Kluge Wintergärten für Leoben

17. Dezember 2013, 20:37
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Die Smart-City-Initative von Österreichs Klima- und Energiefonds wartet auf Einreichungen für die vierte Runde

Ein 60 Meter hoher "Forschungsturm" mit Büroflächen für Forscher und Start-ups, der über ein energiesparendes Gleichstromnetz versorgt wird. Großflächige "Grätzel-Solarpaneele", ein Auftriebskraftwerk samt Wärmespeicher, die über ein lokales Netz mit einer Energiezentrale verbunden sind. Und der Bau einer Anlage mit 80 Wohnungen, die von der Wärmedämmung bis zur "grünen Mobilität" ihrer Bewohner in ein modernes Energiekonzept eingebunden sind. So soll das Grazer Stadtquartier rund um die Helmut-List-Halle künftig aussehen. Auf dem 49-Hektar-Areal rund um das Schlüsselprojekt soll ein Vorzeigestadtteil in Sachen Smart City entstehen, inklusive Schule, Gewerbe- und Wohnflächen.

"Der Stadtteil im unmittelbaren Umfeld des Hauptbahnhofs weist seit Jahrzehnten Entwicklungshemmnisse auf", erklärt Projektleiter Kai-Uwe Hoffer von der Grazer Stadtbaudirektion. Hemmnisse, die das etwa 25 Millionen Euro schwere "Smart-City-Project Graz Mitte" beheben soll. 4,2 Millionen Euro davon kommen vom Klima- und Energiefonds des Landwirtschafts- und Verkehrsministeriums. Als Leitprojekt der zweiten Ausschreibung der Smart-Cities-Initiative wurde dem Konsortium aus 13 Partnern die bisher höchste Fördersumme zugesprochen. Zum Vergleich: Für den aktuell bis Ende Jänner bzw. für Demoprojekte bis Ende März laufenden vierten Call stehen insgesamt 8,5 Millionen Euro zur Verfügung.

Aber nicht überall werden ganze Stadtteile umgebaut. "Auf europäischer Ebene stehen große Städte im Fokus. In Österreich ist es notwendig, mittelgroße und kleinere Städte mitzunehmen", sagt Theresia Vogel, Geschäftsführerin des Klimafonds. Zudem haben sie sehr unterschiedliche Ausgangsniveaus: "Einige haben bei null begonnen." 2011 wählte eine Jury im Zuge des ersten Calls 21 eingereichte Projekte aus, die eine Förderung von jeweils maximal 100.000 Euro erhielten. Bei den Projekten setzten sich Interessenten aus Industrie, Verwaltung, Universitäten und weiteren Stakeholdern an einen Tisch, um Visionen und Roadmaps für ihre Stadt zu erarbeiten und konkrete Maßnahmenpakete zu schnüren.

Ab dem zweiten Call, der 2011/12 stattfand, ging es dann vor allem darum, Demonstrationsprojekte aus den Konzepten umzusetzen. Neben dem Großprojekt in Graz, für das mit dem Projekt auch die Chancen auf Smart-City-Förderungen im europäischen Rahmen gestiegen sind, kamen auch kleinere Projekte zum Zug, die, dann auch in anderen Städten reproduziert werden könnten.

Leoben versucht etwa Wohnbauten aus den 1970er- und -80er- Jahren attraktiver zu machen. "Wir wollten nicht dem allgemeinen Trend zu Vollwärmefassaden folgen, sondern im Sinne des Smart-City-Gedankens etwas ganz anderes machen", erklärt der Leobener Stadtbaudirektor Heimo Berghold. Herkömmliche Sanierung bringe außer den niedrigeren Betriebskosten keinen Zuwachs an Lebensqualität. Die Wohnungen müssten attraktiver werden.

