Michael Glawogger in Čigoć: Glück

17. Dezember 2013, 18:15
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Der österreichische Dokumentarist berichtet von einer weiteren Kroatien-Station auf dem Weg zum "Film ohne Namen"

Die junge Katze wälzte sich glücklich in der Wiese. Sie hatte gerade eine Blaumeise gefangen, mit der sie seit einer guten halben Stunde spielte, und es war nicht auszumachen, ob der kleine Vogel mit seinem bunt schimmernden Gefieder schon tot war oder er sich in einer Starre aus Panik und Todesangst befand. Klar war, dass er es nicht überleben würde, und klar war auch, dass die Katze einem Rausch aus Spiel, Stolz und Trieb verfallen war.

So also sieht das Glück aus, dachte er, als er an diesem sonnigen Tag vor seinem Hotelzimmer an einem Holztisch saß, vor sich Speck, Brot, Weißwein und eine Schachtel Zigaretten. Auch er war so etwas Ähnliches wie glücklich. Er war schon zu alt geworden, um eindeutig zu sagen: das ist jetzt ein schöner Moment, irgendwo hier wohnt das Glück. Es gab immer irgendetwas im Hinterkopf, irgendeine berufliche Ungereimtheit, eine falsche Schwingung in der Liebe oder einen unerwarteten Traum, der Salz in alte Wunden streute. Er wusste aber, würde er in wenigen Wochen oder in einigen Jahren an diesen Moment zurückdenken, dann würde er finden, dass er genau da glücklich gewesen war. So wie die Katze, die gerade mit ihrer Beute spielte. Dass er für dieses Glück nichts hatte töten müssen, machte ihn noch glücklicher. Und doch, es lag ja ein Stück Speck vor ihm, und dieses Stück Speck war Teil seines momentanen Glücks – und wenn er auch das Schwein, von dem es stammte, nicht selbst umgebracht hatte, war es doch seinetwegen gemordet worden. Gut, er war nicht dabei gewesen und hatte mit dem Schwein nicht gespielt – glücklich gespielt! – und trotzdem. Damit es nicht scheint, als wäre das das Gleiche, hat der Mensch Worte wie erlegen, schlachten, schächten oder metzgern erfunden. Die Sprache muss es dann immer richten. Sonst müssten wir ja umbringen, abschlachten, hinrichten, morden oder meucheln sagen. Könnten wir auch, aber es wäre mit Sicherheit eine geschmackliche Beeinträchtigung.

Er nahm ein scharfes Messer, spießte damit ein Stück Speck auf und schob es sich in den Mund, währende die Katze den toten oder halbtoten Vogel possierlich mit beiden Vorderpfoten in die Höhe bugsierte, um sich noch einmal der Illusion des Jagens hingeben zu können. Sie sprang dabei in die Luft, drehte ihren Schwanz ein wie einen Violinschlüssel, kam wieder zum Liegen und biss dann der Blaumeise genüsslich den Kopf ab. Auch der Speck schmeckte himmlisch, und er trank einen Schluck Weißwein hinterher. Er schaute dabei nach oben und sah einen Storch auf dem Rauchfang des Nachbarbarhauses stehen. Er putze sich mit seinem langen Schnabel unter dem linken Flügel, stand dann in seiner ganzen Pracht da und schaute über das Land.

Ein Storch mitten auf der Straße

Er war ursprünglich wegen der Störche hierher gekommen, denn Čigoć in Westslawonien ist bekannt dafür, dass viele Störche auf ihrem Weg in den Süden hier Station machen. Die wenigen Bewohner des Dorfes erstrecken ihre Gastfreundschaft auf die großen Vögel und errichteten ihnen über die Jahre sogar etliche hoch in den Himmel ragende Podeste, auf denen sie ihre Nester bauen können. Die Störche fühlen sich hier willkommen, und in den umliegenden, weitläufigen Weizenfeldern, die hier noch traditionell bewirtschaftet werden, finden sie genügend Schlangen, Eidechsen, Wühlmäuse, Maulwürfe und Hamster sowie Material für den Bau der aufwendigen Nester. Neben der einzigen Straße, die das Dorf entlang führt, liegt ein kleiner Teich, in dem es außerdem Fische, Kaulquappen und Frösche gibt. Die Störche leben hier wie die sprichwörtlichen Maden im Speck und prägen das Bild des ganzen Dorfes. Als er mit dem Auto hier angekommen war, war kein Mensch zu sehen – nur ein Storch stand mitten auf der Straße. Er fuhr im Schritttempo auf ihn zu, bis er auf gleicher Höhe mit ihm war, kurbelte das Fenster hinunter, und sie schauten einander an. Es war nicht auszumachen, wie sich der Storch zu ihm verhielt, klar war nur, dass er keine Angst hatte. Und das war schon eine ganze Menge an Befindlichkeit.

