Warum die Mimi ohne Krimi nie ins Bett geht

20. Dezember 2013, 05:30
7 Postings

Der französische Soziologe Luc Boltanski stellt in einer Untersuchung zum Thema Kriminalliteratur dar, dass diese Gattung nicht bloß dem privaten Kitzel dient

Angesichts der historischen Umwälzungen im 20. Jahrhundert kamen in der Gesellschaft Zweifel auf, ob die Sicherheit des Einzelnen vom Staat gewährleistet werden könne. Jener ungeschriebene Gesellschaftsvertrag, der den Bürgern garantierte, dass der Staat für ihren Schutz sorgt, solange sie sich an die Gesetze hielten, wurde wohl bereits um die vorletzte Jahrhundertwende aufgekündigt. In dieser Zeit trat Sherlock Holmes auf den Plan, und die Kriminalliteratur wurde zur Lieblingslektüre der Massen.

Für den französischen Soziologen Luc Boltanski ist das kein Zufall: Der Detektiv sei nicht weniger eine Symbolfigur der Moderne als der ohne Vorwurf verurteilte und verhaftete Josef K. aus Franz Kafkas Prozess. Der Forschungsdirektor der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris hat sich dieser These in einer umfangreichen Untersuchung mit dem Titel "Rätsel und Komplotte" angenommen.

Das Fundament seiner Argumentation bildet die Auffassung, dass die Kriminalliteratur ohne das Zeitalter der Aufklärung nicht denkbar sei. Schließlich wollen die meisten Ermittlerfiguren ein Mysterium entzaubern, indem sie versuchen, die logische Erklärung zu finden. "Der Kriminalroman wurde erst möglich, nachdem eine klare Trennungslinie zwischen der natürlichen Realität und der übernatürlichen Welt gezogen worden war. Wenn Götter oder Geister die Realität nach ihrem Gutdünken ändern können, dann besitzt die Realität nicht die Stabilität, die nötig ist, damit sich Rätsel deutlich genug vom Hintergrund absetzen können."

Ihre politische Entsprechung fand die Aufklärung in der Ablöse der absolutistischen Monarchien durch die Nationalstaaten. Während die Monarchen Vergehen grundsätzlich mit Gewalt bestraften, setzen moderne Gesellschaften auf Überwachung und Erziehung. Scharfrichter und Folterinstrumente wichen Polizei und Gefängnis.

In der Moderne verbreitete sich jedoch die Auffassung, dass der Staat nicht mehr Herr im eigenen Haus sei. Von diesem Misstrauen her rührt, folgt man dem Autor, die kollektive Faszination für die Kriminalliteratur: "Dass man sieht, wie die Realität sich den Anstrengungen des Staates, sie zu durchdringen und zu stabilisieren, entzieht, ruft die Verunsicherung und Spannung hervor, aus denen sich Kriminalroman und Spionageroman speisen."

Im klassischen Kriminalroman werde mit diesem Zweifel gespielt, um den Leser zu stimulieren. Durch die Aufklärung des Verbrechens werde dieser am Ende aber beruhigt. Der Spionageroman repräsentiert für Boltanski die radikalere Variante: Während im Krimi das Verbrechen durch eine Störung der Normalität den Leser stimuliere, setze der Spionageroman ein weitaus düstereres Bild der Realität in Szene: Hier ist der Alltag selbst ein Krieg der Staaten im Staate - jener Komplotte, die vermeintlich die Fäden innerhalb der Gesellschaft ziehen.

Die Entdeckung der Paranoia

In diesem Zusammenhang macht Boltanski eine Parallelentwicklung in einem anderen Feld aus: Das Erscheinen der ersten großen Spionageromane ging einher mit der Entdeckung der Paranoia in der Psychologie. Sie wurde offiziell als Geisteskrankheit anerkannt. Boltanski verlangt dem Leser bei diesem großen Streifzug durch Zeit-, Wissenschafts- und Literaturgeschichte einiges ab, vor allem da, wo er sich stellenweise in der Darstellung der soziologischen Fachdebatten verliert.

Insgesamt ist es aber eine überzeugende Darstellung, die im Rückgriff auf verschiedene Disziplinen zeigt, dass Kriminalliteratur nicht bloß dem privaten Kitzel dient: Vielmehr ist die Krimilektüre eine folgenreiche kulturelle Praxis, die dem skeptischen Menschen "das Abendgebet ersetzt". (Johannes Lau, DER STANDARD, 20.12.2013)

  • Luc Boltanski: "Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft". 39 Euro, 515 S. Suhrkamp 2013
    cover: suhrkamp

    Luc Boltanski: "Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft". 39 Euro, 515 S. Suhrkamp 2013

Share if you care.