Armut auf den zweiten Blick

18. Dezember 2013, 12:01
17 Postings

268.000 Kinder und Jugendliche sind von Armut bedroht. Abseits von Berichten und Statistiken bedeutet diese Zahl für viele eine erschwerte Schulzeit

Wien - Niemand spricht gerne über Armut - selbst dann nicht, wenn ein Armutsbericht vorgestellt wird (Seite 8), und schon gar nicht in Bezug auf Kinder. In einem reichen Land wie Österreich ist Armut oft erst auf den zweiten Blick sichtbar - das ist auch in den Klassenzimmern so. Der im Herbst präsentierte Bericht der Volkshilfe "Kinderarmut in Österreich" bescheinigte allerdings, dass mit einer Quote von 15 Prozent die Armutsgefährdung von Kindern höher ist als die der Gesamtbevölkerung (13 Prozent). Dass Armut unter Kindern und Jugendlichen "kein Märchen" ist, wird auch in der aktuellen Kampagne der Volkshilfe unterstrichen, für die sich Margit Fischer und Thomas Brezina engagieren.

Doch wie sieht es abseits von hundertseitigen Berichten und Statistiken aus? Verschiedenste Einrichtungen bieten Kindern aus einkommensschwachen Familien einen Platz zum Lernen und kostenlose Nachhilfe an. Schnell wird man hier mit "Herr und Frau Lehrerin" angesprochen, während man von einem wackeligen Deutschaufsatz zur stockenden Englisch-Lernsoftware rüber zur Kettenrechnung hetzt. Der Lärmpegel ist hoch, und es herrscht Sprachengewirr. Institutionen wie diese sind essenziell für viele Eltern, die aus dem Ausland kommen und ihren Kindern aufgrund sprachlicher Barrieren mit dem Lernstoff selbst nicht weiterhelfen können und denen Nachhilfeinstitute zu teuer sind. Einige Eltern sitzen auf den Sofas und schauen zu, wie eifrig ihre Söhne und Töchter lernen. Kinder, die keine österreichische Staatsbürgerschaft besitzen, weisen mit 39 Prozent eine deutlich höhere Armutsgefährdung auf als der Durchschnitt.

Eine wichtige Aussage des Volkshilfe-Berichtes sind die vielen Facetten von Armut. Laut dem Geschäftsführer der Volkshilfe, Erich Fenninger, sind armutsgefährdete Kinder vor allem in vier Kernbereichen benachteiligt: in Materiellem, in der kognitiven Entwicklung, der Gesundheit und in der Entwicklung von sozialen Kompetenzen. In der Schule kann Armut zu einer psychischen Belastung werden, wenn Kindern und Jugendlichen bewusst wird, dass sie nicht die gleichen Möglichkeiten haben wie ihre Freunde.

Die Schulpsychologin Brigitta Srnzik knüpft hier an: "Die Schule ist ein Abbild der Gesellschaft, also merken wir natürlich, wenn es zunehmend soziale Probleme innerhalb der Gesellschaft gibt. Wir sehen bei Schulbesuchen, dass Initiativen wie Flohmärkte gestartet werden, um betroffenen Familien unter die Arme zu greifen." Armut solle man aber zu keinem Klassenthema machen, wo mit dem Finger auf Einzelne gezeigt und gefragt wird, wer arm ist. Mit kleinen Gesten könne man helfen - beim Elternverein Anträge für Förderungen auf Klassenfahrten stellen oder beim Eislaufen darauf achten, dass man auch Eislaufschuhe ausborgen kann, sagt Srnzik.

Eine große Belastung herrscht aber nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause, wenn Kinder spüren, dass sie in ihrer Freizeitgestaltung weniger Möglichkeiten haben als Freunde. Die Tenniseinzelstunden werden genauso wenig drinnen sein wie Besuche bei Starbucks. Es drängt sich die Frage nach Lösungen auf. Heidi Rotteneder, Sozialarbeiterin bei der Volkshilfe Wien, meint dazu: "Vor allem durch Investitionen in das Bildungssystem lässt sich etwas verändern. Außerdem sollte für mehr Verteilungsgerechtigkeit gesorgt werden."

Ob es das ältere Modell eines Schulrucksacks ist, die schlechtere, weil billigere Ernährung oder das Fernschauen statt Ausgehen - Kinderarmut zu thematisieren kann ein erster Schritt sein. (Stefan Mayer Anna Strümpel, DER STANDARD, 18.12.2013)

Spenden: Zahlscheine für die Kampagne "Kinderarmut ist kein Märchen" liegen in allen Filialen der Bank Austria auf.

  • Armut beschränkt sich nicht nur auf das Geldbörserl, sondern hat viele Facetten, heißt es im Bericht der Volkshilfe. Betroffene Kinder und Jugendliche haben in der Schule oft größere Probleme - auch in der Freizeit spüren sie die Nachteile deutlich.
    foto: dpa/jens kalaene

    Armut beschränkt sich nicht nur auf das Geldbörserl, sondern hat viele Facetten, heißt es im Bericht der Volkshilfe. Betroffene Kinder und Jugendliche haben in der Schule oft größere Probleme - auch in der Freizeit spüren sie die Nachteile deutlich.

Share if you care.