Lebensmittelvergiftung in Spanien: "Armut hat sie getötet"

16. Dezember 2013, 18:52
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Nach Verzehr verdorbener Waren sind drei Spanier verstorben, Bürger demonstrieren

Betroffenheit regiert nicht einzig in der Kleinstadt Alcalá de Guadaíra mit knapp 73.000 Einwohnern im Großraum Sevilla. Die Tragödie, die sich hier ereignete, bewegt Spanien. Drei Mitglieder einer in Armut lebenden vierköpfigen Familie waren am vergangenen Wochenende wohl an den Folgen einer Lebensmittelvergiftung verstorben: der Vater (61) - ein Installateur, der seit dem Beginn der Wirtschaftskrise 2007 arbeitslos war -, die Mutter (51) und eine der zwei Töchter (14). Eine weitere (13) dürfte die Intensivstation des Spitals Virgen del Rocío hingegen bald verlassen können.

Ernährt hatten sie sich von meist abgelaufenen Waren, die ihnen durch Lebensmittelspenden zur Verfügung standen. Sie teilten das Schicksal vieler Langzeitarbeitslosen, die so gut wie jeglichen Anspruch auf staatliche Hilfen im Spanien während der Krise verloren haben. Und wie so vielen anderen wurde auch jener Familie längst der Räumungsbescheid an die Wohnungstüre geheftet.

Wohnung unter Quarantäne

Am Montag demonstrierten rund 200 aufgebrachte Bürger vor dem Rathaus der Kleinstadt. Sie forderten mehr Sozialhilfe: "Armut hat sie getötet", skandierten sie. Seitens der sozialistischen Stadtverwaltung von Alcalá de Guadaíra drückte Sprecherin Miriam Burgos ihren "Schmerz und ihr Mitgefühl" aus. Wie sie betonte, habe die Familie Sozialleistungen beansprucht: "Sie waren keine Obdachlosen." Bei der örtlichen Caritas, die 700 Familien betreut, suchten sie nicht um Unterstützung an, wie der Verantwortliche, Antonio Muñoz, betont: "Viele Menschen suchen aus Scham nur nachts im Müll."

Über Details verhängte das zuständige Gericht in Sevilla eine Auskunftssperre. Die Wohnung der Opfer steht unter Quarantäne, bis das Expertenteam des andalusischen Gesundheitsdienstes das Sammeln epidemiologischer Proben abgeschlossen hat. Jedoch sollen die Opfer am Freitagabend Fisch gegessen haben. Zweimal hatten sie daraufhin die Rettung gerufen. In der Nacht auf Samstag wurden sie wegen Brechreizes und Übelkeit behandelt. Gegen neun Uhr morgens stellten die Sanitäter bei der älteren Tochter einen Herzkreislaufstillstand fest. Im Spital konnte man auch den Eltern nicht mehr helfen.

"Der tragische Fall ist exemplarisch für viele Familien Andalusiens", kritisierte Antonio Maíllo von der regional mitregierenden Linkspartei. Schuld trage die "selbstmörderische Sparpolitik" der Madrider Zentralregierung. (Jan Marot aus Granada, DER STANDARD, 17.12.2013)

  • Teile der Lebensmittelspenden waren verdorben.
    foto: david

    Teile der Lebensmittelspenden waren verdorben.

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