Von Nigeria nach Europa: Flucht, die viel Geld kostet

Blog18. Dezember 2013, 13:45
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Auf Malta treffen wir eine Gruppe junger Nigerianer und Somalis - Sie sammeln Kleidung und Lebensmittel für diejenigen, die noch im Internierungslager sind

Bevor wir Valletta verlassen, fahren wir noch einmal nach Hal Far, wo wir eine Gruppe von Nigerianern und Somalis treffen. Sie bringen gesammelte Kleidung und Lebensmittel in Plastiksäcken, die in einer Reihe aufgestellt werden. Alles Dinge für diejenigen, die noch im Internierungslager sind, dort gibt es nichts, erzählt Sunday, der Größte von allen, gerade 22 Jahre alt. 

Jahrelang auf der Flucht

Jeden Sonntag gegen zehn Uhr kommt ein Wagen und holt die Sachen. Kontakt zu den Bewohnern des Lagers gibt es nicht. Erst vorgestern kam Sunday aus diesem Internierungslager in das offene Lager. Über zwei Jahre war er unterwegs, die schlimmste Zeit habe er in Libyen erlebt. Die Situation dort sei undurchsichtig und gefährlich. Danach drei Tage auf See, 86 waren in einem Boot so groß wie unseres.

Sie hatten sich verirrt, das Satellitentelefon hat nicht funktioniert, und schließlich dürfte ein Fischer die Küstenwache verständigt haben. Sunday ist in Libyen überfallen worden, ihm wurde alles geraubt. Er hat Glück gehabt, denn ein Freund hat ihm die Überfahrt ermöglicht, ohne dass er etwas bezahlen musste. 

Schlepper-Industrie

Abdirahman aus Somalia war fast drei Jahre unterwegs, musste aber für das letzte Stück, die Überfahrt, 300 Dollar berappen, ein anderer sogar 1.200 Dollar. "Es ist eine Industrie", sagt Abdirahman, aber Libyen sei am gefährlichsten. Oft werden Flüchtlingsboote beschossen, wenn sie Libyen verlassen. Wieso? Er weiß es nicht.

Maria Pisani hat mir von einem Deal zwischen Gaddafi und Berlusconi erzählt, in dem der Italiener dem Diktator finanzielle Zuwendungen dafür gab, dass dieser die Flüchtlinge nicht aus Libyen entkommen hat lassen. Die beiden sind zwar nicht mehr an der Macht - aber es scheint noch immer derartig gelagerte Interessen zu geben. Warum sonst sollte sich ein Libyer darum scheren, ob ein Somalier oder Nigerianer in einem Schlauchboot das Land verlässt?

Das Land verlassen

"Ich wusste gar nicht, dass es Malta gibt, bis ich hier war", gibt Sunday zu, er wollte, wie alle anderen auch, eigentlich nach Italien. "Wir kommen hierher, und am Ende bekommen wir ein gelbes Dokument, das nur in Malta gilt. Hier ist kein Platz, und wir haben keine Chance auszuweichen. Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll." Jeder von ihnen arbeitet an einem Plan, wie er das Land verlassen könnte.

Toure, mit dem wir in einem der Internierungslager sprechen durften, war diese Flucht gelungen. Er hatte eine Zeitlang illegal in der Schweiz in einem Restaurant gearbeitet, ehe er gefasst und der Dublin-II- und -III-Verordnung entsprechend zurück nach Malta gebracht wurde. Ich frage, ob sie nicht auch hier Arbeit finden könnten. Gelegentlich, antworten sie, tageweise. Natürlich würden sie inoffiziell beschäftigt und unter der Hand bezahlt, ein paar Euro für einen Tag Schwerarbeit. Vor zwei Tagen hörte ich Beschwerden, dass die Flüchtlinge den Einheimischen die Arbeit wegnehmen und keine Steuern bezahlen würden. Doppelmoral ist alles, was mir dazu einfällt.

Zurück in die Heimat

Ich will wissen, was Heimat für sie bedeutet. Jeder nennt das Land, das er verlassen musste. Abdirahman sagt sogar, dass er sofort zurück nach Somalia gehen würde, wenn dies möglich wäre. Hoffnung hat er diesbezüglich keine. Dass sich in Somalia etwas ändern könnte, glaubt er nicht. 

Wir unterhalten uns auf Englisch, die Atmosphäre ist ruhig und gelassen. Während wir reden, wird die Reihe der Säcke ganz leise und unauffällig immer länger. Solidarität funktioniert auch, wenn man nichts hat. Oder vielleicht gerade dann?

Hektisches Treiben

Malta hat viel zu bieten, und in Valletta kann man wahrscheinlich Wochen zubringen und sich in einer Fülle interessanter Details vergraben. Trotzdem fällt es uns nach einer Woche nicht schwer, das hektische Treiben zu verlassen, wir fühlen uns ein wenig wie in einem Druckkochtopf. Das hat sicher mit dem Thema zu tun und dieser enormen Beengtheit, die überall so deutlich zu spüren ist. Wir verlassen den Hafen von Valletta und kreuzen die Küste entlang Richtung Nordwesten, lange begleitet uns eine Skyline vielgeschoßiger Hochhäuser. Ich empfinde eine große Spannung, einerseits bin ich mitten in Europa, andererseits sehr weit davon entfernt. 

Ich will meine fehlende Euphorie nicht als Antipathie verstanden wissen. Weder stünde es mir zu, eine solche zu äußern, noch würde es zutreffen. Aber ich fühle, wie die Situation, die sich hier auf so engem Raum darstellt, an mir zerrt. Jede Angst ist real. Ob sie begründet ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Das ist die eine Seite, die andere ist die entsetzlich reale Verzweiflung derer, die hier auf einem Felsen gestrandet sind, von dessen Existenz viele von ihnen nicht einmal wussten. Sie wollten nach Europa und sind in Malta gelandet.

Nächster Halt: Gozo

Mgarr, den Hafen von Gozo, erreichen wir bei Einbruch der Dunkelheit - die angehenden Lichter, die sich über dem Wellenbrechen hinauf auf den Hügel erheben, bereiten uns einen liebevollen und warmen Empfang. Obwohl ständig Fähren zur Hauptinsel hinüberpendeln, wirkt dieser Ort im Gegensatz zur Hauptstadt in sich ruhend und friedlich. Ein kleines Lokal nahe der Mole, ein Gasofen wärmt die mit Plastik verhangene Veranda, die Küche ist hervorragend. (Fabian Eder, derStandard.at, 18.12.2013)

  • Solidarität funktioniert, wenn man nichts hat. Und ein Lächeln auch.
    foto: derstandard.at

    Solidarität funktioniert, wenn man nichts hat. Und ein Lächeln auch.

  • Sunday, 22 Jahre alt, überragt alle anderen bei weitem. Es tut gut, mit ihm zu sprechen.
    foto: derstandard.at

    Sunday, 22 Jahre alt, überragt alle anderen bei weitem. Es tut gut, mit ihm zu sprechen.

  • Schlussendlich in Mgarr. Wir wollen zwei Tage hier bleiben und die berühmten Tempelanlagen im Inneren der Insel besuchen.
    foto: derstandard.at

    Schlussendlich in Mgarr. Wir wollen zwei Tage hier bleiben und die berühmten Tempelanlagen im Inneren der Insel besuchen.

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