Auftanken für Vollgasfahrer

24. Dezember 2013, 11:30
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Leistung und Entspannung unter einem Hut? Klingt unmöglich, lässt sich aber machen

Manchmal erinnert er an die Quadratur des Kreises, der Versuch, Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Lebensqualität auf einen Nenner zu bringen. Und weil das so ist, gerät das Augenmerk auf Gesundheit und Lebensqualität oft aus dem Blick. Was sich auf Dauer unangenehm bemerkbar machen kann. Jens Weidner, Professor für Erziehungswissenschaft und Kriminologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, hat dieses Dilemma einmal präzis in Worte gefasst: Der Leistungsbereite übertüncht die Erschöpfungssignale, begeistert sich daran, wie lange er arbeiten kann, erlebt Höhenflüge im 'Workers High' und registriert erst beim Auftauchen psychosomatischer Symptome, dass Adrenalinausstöße die Kraft nur vortäuschen. An der Gesundheit wird Raubbau betrieben, und auch das Sozialleben leidet.

Nun ja, in der Juristerei spricht man von der normativen Kraft des Faktischen. Die gibt es nicht nur im Rechtswesen. Auch im Berufsleben normt das Faktische, normen die täglichen Anforderungen und Anspannungen das eigene Verhalten. Genauer, das Umgangsverhalten mit sich selbst. Vorrang haben das zu Bewältigende, die vereinbarten Ziele, die Ansprüche und Erwartungen der Kunden. Nicht zuletzt auch der Karrierewunsch. Das ist eine ganze Menge. Das verlangt einen festen Fuß auf dem Gaspedal. Dass da vieles, allem voran der Gedanke an den eigenen Kräftehaushalt, als nachrangig eingestuft und aus dem regierenden Bewusstsein verdrängt wird, ist kein Wunder.

Doch so verständlich das ist, so riskant ist das sprichwörtlich auch: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Auf die Dauer geht das nicht gut, die Ansprüche des Körpers unter "ferner liefen" zu behandeln. Oder ins Positive gewendet: Wer auf die Dauer gut sein und bleiben möchte, tut gut daran, mit seinem Körper eine Leistungsgemeinschaft einzugehen, ihn nicht nur zu be- und oft genug auch auszunutzen, sondern ihn im Bestreben, das Erwartete, Angestrebte und Erwünschte zu erreichen, auch als Partner zu behandeln.

Der Körper ist ein ungewöhnlich geduldiger Partner. Allerdings ausgestattet mit einem fabelhaften Gedächtnis. Nichts von all dem, was ihm zugemutet wurde, vergisst er. Und urplötzlich, meist im unglücklichsten Moment, präsentiert er seine Rechnung - indem er die benötigte Energie einfach abschaltet. Das ist der Gedanke, von dem Steiner in ihrem Buch Energiekompetenz ausgeht. Und das Dilemma, vor dem sie bewahren will.

Partnerschaftlicher Umgang mit dem eigenen Körper heißt für sie, sich Energiekompetenz anzueignen, zu lernen, haushälterisch mit den eigenen Kräften umzugehen. Steiner ist überzeugt: Der Lohn dafür kann sich sehen lassen: stabilere Leistungsfähigkeit, höhere Frustrationstoleranz, größere Gelassenheit, Aufgeschlossenheit und Kreativität. Kurz und gut, ein entspannteres Innen- und Außenleben, zuverlässigere Turbulenzfestigkeit in einer immer turbulenteren Welt.

Optimieren, produktiv sein

Doch wie in den Genuss dieses Lohnes kommen? Die Schrittfolge dazu vermittelt die studierte Biochemikerin, die an der ETH Zürich das erfolgreiche Programm "Lernen mit Lust!" aufgebaut hat, in zehn Kapiteln: Energie und Anspannung bewusster wahrnehmen und regulieren; besser auf die inneren Rhythmen achten und sie intelligent nutzen; die geistige Leistungsfähigkeit optimieren und produktiver denken; klüger mit der Stimmung umgehen; sich besser entspannen und richtig erholen; Ressourcen aktivieren und neue Energie und Tatkraft gewinnen.

Und all das legt Steiner so einleuchtend dar, dass das Buch inzwischen in der achten Auflage erscheint. Augenscheinlich wächst die Zahl derer, die sich nolens volens über die Auswirkungen permanenter beruflicher Anspannung und den sie entschärfenden Umgang damit Gedanken machen.

Der Irrtum, vor dem Steiner warnt und vor dessen Auswirkungen sie bewahren will, ist die irrige Vorstellung, den ganzen Tag auf Hochtouren laufen zu müssen. Kein Wunder für die Frau, die sich mit beachtlicher Akribie und profundem Wissen mit der vielschichtigen Materie auseinandergesetzt hat, dass Gefühle von Angespannt- und Genervtsein unter Daueranspannung schließlich in Erschöpfungsgefühle und -zustände münden. Und das passiert umso mehr und rascher, wenn über den Tag verteilt kleine Regenrationspausen und über die Zeit hinweg gegengewichtige Regenerationsphasen fehlen. Permanent gegen den eigenen Körper zu arbeiten, anstatt ihn als Partner zu betrachten und zu behandeln, das ist für Steiner "eine Fahrt auf einer sehr abschüssigen Straße".

Energiebilanz verbessern

Nicht ausschließlich, aber doch vor allem in diesen missachteten Rhythmen sieht Steiner ein gravierendes Energieleck. Schert sich der Mensch den Teufel um die inneren Rhythmen von Aktivität und Innehalten, von Anspannung und Entspannung, nimmt er sich selbst den Boden unter den Füßen. Versäumt der Mensch in diesem Falle, Boden unter den Füßen zu gewinnen, gibt er leichtfertig die Chance preis, die Unberechenbarkeit und Zukunftsunsicherheit unserer Tage und die damit einhergehenden Befürchtungen und Ängste im Griff zu behalten.

Wer ohnehin schon auf "Reservetank" fährt, muss das Kommende zwangsläufig mehr fürchten als die, die mit vollem Tank unterwegs sind. Bemerkenswert der Hinweis von Steiner: "Auch unsere Mitmenschen können uns Energie entziehen! So wie es wahre 'Energizer' gibt, gibt es auch 'De-Energizer!'"

Und noch einmal diese Tatsache: Je mehr sich ein Mensch ohnehin schon mit einer negativen Energiebilanz herumschlägt, desto intensiver spürt er auch diese De-Energizer und wird von ihnen noch zusätzlich ausgelaugt. Bis es immer vernehmlicher und bedrohlicher im "Gebälk" knackt. Dass es so weit absolut nicht kommen muss, das zeigt Verena Steiner in ihrem kompetenten Buch über die Energiekompetenz. (Hartmut Volk, FH-STANDARD, Dezember 2013)

Verena Steiner: "Energiekompetenz - Produktiver denken - Wirkungsvoller arbeiten - Entspannter leben". Piper/ Pendo-Verlag, München, achte Auflage 2011, 285 Seiten, A 20,50 Euro

  • Bevor nichts mehr geht.
    foto: apa

    Bevor nichts mehr geht.

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