Fassade vor der Fassade

Im Stadtteil Judendorf Leoben soll nun eines der mehrgeschoßigen Gebäude exemplarisch eine "Pufferzone" verpasst bekommen. Eine Fassade mit Glaselementen vor der ursprünglichen Fassade erweitert den nutzbaren Raum um bis zu zwei Meter nach außen und schafft eine Art Wintergarten. Fotovoltaik- und Solarthermieelemente an der Fassade generieren Strom und kühlen im Sommer den Innenraum. Im Winter wird die neue Hülle mit Erdwärme temperiert. Das Gewinnerprojekt des dritten Calls wird vom Klimafonds bei Gesamtkosten von etwa 1,8 Millionen Euro mit ca. 900.000 Euro gefördert. Im Juni 2013 hat die Klimafonds-Jury entschieden, im März 2014 soll das Projekt, das 2016 bereits abgeschlossen sein soll, offiziell starten.

Das Aushandeln der Verträge innerhalb des Konsortiums und die Bearbeitung der Auflagen kosten Zeit. Auch in Graz, wo sich Kai-Uwe Hoffer vom Stadtquartier-Projekt bereits sicher ist, dass man dort die Laufzeitverlängerung bis 2017 in Anspruch nehmen werde müssen. "Wir haben ein Jahr Verträge mit den Eigentümern und dem Konsortium verhandelt, um die Auflagen zu erfüllen", sagt Hoffer. "Das war aufwändiger, als wir erwartet haben."

Auch in Linz wollte man den administrativen Aufwand entweder "g'scheit oder gleich gar nicht" bewältigen, blickt Wilfried Hager vom Umwelt-und-Technik-Centers am Magistrat der Stadt Linz zurück. Auch hier wurden nach dem ersten Call Smart-City-Visionen und konkrete Maßnahmen erarbeitet, etwa die Einrichtung einer Koordinierungsstelle. 2012 stand man dann am Scheideweg: "Zwei wichtige Partner, die Johannes-Kepler-Universität und das Ars-Electronica-Center, sind abgesprungen", sagt Hager. Ohne die beiden Institutionen wollte man nicht weitermachen. "Die Vorbereitung eines Projekts kostet Zeit und Ressourcen. Es wird sich zeigen, ob der politische Wille in Zukunft aufgebracht wird." Dennoch war Hager begeistert, dass beim Startprojekt Parteien an einem Tisch saßen, "die sonst nie miteinander reden", um ihre Vision für 2050 zu entwickeln: Vertreter der Industrie, Stadtplaner, sogar Caritas-Mitarbeiter.

Die intelligente Kommune

"Wenn Gemeinden und Unternehmen nicht die Möglichkeiten für ein Projekt haben, muss man das akzeptieren", sagt Klimafonds-Geschäftsführerin Vogel. "Wenn sie aber einmal Blut geleckt haben, werden sie kommen." Jede Förderung löse ein Zigfaches an Investitionen aus. Obwohl Linz zu den wenigen Städten gehört, die nach dem ersten Call keinen Folgenantrag einbrachten, ist die Stadt dennoch weiter als viele: "Von den 200 österreichischen Städten sind bis jetzt nur gut 20 im Rennen", sagt Vogel. Bei kaum einem Demonstrationsprojekt gab es bereits einen Baubeginn.

Vogel sieht eine Leistung des Klimafonds darin, das Thema Smart City auf eine kommunale Ebene zu bringen. "Viele wagen sich nicht hinein, weil sie das Thema Smart City für zu forschungs- und kostenintensiv halten." Ihnen soll der Weg geebnet und gezeigt werden, welche Aktivitäten in ihrem Stadtkontext möglich sind. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 18.12.2013)

  • Umweltfreundliche Technologien als Bestandteil des Stadtbildes: hier zum Beispiel der geplante Science Tower auf dem Smart-City-Areal.
    visualisierung: architekt pernthaler

    Umweltfreundliche Technologien als Bestandteil des Stadtbildes: hier zum Beispiel der geplante Science Tower auf dem Smart-City-Areal.

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