Das war in den Tagen danach so geblieben – er sah viel weniger Menschen als Störche, und das ergab eine recht surreale Idylle. Er ließ sich natürlich von dem Gedanken betören, dass in Wirklichkeit die Störche hier lebten und die Menschen, so wie er, auf ihrem Weg in den Süden hier Halt machten. In seinem Fall stimmte es ja sogar, nur tat er das nicht jedes Jahr um die gleiche Zeit. Obwohl er eine innere Notiz machte, das ab jetzt tun zu wollen. Und je mehr Zeit er hier verbrachte, desto mehr bekam er den Eindruck, in einem Märchen gelandet zu sein. Die malerischen Holzhäuser trugen ein Übriges dazu bei.

Eine Zeitreise der besonderen Art

Am ersten Tag war er noch neugierig herumspaziert, hatte sich an das Ufer des Teiches gesetzt und den Muschelblumen und Wasserhyazinthen beim Schwimmen zugeschaut. Er hatte vorsichtig die Störche bestaunt und in dem einzigen Geschäft des Ortes Mineralwasser und Ansichtskarten gekauft. Am zweiten Tag war er durch die Felder spaziert und hatte den Bauern aus der Ferne bei der Feldarbeit zugesehen. Es war eine Zeitreise der besonderen Art, und bald fiel ihm auf, dass es hier nicht einmal Fernsehantennen auf den Dächern gab. Eine hatte er doch gesehen, aber das war vielleicht der einzige Hinweis darauf, dass es sich um das 21. Jahrhundert handelte. In seinem Hotelzimmer gab es weder einen Fernseher noch ein Radio. Das Zimmer lag ebenerdig und hatte eine Tür in den Garten. Dort standen der Tisch und die Holzbank, auf der er jetzt saß. Eine junge Frau – es war ihm nie klar geworden ob sie die Besitzerin, die Kellnerin oder die Köchin war – brachte ihm ein mit Käse gefülltes Fladenbrot zu seinem Speck und eine neue Flasche Weißwein. Wenn das so weiterging, würde er hier nie wieder wegwollen. Die Katze war inzwischen zu ihm auf die Bank gesprungen, hatte sich zusammengerollt und war friedlich schnurrend eingeschlafen. Fünf Störche segelten hoch oben lautlos durch einen strahlend blauen Himmel. Den ganzen Tag über blies ein warmer Wind, der die Blätter an den Bäumen in ständiger Bewegung hielt, und manchmal wirbelte eine stärkere Böe abgebrochene kleine Zweige durch den Garten. Diese Bewegung trug zur Schönheit des Augenblicks bei.

Kein Menschenleben zuvor, dachte er, waren im Konzentrationslager von Jasenovac an die 100.000 Serben ermordet worden. Der Ort lag genau einundvierzig Kilometer von dem Garten entfernt, in dem er gerade saß. Es soll das Lager gewesen sein, in dem es keine „industrielle" Vernichtung gab, sondern alle Opfer mit der Hand hingerichtet wurden. Gegen Ende des Krieges nahm man sogar von Schusswaffen Abstand. Die Insassen wurden mit Beilen, Hämmern und Äxten erschlagen, oder man schnitt ihnen einfach die Kehle durch.

Es muss wohl so sein, dass wir Wesen sind, für die es ein Glück bedeuten kann, zu morden. (Michael Glawogger, derStandard.at, 17.12.2013)

  • "Er wusste aber, würde er in wenigen Wochen oder in einigen Jahren an diesen Moment zurückdenken, dann würde er finden, dass er genau da glücklich gewesen war. So wie die Katze, die gerade mit ihrer Beute spielte."
    foto: michael glawogger

    "Er wusste aber, würde er in wenigen Wochen oder in einigen Jahren an diesen Moment zurückdenken, dann würde er finden, dass er genau da glücklich gewesen war. So wie die Katze, die gerade mit ihrer Beute spielte."

  • Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger (Megacities, Workingman's Death und Whores' Glory) ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Anderen Bibliothek" erscheinen wird.
    foto: liz pompe

    Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger (Megacities, Workingman's Death und Whores' Glory) ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Anderen Bibliothek" erscheinen wird.

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