackersammler? "Zufällig", antwortet Edenhofer. Oder wegen eines Freundes. Für den der eifrige Flohmarktgeher vor einem Vierteljahrhundert knackige Gesellen erhandelte. Nach einem Jahr hatte der Kumpel aus Platzmangel genug von den meist bärtigen und bunt lackierten Holzfiguren, Edenhofer dafür ein Sammelgebiet mehr. "Die Nussknacker lösten bei mir einen regelrechten Beschützerinstinkt aus", erzählt er dem STANDARD.

Wobei sich die protegierende Hand des Liebhabers "beseelter Dinge" sowohl über traditionelle Gestalten aus dem Erzgebirge breitete als auch auf ihre Nachahmungen aus Fernost, die ab Ende der 1970er-Jahre in die weihnachtlichen Wohnzimmer Europas und Nordamerikas drängten. Zunächst sahen die Holzgenossen aus dem Reich der Mitte wie eine Persiflage der sorgfältig gearbeiteten Originale aus. Weihnachten war zum einen im kommunistischen China weitgehend unbekannt, zum anderen glaubten die Arbeiter einem Exporteur zufolge Grabbeigaben herzustellen, wie Edenhofer im Laufe seiner Recherchen ausgrub. "Die Terrakotta-Armee von Xian, die dem toten Kaiser zum Geleit ins Jenseits mitgegeben wurde, schwebte da wohl vor ihrem geistigen Auge."

Doch zurück zur Entstehungsgeschichte von Nussknackern. Werkzeuge, um die harten Schalen von den weichen und nahrhaften Nusskernen zu entfernen, hat es seit Urzeiten gegeben. Hölzerne Nusszangen oder Nussbrecher waren im Mittelalter beliebt und wurden zunehmend mit künstlerischen Verzierungen versehen.

Nach und nach kristallisierten sich dabei dienende Figuren wie Mönche heraus, noch viel mehr aber Repräsentanten der Obrigkeit. Die grimmig dreinblickenden Autoritäten sollten wenigstens einmal im Jahr etwas für das Volk tun: harte Nüsse knacken. Den bärbeißigen Gestalten wurden keine Ohren gegönnt - weil die Obrigkeit Volkes Sorge ja eh kein Gehör schenkt.

Historische Spuren

Bevor arbeitslose Bergmänner und arme Bauern im Erzgebirge zum Broterwerb kiefernstarke Kameraden und Holzspielzeug schnitzen, finden sich Nussknackerspuren im Südtiroler Bergdorf Gröden, im Berchtesgadner Land und in Thüringen. In Thüringen lassen sich figürliche Nussbeißer seit 1730 nachweisen. Einer von ihnen stand vermutlich Pate für E. T. A. Hoffmanns 1816 erschienene Erzählung Nußknacker und Mausekönig, die Pjotr Iljitsch Tschaikowsky zu einer der populärsten Ballettmusiken inspirierte.

Vater des Erzgebirge-Nussknackers, wie wir ihn heute kennen, ist der Seiffener Wilhelm Füchtner. Ab 1870 soll der Zimmermann mit dem Fertigen von Soldaten, Gendarmen und seinem berühmtesten Typ begonnen haben, dem Nussknacker-König, dessen Krone auf dem Schachthut der Bergleute sitzt.

Eine Hoch-Zeit erlebten die in Seiffen, Neuhausen oder Olbernhau in Handarbeit gefertigten Holzskulpturen im "real existierenden Sozialismus" der DDR, wo sie ein begehrter, Devisen bringender Exportartikel waren. Zur Steigerung der Ausfuhrzahlen wurden gar private Nebenerwerbsdrechlser zur Herstellung animiert, wie Edenhofer in seinem Buch Erzgebirge-Nussknacker, Chinesischer Nussknacker festgehalten hat.

Der passionierte Sammler erkennt mit einem Blick nicht nur, ob ein knackiger Kerl aus dem Erzgebirge oder aus China kommt. Den deutschen Nussknackern sieht er auch am Gesicht an, von welchem Hersteller sie stammen. "Chinesen kopieren mittlerweile recht gut, doch sie halten sich nicht an Proportionen", beschreibt Edenhofer einen der Unterschiede. Asiatische Nussknacker haben zudem gern längere, schmale Nasen, und die Farben sind intensiver, wie bei einem frisch lackierten Hutschpferd. Lange Zeit größtes Unterscheidungsmerkmal war jedoch der unbemalte Sockelboden der erzgebirgischen Figuren. Doch auch sie werden mittlerweile nicht mehr ausschließlich handbemalt, sondern in Farbe getaucht.

Eines sollte man mit Hebelgestalten tunlichst nicht: Sie ihrem Handwerk, Pardon Mundwerk, nachgehen lassen. "Denn das geht auf die Zähne und macht sie für den Sammler uninteressant", sagt Edenhofer, wobei Nussknacker made in China für ihren Beruf meist ohnehin eine zu schmale Öffnung haben.

War es bei Edenhofer Beschützerinstinkt, der seine Liebe zu den hölzernen Knackhilfen entflammte, hat sich im Xmas-Wonderland Amerika eine beinahe professionelle, mehrere tausend Leute umfassende Sammlerszene etabliert.

Mit Blick auf diese Sammlerbewegung werden von Herstellern wie dem Traditionshaus Steinbach Figuren häufig in limitierter Auflage herausgebracht, meist in Motivserien. Präsidenten ebenso wie Protagonisten aus Hollywoodfilmen wie Star Wars stehen dafür Modell. So kommt es, dass ein Sammler für die Figur des Zauberers Merlin 5000 Dollar und damit das Zwanzigfache des ursprünglichen Ladenpreises hinblätterte.

Edenhofer mag seine Holzgesellen, weil ihm Sammeln Spaß bereitet und das Staunen seiner Gäste ein weihnachtliches Vergnügen ist. "Nussknacker sind ein saisonales Sammelgut", räsoniert er, "das nur zur Adventzeit hergezeigt wird." Die günstigste Zeit sie zu sammeln? Ostern! (Karin Tzschentke, DER STANDARD, 19.12.2013)

  • Zur Weihnachtszeit sind sie im Einsatz. Für Sammler haben die Nussknacker das ganze Jahr über ihren Wert.
    foto: reuters/bensch

    Zur Weihnachtszeit sind sie im Einsatz. Für Sammler haben die Nussknacker das ganze Jahr über ihren Wert.

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