Keine Angst vor steirischen Rebellen

Blog17. Dezember 2013, 08:43
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Die Rebellion gegen gegen den Wiener Außenfeind gehört mittlerweile zur steirischen Folklore

Wenn sie grantig sind, die steirischen Politiker, können sie kräftig auf den Tisch hauen. In früheren Zeiten fielen die Schläge oft so wuchtig aus, dass in den Wiener Parteizentralen die Wände wackelten. Heute wacheln die Wiener aber nicht einmal mehr mit den Ohren, wenn's hinter dem Semmering donnert.

Der steirische Panter, das feuerspeiende Wappentier, flößt keine Angst mehr ein. So wie früher, als die Steirer oft erfolgreich mit ihrer Kampfparole "Steirerblut ist kein Himbeersaft" - den der Volksdichter Reinhard P. Gruber beigesteuert hatte – in Richtung Bundeshauptstadt marschiert sind.

"Lärcherner Stipfl"

Der langjährige ÖVP-Landeshauptmann Josef Krainer II etwa war ein besonders eloquenter Fachmann in Sachen "Wiener-Ärgern". Das war noch in den 1970er- und 80er-Jahren. Damals schreckte man sich in Wien tatsächlich vor den aufmüpfigen Steirern. Auch schon früher unter Krainer senior, dem "lärchernen Stipfl". Kritik am Bund war sozusagen dessen Markenzeichen. Die steirischen Schwarzen hatten jedenfalls bei so ziemlich jeder Demontage eines ÖVP-Bundesparteiobmannes - und deren waren es viele - ihre Finger mit im Spiel. Sie scheuten in ihrem Übermut nicht davor zurück, im Parlament sogar einen Misstrauensantrag gegen einen eigenen Minister, den ehemaligen VP-Verteidigungsminister Robert Lichal, einzubringen. Ministersekretär von Lichal war übrigens Michael Spindelegger.

Die steirische SPÖ hingegen war kreuzbrav. Sie spielte ja auch nur die zweite Geige im Bundesland und genoss sehr bescheidene überregionale Bedeutung. Die steirische ÖVP aber war wirklich eine Macht. Vergleichbar mit der heutigen niederösterreichischen ÖVP unter Erwin Pröll. Sie dominierte die Steiermark 60 Jahre lang - ehe sie 2005 von der SPÖ unter Franz Voves vom Thron gestürzt wurde.

Muskeln für den SPÖ-Chef

Und plötzlich wuchsen auch dem SPÖ-Chef Muskeln. Gut in Erinnerung ist jene Pressekonferenz 2007 von Franz Voves, als er dem damaligen Parteichef Alfred Gusenbauer öffentlich eine Abreibung verpasste, weil er sich bei der Besetzung der Ministerposten von Gusenbauer übergangen fühlte. Voves, dem während der Konferenz ein Telefonat Gusenbauers avisiert worden war, verweigerte das Gespräch mit dem Kanzler: "Der Bundeskanzler will mich sprechen? Ist etwas spät." Stattdessen brummte er ins Mikrofon: "Ich bin kein Weichei, ich war noch nie eines. Ich wäre nicht der Voves, wenn ich das nun nicht sagen würde: So geht man mit mir nicht um." Ein neuer polternder "Krainer" war geboren.

Rebellennummer hat sich ausgeleiert

Und auch sein ÖVP-Stellvertreter Hermann Schützenhöfer fing an, den steirischen Brauch wiederzubeleben. Immer wieder brachten seine Mannen sogar eine organisatorische Loslösung von der Bundespartei nach dem Muster der CSU ins Spiel. Aber die Sache funktionierte nicht mehr so wie früher, die Rebellennummer hatte sich irgendwie ausgeleiert.

Sie ist auch so berechenbar geworden: Immer wenn's im Bundesland nicht rund läuft, muss Wien als Außenfeind her, mit dem strategischen Kalkül, dass die eigenen Reihen im Land wieder enger zusammenrücken. Und genauso dürfen wir auch die jetzigen Wutausbrüche von Voves und Schützenhöfer verstehen.

Geschreckt hat sich niemand

Es war ja auffällig überdreht, als Voves gleich die Bundesfunktion des stellvertretenden Bundesparteichefs hinschmiss und Schützenhöfer vorzeitig unter Protest die Parteivorstandssitzung verließ. Möglich, dass sie sich wieder bei der Ministerbestellungen übergangen gefühlt haben: Die öffentliche Darbietung ihres Grolls sah aber eher nach inszenierter Rebellion für das eigene Publikum aus - nachdem beide mit ihrer Reformpolitik einigermaßen unter Druck stehen und bald Landtagswahlen herannahen. Geschreckt hat sich jedenfalls niemand.

Steirische Folklore

Die Drohgebärden sind Teil des politisches Unterhaltungsprogramms geworden. Stichwort: steirische Folklore. Und auch im Bundesland selbst werden die Muskelspiele kaum noch ernstgenommen. Die Zeiten haben sich geändert. Gemeindefusionen und Pflegeregress gehen mehr an die Nieren als irgendwelche Hahnenkämpfe mit Wien. Die Geschichte hat sich gedreht: Die vermeintlichen Feinde sitzen heute nicht in Wien - sondern als harte Kritiker des Reformkurses in den Gemeinden und Sozialorganisationen, die mit der Sparpolitik zu kämpfen haben. Eine völlig neue Herausforderung, die zwar Beharrlichkeit, aber weniger Muskeln als politische Sensibilität benötigt. (Walter Müller, derStandard.at, 17.12.2013)

  • Hermann Schützenhöfer verließ den Parteivorstand der ÖVP zur Abstimmung über die Koalition vorzeitig.
    foto: apa/gindl

    Hermann Schützenhöfer verließ den Parteivorstand der ÖVP zur Abstimmung über die Koalition vorzeitig.

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