"Die Kröte schlucken und sagen: Assad bleibt"

Analyse16. Dezember 2013, 19:21
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Der USA und dem Westen kommen in Syrien die Verbündeten abhanden

Die von Saudi-Arabien unterstützte Islamische Front etabliert sich als stärkste militärische Kraft. Aber das Regime konsolidiert gleichzeitig seine Kontrolle über wichtige Gebiete.

Damaskus/Washington/Wien – Zwischen peinlich berührtem Schweigen, Aufforderung zum Realismus und Schadenfreude liegen die Reaktionen auf die Aussage von CIA-Exchef Michael Hayden, der vor wenigen Tagen den Verbleib Bashar al-Assads an der Macht die beste der schlechten Lösungen für Syrien genannt hatte. "Jemand muss die Kröte schlucken und sagen: Assad bleibt. Es bleibt uns nichts anderes übrig" , twitterte Joshua Landis, Direktor des Instituts für Nahoststudien an der Universität Oklahoma und profunder Syrien-Kenner.

Hayden hatte bei einer Konferenz drei realistische Optionen für den Kriegsausgang in Syrien entworfen – ein Rebellensieg war nicht dabei. Eins wäre der perpetuierte Konflikt, zwei ein Zerfall Syriens und "Option drei ist, dass Assad gewinnt", sagte Hayden. "Und ich muss Ihnen sagen, dass ich im Moment, so hässlich es klingt, der Option drei als der Besten von drei sehr, sehr hässlichen zuneige."

Der Pessimismus schlug sich vorigen Mittwoch auch in der US-Suspendierung der "nicht letalen Hilfe"  an die Free Syrian Army (FSA) nieder, nachdem diese die Kontrolle über das Hauptquartier ihres Höchsten Militärrats und ihrer Warenlager an die Islamische Front verloren hatte. Am Tag darauf kam die Meldung, FSA-Kommandant Salim Idris sei in die Türkei geflohen. Das wurde danach dementiert – zuvor aber gab es auch noch eine Aufforderung der USA an Idris, nach Syrien zurückzukehren, das heißt, dort wurde es für glaubhaft gehalten.

Wenn die Free Syrian Army völlig zusammenbricht – Auflösungstendenzen zeigt sie seit langem –, dann ist der westlich orientierte Teil der Exilopposition ohne Anbindung in Syrien. Die Gruppen, die USA und Westen unterstützen, werden immer schwächer. Das heißt aber auch, dass die Opposition, die am 22. Jänner mit dem Regime am Verhandlungstisch in Genf sitzen soll, kaum mehr jemanden repräsentiert.

In dieser Beziehung steht Saudi-Arabien, das ja gegen Genf II ist, wesentlich besser da: Die von den Saudis unterstützte Islamische Front ist auf dem Vormarsch. Ihr Kommandant, Zahran Alloush, macht kein Hehl daraus, dass er Riads Mann ist. In seiner 45.000 Kämpfer starken "Supermiliz" , wie sie Landis in seinem Blog nennt, befinden sich aber durchaus auch Kräfte, die nicht nur Assad bekämpfen, sondern auch einen globalen Jihad führen – der sich letztlich auch gegen das saudische Königtum richtet.

Weil Alloush und seine Islamische Front sich im Moment als – relativ – erfolgreichste militärische Kraft etabliert, befassen sich die Experten mit der Frage, wo er eigentlich steht, genauer gesagt, ob er Al-Kaida und anderen radikalen Gruppen in Syrien das Wasser abgraben kann. Arabische Experten hoffen das, aber Landis meint, dass die ideologischen Unterschiede zwischen Alloush und den Jihadisten eher marginal sind – so ist Alloush etwa auch ein Schiiten- und Alawitenhasser.

Ganz unumstritten ist deshalb die saudische Syrien-Politik auch im Königreich nicht: als Spiel mit dem Feuer, das als Radikalisierung auf Saudi-Arabien selbst zurückfallen kann wie in den 1980ern der Afghanistan-Krieg gegen die Sowjets: Eines seiner Produkte war ja Al-Kaida und Osama Bin Laden. Auf regionalpolitischer Ebene gibt es auch Widerstände gegen Riads Politik der Abschottung von den USA und des Zusammenrückens am Golf als Trotzreaktion auf den US-Versuch, mit dem Iran im Atomstreit zu einer politischen Lösung zu kommen.

Konsolidierung des Regimes

Militärisch hat das Assad-Regime weiter Erfolge zu verzeichnen – grausam erkämpft wie am Wochenende in Aleppo mit Bombenabwürfen von Hubschraubern mit Dutzenden Toten. Es ist nicht unrealistisch, dass die Rechnung des Regimes aufgeht, die Kontrolle über zentrale strategische Bereiche zu konsolidieren – die Region um Qusayr im Westen, das Qalamun-Gebirge, Aleppo, Damaskus, im Süden Richtung Jordanien. Das heißt aber nicht, dass in absehbarer Zeit das Regime wieder ganz Syrien kontrollieren wird.

In den "befreiten Gebieten"  geraten die Rebellengruppen, die sonst punktuell gegen die Regimetruppen zusammenarbeiten, immer wieder aneinander. Dort gibt es mit Schmuggel von Waffen und Öl auch eine einträgliche Kriegswirtschaft, deren Einkünfte die Konflikte anheizen. (Gudrun Harrer /DER STANDARD, 17.12.2013)

  • Harter Wintereinbruch auch in Syrien: Kämpfer der Free Syrian Army erfreuen sich im Bezirk Karm al-Jabal eines Schneemanns.
    foto: reuters / saad abobrahim

    Harter Wintereinbruch auch in Syrien: Kämpfer der Free Syrian Army erfreuen sich im Bezirk Karm al-Jabal eines Schneemanns.

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