An einem Faden hängen: Lametta scheint out zu sein

22. Dezember 2013, 17:00
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Prachtvoll steht der Christbaum im Wohnzimmer. Voller Kugeln, Kerzen und knalligem Gepränge. Nur das Lametta hat es immer schwerer. Eine Recherche

Die Hoppenstedts schmücken ihren Christbaum. Opa sitzt neben der Tanne und mault: "Früher war mehr Lametta." Dieses Jahr bleibe der Baum grün, kontert die Verwandtschaft. "Grün und umweltfreundlich."

Der leicht nervige Heilige Abend in den späten 1970er-Jahren ist zwar nur ein Jux des unvergesslichen deutschen Spaßmachers Loriot. Aber der maulige Großvater hatte schon damals offensichtlich recht. Lametta scheint schon länger out zu sein. Immer noch schwitzen die Familienväter am heiligen Morgen, um mit Säge, Beil oder Hammer die schon nadelnde Tanne endlich in die kleine Öffnung des Baumständers zu bugsieren. Und wenn das stolze Nadelgewächs fixiert ist, baumeln wenig später glitzernde Kugeln an den Wipfeln, und je nach Jahresmode schillert der Baum in Pink, Rosa oder Braun. Der funkelnde Flitter von früher, der fehlt immer öfter. Die Jüngeren mögen kein Lametta mehr, so scheint es. Nur die Alten halten an der Tradition der baumelnden, dünnen Metallstreifen fest. Einige Wissenschafter glauben auch zu wissen, warum: Der Untergang des Lametta sei ein Ausdruck für die Entwurzelung des Menschen im Zeitalter der Globalisierung.

Der einzige Hersteller in Österreich

Da kann Erwin Ortner nur milde lächeln. Der Gesellschafter der Angelo-Leonischen Werke im Tiroler Stans ist sich sicher: "In Krisenzeiten bleiben die Menschen zu Weihnachten zu Hause, das kommt uns zugute". Deshalb ist der einzige Hersteller von Lametta in Österreich auch ziemlich zufrieden. Die kleine Firma in Tirol verkauft gut 40.000 Packungen in klassischem Gold und Silber sowie in den aktuellen Farben rot und violett. Über die letzten Jahre sei es "nur ein bisschen weniger geworden", sagt Verkaufsleiterin Claudia Danzl. Das Familienunternehmen liefert nicht nur an Geschäfte in Wien und Salzburg, sondern schickt den Hit seines Sortiments an den deutschen "Früher-war-alles-viel-schöner-Laden" Manufactum. Dort kaufen die Besser-Bürger mit gutem Gewissen den besonderen Baumschmuck mit einer Fadenlänge von 130 Zentimetern in stilechten Papierkuverts, die gut aus den Anfängen des dünnen Behanges stammen könnten.

Und die Handwerker in Tirol stellen heute noch das Ur-Lametta her. So wie ihre versierten Vorfahren von einst. Das waren begnadete Feinmechaniker, jeder ein Meister seines Faches, die ursprünglich aus der spanischen Provinz León stammten. Im Mittelalter gründeten sie das französische Lyon, wurden als Protestanten später von den Katholiken vertrieben und landeten weiter östlich. Seit über 200 Jahren ziehen geschickte Handwerker in den nach ihrer ursprünglichen Heimat benannten Leonischen Werken in Stans nun feinste Kupfer- und Silberdrähte. Zierten die aus runden Stangen mit der Hand geklopften und gezogenen hauchdünnen Fäden zuerst die Schulterklappen hoch dekorierter Offiziere, schmückte der Metallzwirn alsbald auch den Nadelbaum am Heiligen Abend.

Kostbare Fäden

Für das Ur-Lametta, gepriesen als Leonisches Lametta, baden die fertigen Drähte in einem echten Silberbad oder sehen mit Messing überzogen fast wie vergoldet aus. Um dann wie ein Schleier von oben bis unten den heiligen Baum wie einen Kokon einzuspinnen. Das Manufactum-Team vergisst auf seiner Internetseite nicht zu bemerken, dass "die kostbaren Fäden natürlich nicht mit dem Weihnachtsbaum entsorgt, sondern für das nächste Jahr aufbewahrt" werden. Ganz Penible stellen sich stundenlang ans Bügelbrett und glätten das grazile Lametta, um es für den nächsten Festtag herzurichten.

