Die Kühle eines Kammerspiels

16. Dezember 2013, 17:05
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Oscar-Preisträger Christoph Waltz debütiert mit dem "Rosenkavalier" als Opernregisseur und setzte das Werk von Richard Strauss durchaus präzis, aber dann in Summe etwas kühl um

Zu hochverdienten Oscar-Ehren kam Christoph Waltz erstmals, als er neben der Hollywood-Elite in Inglorious Bastard reüssierte. Und zu Opernehren gelangt man bei solch Weltruhm dann auch recht schnell. Als der clevere Intendant der Flämischen Oper, Aviel Cahn, Waltz die Bühne seines Hauses anbot, um in Antwerpen mit dem Rosenkavalier als Opernregisseur zu debütieren, sagte der bekennende Musik(theater)liebhaber jedenfalls zu.

Mit so "leichter Hand" wie Brad Pitt und Co lassen sich professionelle Opernregisseure jedoch nicht an die Wand spielen. Selbige müssten allerdings auch ins Grübeln kommen, so ein Neuling alle bisherigen Rosenkavalier-Versuche auf Anhieb in den Schatten stellen könnte. Oder mit ihnen gleichziehen würde.

Nach den raren zwei Vorfeldinterviews, auf die sich Waltz während seiner sehr ernst angegangenen Arbeit beschränkt hat, war Bilderstürmerei in jedem Fall auszuschließen. Eher war ein szenisches Statement zum Thema Werktreue zu erwarten. Auch konnte man auf den Mehrwert der Erfahrung eines für seine Virtuosität gefeierten, hochsouveränen Mimen in Form von Detailarbeit hoffen. Die lieferte Waltz in der Tat, und das könnte durchaus ein Vorzug sein. Doch eine ausgeklügelte Blick- und Gestenchoreografie für eine Kameranahaufnahme ist das eine. Die Totale der Opernbühne und das artifizielle, aber doch pralle Leben im Hofmannsthal'schen Maria-Theresia-Wien das andere.

Gefahr für Figuren

In Annette Murschetz schlichtem Einheitsbühnenraum gibt es somit szenischen Tumult nur in kleinen Dosen. Die räumliche Nüchternheit ist da quasi die äußere Form für eine beabsichtigte Reduktion aufs Wesentliche. Die räumt jedoch nicht nur mit vermeintlichen Schichten an modischen Inszenierungsklischees auf. Sie lädiert zumindest die sinnlich-opulente Aura der Wiener Maskerade. Mit zu viel Klarheit und Präzision im Detail kommt man dem faszinierenden Charisma der Rosenkavalier-Welt eben nicht zwangsläufig näher. Es lauert auch die Gefahr, die Figuren unterkühlt, die Szenen in der Totale erstarrt wirken zu lassen.

Ausgerechnet bei der Überreichung der Silberrose gelingt bei all dem zelebrierten Kammerspielehrgeiz szenischer Witz: Sie beginnt nicht mit einem optischen Überwältigungscoup, sondern als Irrtum. Erst durch einen dezenten Fingerzeig macht die Leitmetzerin Octavian darauf aufmerksam, dass nicht sie die Braut ist. So wie dann Stella Doufexis den Schock Octavians über seine aufflammende Liebe zu Sophie zu einem darstellerischen Kabinettstück macht, ist das der Höhepunkt der Produktion. Hier ist die Komödie für Musik für einen Moment überzeugend ganz bei sich.

Doch der offenkundige Ehrgeiz des Regisseurs, keine modische Sitcom zu entwerfen, bleibt heikel. Noch so durchdachtes Sitzen und Stehen bleibt aus der Totale vor allem Sitzen und Stehen. Da hilft auch der Einbruch der Vitalität von Baron Ochs nichts. Selten war die Figur über zwei Akte so domestiziert und dann so brutal übergriffig zu erleben wie hier bei Albert Pesendorfer.

Mit vokalem Glanz und dann, im dritten Akt, mit einer Mischung aus Eleganz und trotzigem Selbstbewusstsein einer erfahrenen Frau führt Maria Bengtsson das Ensemble an, bei dem auch Christiane Karg als glockenklare Sophie überzeugt. Dabei macht es ihnen Dmitri Jurowski am Pult des Orchesters der Flämischen Oper nicht gerade leicht.

Er ist durchgängig zu laut, oft zu grob und polternd, bringt mehr Lerchenauer'sche Deftigkeit als Wiener Charme. Schön, dass den Damen eher gegen als mit ihm das Terzett und dann das Schlussduett exemplarisch gelingt. Applaus für die Produktion - und für Waltz. (Joachim Lange, DER STANDARD, 17.12.2013)

  • Grübeln über Vergänglichkeit und Zeit: Maria Bengtsson (als Marschallin) im "Rosenkavalier" von Richard Strauss.
    foto: apa/epa/annemie augustijns

    Grübeln über Vergänglichkeit und Zeit: Maria Bengtsson (als Marschallin) im "Rosenkavalier" von Richard Strauss.

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