Kein Bigfoot steht im Walde

18. Dezember 2013, 11:54
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"Abominable Science!" zeigt, warum Kryptozoologie eine Pseudowissenschaft ist

Es ist zweimal der gleiche Ablauf: Ein riesiges graues Reptil mit langem Hals zieht seitlich am Betrachter vorbei, in seinem Maul baumelt Beute. So geht 1933 die erste Sichtung des Ungeheuers von Loch Ness an Land in die Geschichte der Kryptozoologie ein. Und genauso sieht auch eine Szene aus King Kong aus. Der Film ist kurz vor dieser Nessie-Sichtung in den schottischen Kinos angelaufen.

Ein Zufall? Eher nicht, glaubt Daniel Loxton, ein kanadischer Autor und Angehöriger der Skeptiker-Bewegung. Gemeinsam mit dem US-Paläontologen Donald Prothero hat Loxton beim Verlag der New Yorker Columbia Universität ein Buch herausgebracht, das auf den ersten Blick recht ironisch daherkommt. Das Cover im Stil alter Pulp-Magazine, der Titel Abominable Science! eine Anspielung auf einen im Englischen gebräuchlichen Beinamen des Yeti ("The Abominable Snowman", der schreckliche Schneemensch).

Tatsächlich ist Abominable Science! eine ernste und exzellent recherchierte Auseinandersetzung mit den bis heute vergeblichen Bemühungen, sogenannte "Kryptiden" wie Bigfoot, Nessie oder den "Kongo-Dinosaurier" Mokele-Mbembe aufzuspüren. Wir werden sie niemals finden, denn es sind Geschöpfe der Kultur, nicht der Natur, schreiben die Autoren. In fünf Kapiteln, jedes einem populären Kryptiden gewidmet, zeichnen Loxton und Prothero nach, wie sich Nessie & Co als Meme entwickelt und verbreitet haben - dabei zeigen sich oft die verblüffendsten Querverbindungen.

Auch heute noch werden jedes Jahr hunderte neue Spezies entdeckt, mögen die meisten davon auch sehr kleinwüchsig sein. Was also unterscheidet die Arbeit von Kryptozoologen von der all jener Wissenschafter, die auf Expeditionen in wenig erforschte Regionen aufbrechen? Ganz einfach: Sie ziehen nicht los, um ausgangsoffen Daten über die Fauna eines Habitats zu sammeln, sondern um eine vorgefasste Hypothese - etwa die Existenz Bigfoots - zu verifizieren. Mit diesem Bias ist der erste Schritt, der vom Pfad der Wissenschaftlichkeit abweicht, bereits getan.

Warum Kryptozoologie eine Pseudowissenschaft bleibt

Und weitere folgen: schlechte Recherche an erster Stelle. Der Bericht eines Mannes, der 1955 Bigfoot zu sehen glaubte, wird in der einschlägigen Literatur heute noch als eine der wichtigsten Quellen zitiert. Doch stellt Loxton erstaunt fest, dass kein Kryptozoologe sich jemals die Mühe machte, den Mann für ein Interview zu besuchen, um ihm noch mehr Informationen zu entlocken.

Den Unwillen, potenziell relevante von dubiosen Informationsquellen zu unterscheiden, und die Verweigerung von Peer-Review nennen Loxton und Prothero als weitere Gründe, warum Kryptozoologie eine Pseudowissenschaft bleibt. Ihr klassischer "Beweis" sei der Augenzeugenbericht, doch ergebe eine Anekdote noch keine Wissenschaft. Und zehn Anekdoten sind nicht besser als eine.

Ein beliebtes Argument von Kryptozoologen besagt: Wenn es zu einem Phänomen hunderte Berichte gibt, dann können die unmöglich alle falsch sein. Die ernüchternde Conclusio aus Abominable Science! lautet: Doch. Können sie. (Jürgen Doppler, DER STANDARD, 18.12.2013)

  • Daniel Loxton / Donald R. Prothero: "Abominable Science!". 26,60 Euro, 412 Seiten. Columbia University Press, New York 2013
    cover: columbia university press

    Daniel Loxton / Donald R. Prothero: "Abominable Science!". 26,60 Euro, 412 Seiten. Columbia University Press, New York 2013

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