Historiker sind sich nicht ganz einig, wer das Lametta erfand. Einige wollen wissen, dass es die Familie Geiershöfer aus dem bayerischen Roth war und diese ihre Idee auf der Kunstausstellung in Nürnberg 1876 zeigte. Andere haben entdeckt, dass zwei Jahre später ein Spielwarengeschäft in Nürnberg die gold- und silberfarbenen Fäden als Christbaumbehang anboten, und glauben, das wäre die Premiere gewesen. Schon 1885 erklärte der damals allwissende Brockhaus zum ersten Mal das Wort "Lametta". Das Lametta, so war man sich allgemein einig, sei ein Symbol für einen Mantel aus Eiszapfen und Schnee, unter dem das neue Leben seine Kräfte sammelt und sich regt, so wie draußen in der Natur.

Kreatives Auffallen

Das traditionelle Lametta hat so gut wie gar nichts mit dem Silbergeflimmel zu tun, was heute meist in den Supermärkten im Advent angeboten wird. Weit entfernt von althergebrachter Handwerkskunst, baumeln in schlichtem Plastikstyling Fasern in Pink, Lila, Petrol oder Braun am Baum. Die Werbung verspricht, das "beschichtete Lametta in irisierendem Design" sorge für "faszinierende Effekte in der Weihnachtsdeko". Lifestyle-Agenturen nennen das zeitgemäß "kreatives Auffallen". Was vor allem die Baumschmücker zunehmend in Aufruhr bringt. Denn die billige, metallisierte Kunststofffolie ist so leicht, dass sie in alle möglichen Richtungen strebt und sich zudem gerne elektrostatisch abstößt.

In Internetforen diskutieren die User über superlatives Auffallen. Selbst grün wird dort gesucht. Wenn man "das ganze Jahr ökologisch korrekt" war, könne es "an Weihnachten mal ordentlich krachen", heißt es im Chat. Gleichzeitig diskutiert man über den Verfall der Schmuckstreifen. Früher sei "das Lametta irgendwie anders gewesen". Metallartiger halt. Jetzt würden "nur dünne Plastikstreifen mit Farbe bedruckt".

Wie gefährlich der Kunststoff-Firlefanz sein kann, zeigte sich, als das schwedische Möbelhaus Ikea in Österreich ihre Lametta-Lichterkette "Strala" zurückrief. "Beim Auswechseln einer Glühlampe könnten Teile des Lamettas in die Lampenfassung geraten, was einen Stromschlag verursachen könnte", hieß es.

Fast wie in alten Zeiten

Wer das Ur-Lametta nicht kennt und beim Plastik-Placebo die Stirn runzelt, der greift immer noch auf die aus Kindertagen bekannte Stanniol-Variante zurück. Und vermeidet aus Umweltschutzgründen das Bleiverkleidete. In Roth bei Nürnberg, früher so etwas wie der Hotspot der Lametta-Industrie, denken viele an die goldenen Zeiten der Lametta-Macherei zurück. In den 1930er-Jahren des letzten Jahrhunderts lieferten die Bayern in mühevoller Heimarbeit über 600 Tonnen Lametta in die ganze Welt. Heute ist die Firma Riffelmacher & Weinberger als eine der wenigen übriggeblieben.

Und fast wie in alten Zeiten wiegen Frauen die versilberte und vergoldete Zinnfolie zu Hause ab, bevor sie die schweren Fäden schön glatt in die Verpackung legen.

Und in Wien bittet wie jedes Jahr die Straßenreinigung nach dem Fest zum Baumsammeln unter dem Motto: "Ohne Lametta wäre netter." (Oliver Zelt, Rondo, DER STANDARD, 20.12.2013)

  • Lametta scheint out zu sein.
    foto: lukas friesenbichler

    Lametta scheint out zu sein.

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